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Rezension

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenpos. Matthes & Seitz.

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist ein Werk, das ganz im Zeichen des Widerstands steht. Die 96-jährige französische Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, ist die unangefochtene Heldin dieses mit dem Deutschen Buchpreis 2020 prämierten Versepos. Sie stellte ihr Leben in den Dienst des Kampfs gegen Besatzer, zunächst gegen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs, dann, ab 1954, gegen die französischen Kolonialherren im Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens.

Zunächst scheint es heute ein kühnes Projekt, einen Roman in Versform in Angriff zu nehmen. Allein für diese formale Herausforderung gebührt der Autorin Anne Weber schon Respekt. Der Text ist in Versen von unterschiedlicher Länge gehalten; ein durchgehend gleichbleibendes Metrum wie der für das Epos typische Hexameter ist dabei nicht zu erkennen, was vielleicht manchen Formalisten enttäuschen wird.

Das Epos stellt traditionell männliche Helden in den Mittelpunkt – Achill in der „Ilias“, Odysseus in der „Odyssee“ oder Aeneas in der „Aeneis“ -, die sich im Kampf, auf Reisen und auf Irrfahrten durch Heldentaten bewähren müssen. Nicht selten dient das Genre zudem als Nationalepos der Selbstaffirmation einer ganzen Nation. Etwas anders liegt die Sache bei „Annette, ein Heldinnenepos“.

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„Streulicht“ von Deniz Ohde

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp Verlag.

Chancengleichheit würde herrschen, wenn jeder Person unabhängig von Kategorien wie sozialer Herkunft, Abstammung oder Geschlecht die gleichen Chancen bei Bildung und Beruf offen stünden. In Deutschland bleibt die soziale Herkunft laut der PISA-Studie 2015 entscheidend für den Schulerfolg, und zwar nach wie vor stärker als in anderen Industrienationen. Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hat die soziale Ungleichheit in Deutschland sogar wieder zugenommen.

Deniz Ohde hat sich in ihrem Debütroman „Streulicht“ ganz dem Thema der sozialen Ungleichheit und des Rassismus gewidmet, indem sie mit einem klarsichtigen und unverstellten Blick sowie deutlichen Worten, um es mit Bourdieu zu sagen, den feinen Unterschieden in unserer Gesellschaft nachspürt, die sich von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenleben ihrer Erzählerin ziehen.

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„Herzfaden“ von Thomas Hettche

Thomas Hettche: Herzfaden. Kiepenheuer & Witsch.

Feste Größen der TV-Kinderunterhaltung haben es an sich, dass der Zauber, den man als Kind beim Zusehen verspürte, auch im Erwachsenenalter nicht gänzlich verloren geht. Da gibt es Urgesteine wie die Sendung mit der Maus, Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, tschechische Märchenverfilmungen, Disney-Filme oder aber auch die Augsburger Puppenkiste. Über das Augsburger Puppentheater hat der Schriftsteller Thomas Hettche im September einen Roman veröffentlicht, der von eben diesem Zauber zehrt.

Die Handlung des Romans spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen: eine Handlung in der Vergangenheit, die etwa zu Beginn des Zweiten Weltkrieges einsetzt, und eine Handlung in der rezenteren Gegenwart. Auf der einen Seite ist es ein fantastisches Märchen, in dem die Puppen der Augsburger Puppenkiste, allesamt geschnitzt von Hannelore Öhmichen, genannt Hatü, zum Leben erweckt werden. Auf der anderen Seite finden wir ein Geschichtswerk vor, in dem man die Anfänge der Puppenkiste von 1939 bis zu Beginn der 1950er Jahre kennenlernt und das zwangsweise auch die Grauen des NS-Regimes, die Shoah, den Krieg und die Wirren der Nachkriegszeit nicht ausspart. Aufgrund der geschichtlichen Episoden ist der Roman trotz des Gegenstands Augsburger Puppenkiste eher kein Kinder-, allenfalls ein Jugendroman.

In der Gegenwart schleicht sich ein namenlos bleibendes, zwölfjähriges Mädchen, die Protagonistin dieser Handlungsebene, im Anschluss an eine Theatervorführung durch eine lang verschlossen gebliebene Holztür über eine Wendeltreppe hinauf auf einen geheimnisvollen Dachboden. Dort oben schrumpft das Mädchen auf die Größe einer Marionette zusammen und trifft auf eine Vielzahl von lebendig werdenden und sprechenden Marionetten der Puppenkiste. Begrüßt wird sie von der eleganten Prinzessin Li Si aus dem Stück „Jim Knopf“, daraufhin kommt ein Storch hinzu sowie die eigentlich schon 2003 verstorbene Hannelore Oehmichen, die das Puppentheater mitgründete und später leitete. Sie scheint die Chefin der zahllosen Marionetten auf dem Dachboden zu sein.