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Rezension

Geflüchtete erzählen: „Ich bin mehr.“

Ich bin mehr. Junge Geflüchtete erzählen.
homunculus Verlag.

„Ich bin Zukaa und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Yaman und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Arin und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Ben und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Bennu (…). Dies ist meine Geschichte“. Dass fünf der sieben Gesprächsprotokolle mit jungen Geflüchteten auf diese Weise beginnen, macht die Absicht dieses Buchs deutlich: Hier soll den eingewanderten Personen aus Ländern wie Syrien (drei Gespräche), dem Irak, Somalia, Mali und Ägypten eine Plattform geboten werden, die in der üblichen Medienberichterstattung und in der politischen Auseinandersetzung hinter aufgeladenen Schlagwörtern wie Flüchtlinge und „Flüchtlingskrise“ zu verschwinden drohen.

Die Mission, die Individuen hinter der Masse sichtbar zu machen, ist dem schmalen Werk gelungen. Es entstand aus einem Studienprojekt einer Gruppe Studierender der Evangelischen Hochschule Nürnberg heraus, die dieses Herzensanliegen auch nach Beendigung ihres Studiums fortführten. Die Interviews mit den sieben Protagonistinnen und Protagonisten von „Ich bin mehr“ wurden zwischen 2018 und 2020 geführt und anschließend transkribiert und in eine, so kann man sagen, sachliche und prägnante Sprache gebracht. Jedem Kapitel sind ein paar Seiten mit Informationen zu dem jeweiligen Land und seinen Besonderheiten, der aktuellen politischen Lage, den kulturellen Errungenschaften und der Historie, vorangestellt. Diese landeskundlichen Teile habe ich mit großem Interesse gelesen, da sie eine nicht zu vernachlässigende Ergänzung zu den Interviews darstellen.

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Rezension

„Frausein“ von Mely Kiyak

Mely Kiyak: Frausein. Hanser.

Der Titel „Frausein“ kann einen in die Irre führen. Wer ein Sachbuch mit dem ausschließlichen Thema Frausein oder einen feministischen Essay in der Tradition von Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“) oder Margarete Stokowski („Untenrum frei“) erwartet, wird enttäuscht. Denn „Frausein“ ist vielmehr als das: ein fesselnd geschriebenes Werk über Herkunft, Krankheit, erste Liebe und Partnerschaft, Aufwachsen und Studium als Tochter kurdischer Einwanderer, gesellschaftlichen Aufstieg und den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Immigranten und ihren Angehörigen.

Zugleich schreibt die Autorin und ZEIT-Online-Kolumnistin Kiyak, 1976 geboren, selbstverständlich die Episoden und Anekdoten, aus denen sich das Buch zusammensetzt, stets aus der Perspektive der Frau, die sie ist bzw. geworden ist. Zunächst wächst Kiyak als Mädchen eines türkischstämmigen Fabrikarbeiters auf, der mit seiner Frau als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

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„Die Scham“ von Annie Ernaux

Annie Ernaux: Die Scham. Bibliothek Suhrkamp.

An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.

Mit diesem in seiner Prägnanz und Banalität erschreckenden Satz beginnt die Erzählung „Die Scham“. Die Ich-Erzählerin steigt daraufhin unmittelbar in die Szene ein, die sich an jenem Sonntag bei der Familie am Küchentisch abspielte: Die Mutter ist schlecht gelaunt und beginnt während des Mittagsessens einen Streit mit dem Vater, der auch nach der Mahlzeit fortdauert. Der angesichts der Vorwürfe still gewordene Vater kann sich schließlich nicht mehr beherrschen:

Mit einem Mal begann er krampfartig zu zittern und zu keuchen: Er stand auf, und ich sah, wie er meine Mutter packte, sie in die Kneipe schleifte, und mit rauer, fremder Stimme schrie. […]

In der schlecht beleuchteten Vorratskammer hatte mein Vater meine Mutter mit der einen Hand an der Schulter oder am Hals gepackt. In der anderen hielt er das Beil, das er aus dem Klotz gerissen hatte.

Es kommt nicht zum Äußersten. Alle beruhigen sich wieder und die drei machen sogar am Nachmittag desselben Tages eine Radtour, ehe die Kneipe der Eltern am Abend öffnet. Doch ab diesem Mark erschütternden Ereignis ist für die Ich-Erzählerin nichts mehr wie vorher. Das Datum, der 25. Juni 1952, prägt sich tief in das Gedächtnis der zwölfjährigen Annie ein, für die es zum „erste[n] präzise[n] und eindeutige[n] Datum meiner Kindheit“ (S. 11) wird. Der beobachtete versuchte Mord an der Mutter verursacht bei der Erzählerin zum ersten Mal das Gefühl der Scham, das sie fortan im Alltag, in der Schule und beim Spielen begleitet.