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„Auf dem Weg zu Swann“ von Marcel Proust

Marcel Proust
(Bild: Otto Wegener)

Seit einiger Zeit lese ich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust. Die „Suche“ ist auf Deutsch in zwei Ausgaben erhältlich: einerseits beim Suhrkamp-Verlag in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, andererseits beim Reclam-Verlag in der Übersetzung des Linguisten Bernd-Jürgen Fischer. Ich habe mir die Reclam-Übersetzung besorgt.

Der erste Teil der „Recherche“: „Combray“

Der erste Band der „Recherche“, den ich gerade lese, heißt „Auf dem Weg zu Swann“ und besteht aus drei Teilen: „Combray“, die Kindheitserinnerungen des jungen Ich-Erzählers an die Ferien in dem fiktiven Dorf Combray, „Eine Liebe von Swann“, ein Roman im Roman, in dem die Liebe Swanns zu Odette beschrieben wird, die er im Salon der Verdurins kennenlernt, und „Ländliche Namen: Der Name“, in dem die Reisewünsche des Ich-Erzählers zur Sprache kommen und in dem er Gilberte, die er in Combray flüchtig gesehen hat, in Paris wieder begegnet. Die Reclam-Ausgabe umfasst Anmerkungen, Literaturangaben, eine Inhaltsübersicht mit Kapitelüberschriften und Seitenangaben und einen Namensindex.

Wie Marcel Proust erzählt

Besonders gefällt mir das langsame Erzähltempo in Prousts Werk, von dessen Erzähler man vielleicht annehmen kann, dass er ebenfalls Marcel heißt. (Doch selbstverständlich ist er nicht mit dem Autor Marcel Proust identisch.) Man muss sich dem Roman beim Lesen ganz hingeben, um die langen Sätze, die Proust formt, auskosten zu können. Die Perioden über mehrere Zeilen haben etwas Beruhigendes und können einen sogar in den Schlaf wiegen.

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„Der Fetzen“ von Philippe Lançon

Philippe Lançon: Der Fetzen. Klett-Cotta 2019.

Philippe Lançon, ein französischer Journalist, Literatur- und Kulturkritiker und Autor, schreibt für die Zeitung Libération und die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Am 7. Januar 2015 nimmt er an der Redaktionskonferenz bei Charlie Hebdo teil, als zwei bewaffnete Islamisten das Gebäude stürmen. Er überlebt schwerverletzt. „Der Fetzen“ ist das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

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„Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstadt

Johan Harstadt: Max, Mischa und die Tet-Offensive. Rowohlt 2019.

Johan Harstad wurde 1979 in Stavanger, Norwegen, geboren, wo er auch aufwuchs. Er studierte Literaturwissenschaften und schrieb daraufhin zunächst kürzere Texte und Kurzgeschichten. 2005 veröffentlichte Harstadt seinen Debütroman „Buzz Aldrin, wo warst du in all dem Durcheinander?“, der sich schnell zu einem Kultroman mauserte. Das Buch wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vom Norwegischen Rundfunk als Serie verfilmt.

2015 veröffentlichte Harstadt „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ auf Norwegisch, das ebenfalls in mehrere Länder verkauft wurde und 2019 auf Deutsch im Rowohlt Verlag erschien. Das Buch erhielt international Aufmerksamkeit. Es handelt sich um ein wahres Monumentalwerk, das mehr als 1200 Seiten umfasst.

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„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du. btb 2018.

Leïla Slimani, von der ich bereits vor Kurzem „Alles zu verlieren“ gelesen habe, gewann für „Chanson douce“, in deutscher Übersetzung „Dann schlaf auch du“, 2016 den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Grund genug, diesen Roman zu lesen, in dem eine Nanny außer Rand und Band gerät.

Die Erzählerin beginnt den Roman mit einem erzäherlischen Kniff: Sie weiht ihre Leserinnen und Leser gleich zu Beginn des Textes in das Ende der Geschichte ein, verrät sozusagen den Ausgang der Geschichte, der darin besteht, dass die Kinder der Familie Massé tot sind. Das Kindermädchen hat sie umgebracht. Von nun an wird die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser sich darum drehen, wie es zu dieser absoluten Horrortat kommen konnte.

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„Der Fremde“ von Albert Camus

Albert Camus: Der Fremde. rororo 1996.

Nachdem ich zuletzt „Die Pest“ von Albert Camus gelesen habe, habe ich nun zu einem weiteren Klassiker desselben Autors gegriffen. „Der Fremde“ (im Original „L’étranger“), 1942 bei Gallimard in Paris erschienen, ist Albert Camus‘ erster Roman und wurde zu einem der weltweit meistgelesenen französischen Romane, nach „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry und „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Vernes. Der Roman ist Teil des cycle de l’absurde, zu dem auch „Der Mythos des Sisyphus“ und die Theaterstücke „Caligula“ und „Das Missverständnis“ gehören. Das Buch bedeutete den schriftstellerischen Durchbruch für Albert Camus und wurde in Frankreich eine schriftstellerische Sensation.

Was mich an diesem Text sofort gefesselt hat, war die Haltung des Erzählers namens Meursault. Es handelt sich um einen introvertierten Mann, der über große Teile der Handlung teilnahmslos und weitgehend gleichgültig auf die Ereignisse, die ihm zustoßen, reagiert.

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„Die Pest“ von Albert Camus

Albert Camus: Die Pest. rororo 1998.

Aus aktuellem Anlass habe ich mir die Lektüre eines Roman-Klassikers vorgenommen, der gerade angesichts der zur Corona-Krise passenden Thematik eine Renaissance feiern kann, nämlich „Die Pest“ von Albert Camus. Der Roman handelt vom Ausbruch einer Pest-Epidemie in der Stadt Oran in Algerien in dem Jahr 194… und war bereits kurz nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1947 ein großer Erfolg. Die Zeit der Handlung, die in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts fällt, ist bewusst etwas im Vagen gelassen.

Im Zentrum des Buches steht Dr. Rieux, der sich ganz im Sinne von Camus‘ Philosophie der Absurdität des Schicksals stellt und als Arzt den Kampf gegen die Pest aufnimmt. Ihm zur Seite stehen die beiden Herrn Tarrou und der Journalist Rambert, die sich im Laufe der Pest beide in den Sanitätstrupps engagieren.

Die Pestepidemie beginnt ganz leise und harmlos: Zunächst sterben einige wenige Ratten, dann finden sich immer mehr tote und blutende Ratten auf den Bürgersteigen, in den Straßen und den Häusern der Stadt Oran. Schließlich müssen die Ratten massenweise zur Seite geschafft werden. Nach diesem noch nicht auffälligen Auftakt beginnt die Epidemie, auf den Menschen überzuspringen.

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„Von dieser Welt“ von James Baldwin

James Baldwin: Von dieser Welt. dtv Literatur.

James Baldwin wurde 1924 in Harlem, New York geboren. Seine Mutter verließ seinen leiblichen Vater, weil dieser Drogen konsumierte. Sie zog nach Harlem und heiratete dort den baptistischen Priester David Baldwin, mit dem sie acht Kinder hatte. Auch James Baldwins Stiefvater brachte einen Sohn aus einer früheren Ehe mit in die Ehe, der neun Jahre älter als James war. Die Familie war arm und sein Stiefvater, auf den James in seinen Essays als Vater Bezug nimmt, behandelte James vehementer als seine Geschwister.

Im Jahr 1953 erschien James Baldwins Debütroman, ein halbautobiographischer Bildungsroman über das Großwerden in einem religiösen Umfeld als schwarzer Sohn eines baptistischen Priesters. Der Roman „Go Tell It On the Mountain“ wurde zunächst als „Gehe hin und verkünde es vom Berge“ (1966, Jürgen Manthey) ins Deutsche übersetzt. In der neueren Übersetzung, die diese Rezension bespricht, lautet der deutsche Titel „Von dieser Welt“ (2018, Miriam Mandelkow), er wurde also im Vergleich zum englischen Original deutlich abgeändert.

Im Zentrum des stark autobiographischen Romans „Von dieser Welt“ steht der intelligente, sexuell unschlüssige Jugendliche John Grimes, der in den 1930er Jahren als nicht leiblicher Sohn vom Priester Gabriel Grimes in Harlem aufgezogen wird. Er wird schlechter behandelt als dessen leiblicher Sohn, Roy Grimes. Im Laufe des Romans, der stark von religiöser Terminologie und Sprache durchdrungen ist, lernen wir die Geschichte der Familie Grimes kennen.

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[Rezension] Wie wir begehren von Carolin Emcke

Carolin Emcke: Wie wir begehren. Fischer Verlag.

Carolin Emckes „Wie wir begehren“ ist zwar bereits vor acht Jahren erschienen. Doch ich habe es in letzter Zeit ein zweites Mal gelesen, nachdem es mir bereits bei der ersten Lektüre sehr gut gefallen hatte. Diese Relektüre möchte ich zum Anlass nehmen, um das nicht mehr ganz neue Werk hier zu besprechen.

Carolin Emcke ist bekannt als Publizistin, Autorin und Kriegsreporterin. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Politik in London, Frankfurt am Main und Harvard und promovierte in Philosophie über das Thema „Kollektive Identitäten“. Sie arbeitete für den „Spiegel“ als Auslandsreporterin in vielen Krisengebieten (1998-2006), für Die ZEIT als Autorin und internationale Reporterin (2007-2014) und ist seit 2014 freie Publizistin. Sie schreibt als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung und die spanische Zeitung El Pais. Für ihre journalistische Tätigkeit erhielt Emcke zahlreiche Auszeichnungen.

Außerdem ist Emcke als Buchautorin tätig. In diesem Rahmen schrieb sie 2012 das Werk „Wie wir begehren“. Darin behandelt sie unter Anderem das Thema der kollektiven Identitäten, nämlich das der Geschlechtsidentität und der Homosexualität. Das Buch behandelt in klugen Überlegungen und Rückblicken auf die Erfahrungen von Carolin Emcke das Thema des Begehrens. Wie lernt man das eigene Begehren kennen? Wie entwickelt sich das Begehren? Was passiert, wenn das eigene Begehren nicht der Norm entspricht? Wie erkennt man die eigene Abweichung von der Norm? Ändert sich das Begehren im Lauf der Zeit?

Mich hat die Sprache begeistert, die Carolin Emcke findet, um über das Begehren zu sprechen. Es ist auch heute noch nicht selbstverständlich, sich über das Thema Sexualität mit einer solchen Lässigkeit zu äußern, wie sie das schafft. Sie sucht Parallelen zwischen der legitimen Vielfalt der sexuellen Erscheinungen und den musikalischen Variationen, die ihr ehemaliger Musiklehrer Kossarinsky ihr nähergebracht hat. Sie macht sich auf die Suche nach dem Zustand des Begehrens und der Sexualität im Gazastreifen. Bei einer ihrer Reisen in den Gazastreifen erhält sie auf den Rat einer Freundin hin einen schwulen jungen Mann als Übersetzer ins Englische, der selbst lange nicht über seine eigene sexuelle Orientierung sprechen kann, da Homosexualität dort immer noch strafbar und ein Tabuthema ist.

Es war wunderbar, mit Ibrahim zu arbeiten, er war ein einfühlsamer Mensch und feiner Übersetzer, mit großem Gespür für die verschiedenen Sprachen und Ausdrucksformen unserer Gegenüber […]. Tag und Nacht begleitete uns Ibrahim, und wie er sich so zwischen allen sozialen Gruppen und Konfliktlinien seiner Gesellschaft bewergte, wie er sie uns erläuterte, immer ein bisschen zu aufgeregt, da klang es, als gehörte er nicht dazu zu dieser Gesellschaft.

Wie sollten wir ihn ansprechen? Wie ihn fragen? Alles an ihm musste Aufsehen erregen in dieser Gegend: seine Kleidung, seine Gesten, seine Sanftheit. […] Vielleicht wusste Ibrahim nicht, wie er wirkte? Woher sollte er das auch wissen? […] Wusste er nicht, wie schwul er sich gab? War er überhaupt schwul?

Auf der ersten Reise in Gaza spricht Emcke ihren Übersetzer nicht auf die Fragen an, die sie sich stellt. Sie möchte ihn nicht irritieren. Bei der zweiten Reise nach Gaza kommen dieselben Fragen wieder auf. Emcke erwähnt dabei ihre eigene Homosexualität. Auch eine Szene mit jungen Frauen gibt Aufschluss darauf, dass Ibrahim von anderen als nicht heterosexuell wahrgenommen wird. Erst bei der dritten Reise outet sich Ibrahim als schwul.

Carolin Emcke widmet sich dabei in „Wie wir begehren“ der Frage, wie Geschlecht abhängig von der Kultur unterschiedlich wahrgenommen wird, wie bestimmte Praktiken je nach Kultur Grenzen setzen und Grenzüberschreitungen sofort wahrgenommen werden. So will eine kichernde Gruppe Frauen in Gaza über Emcke wissen, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sei:

„Frag sie wonach ich denn aussehe.“ Ich beoabchtete, wie Hala meine Worte ins Arabische übertrug, dann sprachens ie alle durcheinander, und Hala musste warten, bis sie sich geeinigt hatten, dann übersetzte sie: „Du trägst eine Hose, und hast kurze Haare, und das sieht aus wie ein Junge, aber wenn du lachst und wenn du sprichst, dann bis du eindeutig ein Mädchen.“ Ich musste lachen. Nicht nur, um sie zu vergewissern, dass ich ihnen ihre Zweifel nicht übelnahm, sondern weil das eine schöne Beschreibung war und ich mich darin wiedererkennen konnte.

Emcke macht sich in diesem Werk auf einen Weg, der das Unsichtbare, das nicht Gesehene in den Blick nimmt, es benennt und es sichtbar macht. So wird zum Beispiel beschrieben, wie die Homosexualität in ihrer Kindheit in den 80er Jahren unsichtbar gemacht wurde, während anderswo, in Berlin, New York und San Francisco bereits Aktivisten für die Rechte der Homosexuellen kämpften und aufbegehrten:

[E]s gab nicht nur l#ngst in Deutschland eine lebendige, politische homosexuelle Szene, die sich gegen Diskriminierung zur Wehr setzte, […] aber davon wussten wir nichts. Es drang zu uns nicht durch. Für uns blieb Homosexualität etwas Irreales, Unwirkliches, Heimliches. Das Schweigen über Homosexualität tarnte sich bestenfalls als Mitgefühl. Über diese Menschen wurde nicht gesprochen, sie wurden bedauert, als litten sie an einer tödlichen Krankheit […]. Es gab natürlich Homosexuelle, irgendwo, aber jeder, den es wirklich gab in unserer Welt, der in der Nähe war, […], dem wurden alle Zeichen der Homosexualität entzogen, alle eindeutigen Hinweise wurden bereinigt.

Homosexualität behandelt Carolin Emcke als ein Thema, das ihr persönlich sehr nahe geht. Das wird immer wieder sehr deutlich. Selbstverständlich ist das. Denn Emcke ist ja selbst lesbisch. Sie setzt sich also in diesem Werk auch mit ihrer eigenen Sexualität auseinander, dem Weg dorthin. Wie hat sie sich gefunden? Welche Pfade und Irrwege musste sie beschreiten, ehe sie wusste, dass sie lesbisch ist? Wie kann sie sich heute annehmen? Konnte sie ihre Sexualität schon immer akzeptieren?

Noch leichter wäre es gewesen, wenn ich eine lesbische Frau gekannt hätte, eine, die mit meiner Sehnsucht etwas hätte anfangen können. Ich schrieb und warb, ahnungslos und verschwenderisch, um Mädchen und Frauen, aber ich verliebte mich in Jungs und Männer, die durchaus damit etwas anzufangen wussten. […]

Es ist nicht „gut“ oder „schlecht“, homosexuell zu sein, es ist. So wie es auch kein moralisches Vergehen ist, heterosexuell, transsexuell oder bisexuell zu sein, sondern es ist. Es ist eine Form des Liebens, angeboren oder erworben, angenommen oder gewählt, wechselnd oder beständig, das spielt überhaupt keine Rolle, weil die vielfältigen Arten des Begehrens für normative Fragen keine Rolle spielen.

Ich bin glücklich in meinem Leben, wie ich es mir nie hätte vorstellen können, ich möchte nichts anderes sein, nicht anders begehren, als ich begehre, ich freue mich an dieser Art zu lieben – aber nicht, weil sie moralisch besser oder schlechter wäre als etwas anderes.

Ein weiteres Thema des Bandes ist die Entwicklung von Daniel. Daniel ist ein ehemaliger Mitschüler von Carolin Emcke, der sich selbst das Leben genommen hat. Im Lauf des Bandes verfolgen wir, wie Daniel von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern immer mehr ausgegrenzt wird. Zumindest ansatzweise vermutet Emcke, dass Daniel mit seiner eigenen Homosexualität nicht zurechtgekommen sein könnte, falls er denn schwul gewesen ist.

So sind es immer wieder das Anderssein, das Aus-dem-Raster-Fallen, die Existenz jenseits der Grenzen, der normierten Praktiken und die Grenzüberschreitungen, denen sich Carolin Emcke in ihrem Band „Wie wir begehren“ zuwendet. Sie untersucht, wie Identitäten konstruiert werden, mit einer Geschichte der Kriminalisierung, mit Denunziation und Vernachlässigung, gekoppelt mit Ressentiments, Unwissen, Überzeugungen.

Ich kann das ablehnen, kann es lächerlich finden, ich kann meine Homosexualität für so bedeutungsvoll halten wie meine Rechtshändigkeit, aber es ändert nichts an der sozialen Wirklichkeit um mich herum. Ich kann versuchen, es zu sabotieren, es zu unterwandern, ich kann versuchen, diese Wirklichkeit zu ändern, aber bis ich sie geändert habe, gehört sie zu mir.

Was noch schlimmer ist: Die Etiketten, die doch so gern alles erfassen und sortieren wollen, die Differenzen erfinden und einziehen wollen, verwischen andere Differenzen, sie sind zu groß, zu abstrakt, sie erklären bestimmte Eigenschaften für relevant und vergessen andere.

Sie legt mit diesem Band ein Werk über die Lust, das Begehren, das Verlangen und das Geschlecht vor, das die Grenzen und die Überschreitungen der Grenzen genauestens betrachtet, Parallelen zieht, Beispiele liefert, sei es in der Musik oder auf Reisen, aus ihrer eigenen Lebensgeschichte oder ihrer Berufserfahrung. Die ausgeklügelten Reflektionen laden dazu ein, ihnen zu folgen und sich von ihnen fesseln zu lassen.

ISBN 9783596187195

Bewertung: 4/5