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Geflüchtete erzählen: „Ich bin mehr.“

Ich bin mehr. Junge Geflüchtete erzählen.
homunculus Verlag.

„Ich bin Zukaa und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Yaman und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Arin und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Ben und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Bennu (…). Dies ist meine Geschichte“. Dass fünf der sieben Gesprächsprotokolle mit jungen Geflüchteten auf diese Weise beginnen, macht die Absicht dieses Buchs deutlich: Hier soll den eingewanderten Personen aus Ländern wie Syrien (drei Gespräche), dem Irak, Somalia, Mali und Ägypten eine Plattform geboten werden, die in der üblichen Medienberichterstattung und in der politischen Auseinandersetzung hinter aufgeladenen Schlagwörtern wie Flüchtlinge und „Flüchtlingskrise“ zu verschwinden drohen.

Die Mission, die Individuen hinter der Masse sichtbar zu machen, ist dem schmalen Werk gelungen. Es entstand aus einem Studienprojekt einer Gruppe Studierender der Evangelischen Hochschule Nürnberg heraus, die dieses Herzensanliegen auch nach Beendigung ihres Studiums fortführten. Die Interviews mit den sieben Protagonistinnen und Protagonisten von „Ich bin mehr“ wurden zwischen 2018 und 2020 geführt und anschließend transkribiert und in eine, so kann man sagen, sachliche und prägnante Sprache gebracht. Jedem Kapitel sind ein paar Seiten mit Informationen zu dem jeweiligen Land und seinen Besonderheiten, der aktuellen politischen Lage, den kulturellen Errungenschaften und der Historie, vorangestellt. Diese landeskundlichen Teile habe ich mit großem Interesse gelesen, da sie eine nicht zu vernachlässigende Ergänzung zu den Interviews darstellen.

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Buchliste

32 schöne Bücher aus unabhängigen Verlagen

Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung 2020/21

„Es geht um das Buch!“, heißt es, wenn einmal im Jahr der Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung erscheint. Darin präsentieren 65 spannende unabhängige Verlage sich selbst und ihre Programme. Vor Kurzem ist der neue Katalog für das Jahr 2020/21 veröffentlicht worden. Im folgenden Beitrag werde ich euch aus diesem Anlass meine persönliche Auswahl der interessantesten Romane aus unabhängigen Verlagen vorstellen. Die Romane habe ich aus dem Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung ausgewählt.

Eine kleine Vorwarnung: Der Artikel könnte etwas länger werden, die Liste ebenfalls. Das liegt aber daran, dass er euch ausreichend Stoff für neues Lesefutter bieten soll und genau denjenigen Büchern Raum geben soll, die in den Buchhandlungen nicht an vorderster Stelle präsentiert werden und die auch im Internet und Feuilleton weniger Aufmerksamkeit erhalten. Jetzt geht es aber los mit der Bücherliste. Viel Freude damit!

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„Frausein“ von Mely Kiyak

Mely Kiyak: Frausein. Hanser.

Der Titel „Frausein“ kann einen in die Irre führen. Wer ein Sachbuch mit dem ausschließlichen Thema Frausein oder einen feministischen Essay in der Tradition von Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“) oder Margarete Stokowski („Untenrum frei“) erwartet, wird enttäuscht. Denn „Frausein“ ist vielmehr als das: ein fesselnd geschriebenes Werk über Herkunft, Krankheit, erste Liebe und Partnerschaft, Aufwachsen und Studium als Tochter kurdischer Einwanderer, gesellschaftlichen Aufstieg und den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Immigranten und ihren Angehörigen.

Zugleich schreibt die Autorin und ZEIT-Online-Kolumnistin Kiyak, 1976 geboren, selbstverständlich die Episoden und Anekdoten, aus denen sich das Buch zusammensetzt, stets aus der Perspektive der Frau, die sie ist bzw. geworden ist. Zunächst wächst Kiyak als Mädchen eines türkischstämmigen Fabrikarbeiters auf, der mit seiner Frau als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

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„Der Krieg der Armen“ von Éric Vuillard

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Matthes & Seitz.

Éric Vuillard schreibt Erzählungen, in denen er große Momente der Geschichte auf verdichtete und literarische Weise wiedergibt und sie aus einer neuen Perspektive erzählt. In dem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk „Die Tagesordnung“ (2018) tat er das mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten im Jahr 1933, in „14. Juli“ (2019) blickte er aus der Perspektive des Volks auf die französische Revolution.

In „Der Krieg der Armen“ (2020) verfasst Vuillard die anschauliche Geschichte der Volksaufstände und der Reformationsbewegung, wobei er diese an mehreren Orten, in England, Böhmen und Thüringen, und über einen größeren Zeitraum, zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert, verortet. Lebhaft schildert er im Präsens und mit prägnanten Sätzen das Geschehen. Darunter mengen sich bisweilen überraschende Ausrufe wie „Peng!“ oder „Auwei!“ Im Zentrum des Textes stehen die Theologen und Kirchenreformer John Wyclif (England), Jan Hus (Böhmen) und Thomas Müntzer (Thüringen).

Der Philosoph und Theologe John Wyclif (ca. 1330 bis 1384), der bereits im 14. Jahrhundert die Idee von der direkten Beziehung zwischen Mensch und Gott postulierte und die Bibel ins Englische übersetzte, gilt Vuillard als ein Wegbereiter der Reformation und des Kampfes für die Rechte der einfachen Menschen. Auf sein Wirken reagierte Rom mit einer Bulle, die seine abweichenden Ansichten verurteilte. Sein Schüler John Ball predigte die Gleichheit aller Menschen, wurde allerdings verhaftet. 100.000 Bauern fanden sich in England zusammen, um gegen die vom Parlament beschlossene poll tax und die Leibeigenschaft zu rebellieren. Doch ihr Kampf sollte vorerst erfolglos bleiben.

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„Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ von Dany Laferrière

Dany Lafferière: Ich bin ein japanischer Schriftsteller. Wunderhorn.

„[A]llen, die gern jemand anderes wären“, ist das neueste ins Deutsche übersetzte Werk von Dany Laferrière, „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“, gewidmet. Eine passendere Widmung für dieses rasant erzählte Buch voller Witz und Ironie könnte es kaum geben. Denn das Buch handelt davon, dass ein seit Jahren in Kanada lebender Schriftsteller, der ursprünglich aus Haiti stammt, mit erstaunlichen Ähnlichkeiten zum Autor beschließt, von einem Moment auf den anderen ein japanischer Schriftsteller sein möchte.

Zunächst erklärt der Schriftsteller zu Beginn des Textes seinem Verleger, der Titel seines neuen, noch nicht geschriebenen Buches solle „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ lauten. Der Verleger willigt sofort ein und hält ihm den Vertrag zum Unterschreiben hin. Doch der Buchtitel ist kein bloßes literarisches Spiel. Von nun an möchte der haitianisch-kanadische Autor tatsächlich zum japanischen Schriftsteller werden.

Das ist genau auch meine Methode. Ich erfinde etwas und daran glaube ich.

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„Die Scham“ von Annie Ernaux

Annie Ernaux: Die Scham. Bibliothek Suhrkamp.

An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.

Mit diesem in seiner Prägnanz und Banalität erschreckenden Satz beginnt die Erzählung „Die Scham“. Die Ich-Erzählerin steigt daraufhin unmittelbar in die Szene ein, die sich an jenem Sonntag bei der Familie am Küchentisch abspielte: Die Mutter ist schlecht gelaunt und beginnt während des Mittagsessens einen Streit mit dem Vater, der auch nach der Mahlzeit fortdauert. Der angesichts der Vorwürfe still gewordene Vater kann sich schließlich nicht mehr beherrschen:

Mit einem Mal begann er krampfartig zu zittern und zu keuchen: Er stand auf, und ich sah, wie er meine Mutter packte, sie in die Kneipe schleifte, und mit rauer, fremder Stimme schrie. […]

In der schlecht beleuchteten Vorratskammer hatte mein Vater meine Mutter mit der einen Hand an der Schulter oder am Hals gepackt. In der anderen hielt er das Beil, das er aus dem Klotz gerissen hatte.

Es kommt nicht zum Äußersten. Alle beruhigen sich wieder und die drei machen sogar am Nachmittag desselben Tages eine Radtour, ehe die Kneipe der Eltern am Abend öffnet. Doch ab diesem Mark erschütternden Ereignis ist für die Ich-Erzählerin nichts mehr wie vorher. Das Datum, der 25. Juni 1952, prägt sich tief in das Gedächtnis der zwölfjährigen Annie ein, für die es zum „erste[n] präzise[n] und eindeutige[n] Datum meiner Kindheit“ (S. 11) wird. Der beobachtete versuchte Mord an der Mutter verursacht bei der Erzählerin zum ersten Mal das Gefühl der Scham, das sie fortan im Alltag, in der Schule und beim Spielen begleitet.

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„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Hanser Berlin.

Ein Buch, das ich vor zwei Jahren gekauft habe und mir in der Zeit der Quarantäne vorgenommen habe, ist „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Mit seinen stolzen 960 Seiten ist es nicht gerade eine kurze Lektüre. Wenn man sich aber auf die Leseerfahrung einlässt, wird man reichlich entlohnt. Kein Buch konnte mich im letzten Jahr so mitreißen, keines war entfaltete eine so überwältigende Kraft wie dieses.

Dabei handelt das Buch eigentlich nur von der Freundschaft zwischen vier Freunden, die sich auf dem College kennenlernen: JB, Malcolm, Willem und Jude. Soweit unterscheidet es sich noch nicht weiter von anderen Freundschaftsromanen. Auf den ersten hundert Seiten lernen wir die Freunde und ihre Beziehung zueinander kennen, wir bekommen einige Collegeerfahrungen mitgeteilt, Familiengeschichten, Hintergrundgeschichten, die die einzelnen unter den vier Freunden geprägt haben.

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Buchliste

Bücher wie „Ein wenig Leben“

Mein absolutes Lese-Highlight dieses Jahres war „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Das Buch, das ich bisher nicht auf dem Blog rezensiert habe, behandelt die Lebensläufe von vier College-Freunden in New York, die ein Leben lang ihre Freundschaft pflegen werden. Im Zentrum der Gruppe steht der erfolgreiche und sympathische Jude, der als Anwalt Karriere macht. Er muss zugleich mit seiner traumatischen Vergangenheit zurechtkommen, von der er lange Zeit niemandem erzählt, da er sich für die Narben von gestern schämt.

Was mir an „Ein wenig Leben“ gefallen hat, war nicht nur der Inhalt – die lebenslange Freundschaft von vier einander eng verbundenen, vertrauen Personen, die man im echten Leben kaum je so finden wird, sondern vor allem auch die raffinierte, ja manipulative Erzählweise mit Rückblenden in die Vergangenheit, die es verstand, die Leserinnen und Leser über 960 Seiten im Bann zu halten und einen gelungenen Spannungsbogen aufzubauen. Manchmal musste ich das Buch zur Seite legen, weil mir die Schilderungen von Judes vergangenen Erlebnissen etwas nahe gingen, doch im Großen und Ganzen hat mir die Lektüre den Atem geraubt.

Alternativen für die Zeit nach „Ein wenig Leben“

Doch ich habe bereits viel zu viel über „Ein wenig Leben“ geredet. Denn heute möchte ich über Bücher sprechen, die ähnlich wie „Ein wenig Leben“ sind. Ich habe in den vergangenen Wochen hin und wieder in Buchhandlungen explizit die Frage an Buchhändlerinnen gestellt, ob sie mir ein Werk empfehlen können, das eine solche Ähnlichkeit besitzt. Manche Buchhändlerinnen waren daraufhin etwas ratlos, weil „Ein wenig Leben“ demnach für sich allein stehe und nichts anderes an es herankomme, andere haben ihr Glück probiert. Die Werke, die mir die zweite Gruppe vorschlug, werde ich euch im Folgenden kurz vorstellen:

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„Ich bleibe hier“ von Marco Balzano

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Diogenes.

Marco Balzanos Roman „Ich bleibe hier“ war ein Nummer-1-Bestseller in Italien und steht derzeit auch in Deutschland auf der SPIEGEL-Beststeller-Liste. Und auch wenn ich in Regel bei Bestsellern eher skeptisch bin, hat mich das Thema des Romans über Südtirol zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nämlich vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht nur auf Anhieb gepackt, sondern konnte mich auch überzeugen. Das Buch nimmt den Platz auf der Bestenliste zu Recht ein!

Die Geschichte des Buchs spielt, wie bereits erwähnt, im Vinschgau, genauer in der Gemeinde Graun. Dort leben die Erzählerin Trina, die zu Beginn der Geschichte mit ihren Freundinnen Maria und Barbara eine Ausbildung zur Lehrerin macht. Parallel dazu verliebt sich Trina in den Bauern und Waisenjungen Erich, den sie später heiraten wird und mit dem sie zwei Kinder bekommen wird, zunächst Michael und vier Jahre später Marica, die die Mutter nach einer Romanfigur benennt.

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„Der letzte Satz“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler: Der letzte Satz.
Hanser Berlin.

Weil mir „Der Trafikant“ von Robert Seethaler gut gefallen hat, das Buch über die Freundschaft eines jungen Trafikanten und Sigmund Freuds im Wien des beginnenden Nationalsozialismus, habe ich mir auch das neue Buch vom Autor Seethaler gekauft: „Der letzte Satz“. Zwischen „Der Trafikant“ und „Der letzte Satz“ schrieb Seethaler zwei weitere Romane. Darin geht es – wie auch in „Der letzte Satz“ – um das Thema der Rückschau auf das Vergangene geht. „Ein ganzes Leben“ (2014) thematisiert das Leben des Andreas Eggerer in seinem angestammten Tal, das er nach vielen Jahren Revue passieren lässt. In „Das Feld“ (2018) erzählt Seethaler die rückblickend die Lebensgeschichten von rund zwei Dutzend toten Menschen.

Bei dem Rückblick bleibt Seethaler auch in „Der letzte Satz“, wie es schon im Adjektiv des Titels anklingt: Das Werk handelt von dem Komponisten Gustav Mahler, der von seinem nahenden Tod weiß. Er befindet sich auf einer Schiffsreise von New York nach Europa, die er fiebrig auf dem Deck der America verbringt. Währenddessen denkt er an die Geschehnisse aus der Vergangenheit zurück: Vom Urlaub in den Bergen mit seiner Familie über den Tod seiner Tochter Maria, seine Erfolge als Musiker in Wien und New York, eine Episode beim berühmten Bildhauer Rodin in Paris bis hin zu dem Scheitern der Ehe mit seiner Frau Alma, die aber dann doch weiter zu ihm hält.