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Rezension

„Was zu dir gehört“ von Garth Greenwell

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört.“ Aus dem Englischen von Daniel Schreiber. Berlin: Hanser Berlin.

Der gelobte Debütroman „Was zu dir gehört“ besticht durch die Fähigkeit des Autors, die Beziehungen der Protagonisten sezierend zu analysieren. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen dem namenlos bleibenden Erzähler, der als Universitätsdozent für Englisch in Bulgarien arbeitet und dorthin eingewandert ist, und Mitko, einem arbeitslosen Bulgaren, der von der Hand in den Mund lebt und sich mitunter als Stricher verdingt.

Die Beziehung der beiden beginnt in einem denkbar unschönen Ort, in einer sogenannten Klappe, einer öffentlichen Toilette, von wo sie sich bis in das private Zimmer des Erzählers voranarbeitet. Das Ungleichgewicht der Kräfte in dieser gegenseitigen Abhängigkeit spielt von Beginn an eine Rolle und wird sich bis zum Abbruch der Beziehung durchziehen. Mitko ist dem Erzähler, einem finanziell sorglos in Bulgarien lebenden Eingewanderten, ökonomisch unterlegen, während der Erzähler von Mitkos verführerischem Äußeren und seinem bisweilen fast kindlichem Charme sexuell abhängt. Diese Abhängigkeit beschreibt in knapper Form die beiden Pole weiter Teile des Romans.

Der Text widmet sich den meisten Themenkomplexen, die mit schwuler Sexualität verbunden sind: Sexuelle Promiskuität ist ebenso ein zentraler Gegenstand des Romans wie der Umgang mit der sexuellen Krankheit Syphilis im Kapitel „Maladie française“ und die damit verbundene Scham und gesellschaftliche Ächtung. Zudem wird im Mittelteil des Textes, der der schwächste Teil ist, der Umgang der Familie des Erzählers mit seiner Homosexualität diskutiert.

Insgesamt handelt es sich um einen lesenswerten Roman für all diejenigen, denen es nicht zuwider ist, sich mit der nicht immer logischen Beziehung der beiden Protagonisten auseianderzusetzen. Dabei sei angemerkt, dass die Sprache und der Stil des Romans über den gesamten Umfang des Werks ausgezeichnet sind. Die Gefühle, Stimmungen und inneren Welten der Protagonisten werden in oft unerbittlicher Weise vor Augen geführt, was mir besonders gut gefällt, obwohl es auch langatmig werden kann, wenn es zu sehr eingesetzt wird.

Bewertung: 4/5

Garth Greenwell: „Was zu dir gehört.“

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David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“

David Foenkinos (2018): Die Frau im Musée d’Orsay. Penguin Verlag.

David Foenkinos schreibt mit seinem neuen Roman „Die Frau im Musée d’Orsay“ einen Roman der Schicksalswendungen und der schicksalhaften Verknüpfungen. Ja, wenn man das Buch weglegt, fühlt man sich fast ein wenig an die klassischen Tragödien aus französischer Feder erinnert, da hier so viele sich am Ende fatal auswirkende Begegnungen und Verfremdungen intrigenhaft ineinandergreifen.

Und doch ist dieses Buch ein Werk für sensible Seelen. Es ist spannend geschrieben und lädt doch zum Nachdenken ein. Denn es handelt von dem Professor Antoine Duris, der sein äußerlich erfolgreiches Leben an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon zurücklässt, um nach Paris zu ziehen. Dort wird er… Saalaufsicht im Musée d’Orsay. Er erzählt niemand von seinem überraschenden Umzug nach Paris, nicht einmal seinen Verwandten. Und ebenso kann sich niemand erklären, weshalb Antoine Duris so plötzlich seine Stelle als beliebter Professor hinter sich lässt.

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Ein Monument für Mordechai

Uwe von Seltmann: Es brennt: Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes. homunculus 2018.

Doch der Autor beschäftigt sich auch in allgemeiner Weise mit der jüdischen Kultur, der Geschichte und der politischen Situation des Judentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Einen Teil seines Werks widmet der Publizist Uwe von Seltmann dem jüdischen Leben vor dem Zweiten Weltkrieg und während der Shoah. Zudem erhalten zeitgenössische Literaturkritiker und Feuilletonisten sowie Freunden und Weggefährten Gebirtigs das Wort, die die Shoah, anders als Gebirtig, überlebten.

Mit „Es brennt“ würdigt Uwe von Seltmann den bekannten jüdischen Dichter und Liedermacher Mordechai Gebirtig und dessen Lebenswerk, etwa 120 bis heute gesungene jiddische Volkslieder, in voller Breite. In 12 Kapiteln und auf insgesamt über 300 Seiten legt der Autor die Lebensumstände Gebirtigs und sein Liederwerk ausführlich dar.