Promenades littéraires https://promenadeslitteraires.de Literarische Spaziergänge - Literaturblog Mon, 26 Oct 2020 22:55:11 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.5.1 https://promenadeslitteraires.de/wp-content/uploads/2020/09/cropped-Flaneurvon_Gustave_Caillebotte_-_Jour_de_pluie_a___Paris-scaled-3-32x32.jpg Promenades littéraires https://promenadeslitteraires.de 32 32 182511067 Aus dem Lyrikkabinett: „was Petersilie über die Seele weiß“ von Alexandru Bulucz https://promenadeslitteraires.de/2020/10/26/aus-dem-lyrikkabinett-was-petersilie-ueber-die-seele-weiss-von-alexandru-bulucz/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=aus-dem-lyrikkabinett-was-petersilie-ueber-die-seele-weiss-von-alexandru-bulucz https://promenadeslitteraires.de/2020/10/26/aus-dem-lyrikkabinett-was-petersilie-ueber-die-seele-weiss-von-alexandru-bulucz/#respond Mon, 26 Oct 2020 15:45:22 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=1196 Alexandru Bulucz, geboren 1987 in Alba Julia in Rumänien, legt mit „was Petersilie über die Seele weiß“ seinen zweiten Gedichtband vor. Mit 13 Jahren wanderte er mit seiner Familie nach Deutschland aus. Nach Stationen in Bayern, wo er das Abitur erwarb, studierte Bulucz von 2008 bis 2016 in Frankfurt am Main Germanistik und Allgemeine und […]

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Alexandru Bulucz: was Petersilie über die Seele weiß. Schöffling & Co.

Alexandru Bulucz, geboren 1987 in Alba Julia in Rumänien, legt mit „was Petersilie über die Seele weiß“ seinen zweiten Gedichtband vor. Mit 13 Jahren wanderte er mit seiner Familie nach Deutschland aus. Nach Stationen in Bayern, wo er das Abitur erwarb, studierte Bulucz von 2008 bis 2016 in Frankfurt am Main Germanistik und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Seit 2013 veröffentlicht er regelmäßig Lyrik in Zeitschriften und Anthologien.

Die poetischen Erfahrung merkt man dem vielschichtigen Lyrikband mit dem gewitzten Titel „was Petersilie über die Seele weiß“ an, in dem Erinnerungen, Gegenwartserfahrungen und Bilder aus den verschiedensten Lebensbereichen zusammenfließen. Gleich zu Beginn des Bandes wird in einem einleitenden Gedicht mit losem Programmcharakter – passend zur titelgebendem Petersilie – festgelegt: „Digestion statt Diegese. Schreiben sei Verdauungsstunde, Darmkontrakt. Ich gehe prompt d’accord! Die Selbstverdauung schieb ich weiter vor mir her. Die Verwesung tritt ja schließlich nach dem Tode ein.“

Sowohl die Verdauung, vertreten durch kulinarische und digestive Metaphern, als auch der Tod, die Vergänglichkeit und die Religiosität haben in dem Gedichtband immer wieder ihren Auftritt.

So schreibt der Dichter in „Gespräch mit Baumrinden II“:

Nie nahmst du’s ab, als ich von Boris träumte,
von Feldern grüner Pastinaken. Es war dir gleich
was sich verbarg hinter dem Geschmack des Dills
im Käse aus der Teigtasche,

was Petersilie über die Seele weiß.
Nie fragtest du nach den transsilvanischen Äpfeln
u. warum sie in der kühlenden Erde lagern,
den Pilzen, die Majka anbriet u. salzte,

den Zwetschgen, dem Schnaps, dem Urgroßvater,
dem Holzkreuz am Bach. (…)

Gespräch mit Baumrinden II

An diesem kurzen Ausschnitt lässt sich die rasche Reihung der Ideen und Bilder beobachten, die für die Gedichte dieses Bandes typisch ist. Wo gerade noch von Pastinaken auf Feldern die Rede war, kommen unmittelbar darauf Teigtaschen zur Sprache, die schließlich den Gedanken an die Äpfel, Erde, Majka, Zwetschgen, Schnaps und den Großvater und ein Holzkreuz Platz machen.

Manche Gedankengänge und Assoziationsketten bleiben für die Leserschaft eher undurchschaubar – zu schnell, zu übergangslos sind sie bisweilen – und doch handelt es sich bei den Gedichten von Bulucz um sehr lesbare Gedichte, die im Einzelnen mit klaren Bildern und Metaphern aufwarten.

Da wäre etwa das große Themenfeld Religion, das das lyrische Ich beschäftigt und es immer wieder auf Figuren – etwa der Herr, Heiligenfiguren oder Maria -, Texte – etwa Psalmen und Gebetversatzstücke – und Konzepte – zum Beispiel die Trinität und die Gnade – aus der religiösen Sphäre zurückgreifen lässt.

Ich dachte an ihren Satz der Identität, in dem Euer Name vier Mal
genannt ist, u. Ihr verschwindet von Mal zu Mal. Sie hat Euch
wie ein Missverständnis ausgeräumt u. es mir einverleibt.
Seid gegrüßt, Rose u. Stein, voll der Gnade, gebenedeit seid ihr

unter den Menschen, gebenedeit sei euer Leib u. Korpus.

Religiosität stellt einen bedeutenden Referenzrahmen für den Dichter dar. Auch Fragen der Vergänglichkeit beschäftigen ihn, wenn er sich zum Beispiel die Frage stellt, wo er einmal beerdigt werden wird, und darauf antwortet: „Begrabt mich doch einfach / auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.“

Ein weiterer wichtiger Quell für diesen Text sind Erinnerungen: Erinnerungen an die Zeit in Rumänien, an die Landwirtschaft und das ländliche Leben, an den Krieg in Jugoslawien, Armut, Hunger und geteilte Mahlzeiten, an schwere Arbeit, an den Überlebenskampf, an die Emigration nach Deutschland.

Wahrscheinlich nicht ganz ernsthaft – doch wer weiß das so genau – schreibt er:

Habe wie die Zigeuner
Kupfer geklaut
aus Lastern. Stand an
mit Schrott vor den
Menschen. Es lebe das Bare.

Gespräche mit Kupfer

An das Essen erinnert das lyrische Ich sich folgendermaßen:

Wir, das Elend u. der Wirsing, in der Kohlsuppe,
falls am Ende des Monats überhaupt noch isst,
was man war, da es wundernimmt, dass wir singen

von einer Zeit, die erholt sich wierholen wird,
da mit den Gewürzen aus dem Schrank nur noch
die Gewürze aus dem Schrank zu vergeistigen sind.

Von der Komik des einen im anderen

Über die Emigration nach Deutschland schreibt Bulucz sehr konkret:

In Nadlak hält Duckadam die Stellung. Die Torwarthelden hätten Nicus Mittelsmänner /
beide Arm‘ gebrochen. Jetzt hält er Emigranten an. Wer beschaffte Papiere? Wer treibt uns /
hinaus aus Erinnerungszonen? Wir schulden Zöllnern u. Adams dennoch das Schmieren. /

Granita – staatenloser Panizza.

Dann kommt der Magyar. Wer beschaffte Papiere? Wer treibt uns hinaus aus Erinnerungszonen? /
Auch er will Schmiere. Dann kommt schon der zweite. Wer beschaffte Papiere? /
Wer treibt uns hinaus der Erinnerungszonen? Auch er will das Seine.

Zu Henkersmahlzeit mit der Erinnerungskutsche

Die „Erinnerungszonen“ werden häufig nicht nur von dem lyrischen Ich allein erkundet, sondern mit einem angesprochenen Gegenüber geteilt – Erinnerung als ein Geteiltes, als Dialog.

Das passt zu dem Konzept von Lyrik, das Bulucz verfolgt: Lyrik solle erlebt sein, das Erlebnis erlitten. („Lieber Klaus,“) Außerdem sieht Bulucz im Rückgriff auf sein großes Vorbild Paul Celan „keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht“. Er wolle ein dialogischer Lyriker sein, der Mitgefühl beim Leser erweckt, schreibt er im Nachwort des Gedichtbandes. („Die angelehnte Tür des Gedichts“)

Darin wird auch die Bedeutung der titelgebenden Petersilie näher erklärt: Sie sei für den Dichter, allein schon wegen der lautlichen Ähnlichkeit zwischen „Seele“ und dem zweiten Teil des Wortes „Petersilie“, ein Bild für die Seele. Laut dem Aberglauben mancher germanischer und romanischer Völker ist die Petersilie eine Unglückspflanze. Womöglich kommt ihr diese Stellung deshalb zu, da diese im Altertum zum Bekränzen der Toten und als Pflanze auf Grabhügeln verwendet wurde.

Der Dichter Bulucz sagt von sich selbst im Nachwort, dass er in seiner Dichtung um Lesbarkeit bemüht sei. Und in der Tat lesen sich seine Gedichte sehr gut, auch wenn es Mühe kostet, die zahlreichen Ebenen – Ebenen der Sprache, der Assoziation, der Erinnerungen und Orte – zu entschlüsseln.

Formal handelt sich in der Mehrzahl um Langgedichte, die aus Quartetten in festem Versmaß bestehen. Einige Kurzgedichte finden sich ebenfalls in dem Lyrikband. Dass Bulucz – anders als viele andere Gegenwartsdichterinnen und -dichter – Lyrik in Metrum verfasst, thematisiert der Autor humoristisch in einem fäkalen Teil des Gedichts „Sieben Dignitäten“:

Der Vater beschimpfte die Mutter als öffentliches WC.
Doch das passt nichts in Metrum. Ich muss wiederholen:
Der Vater beschimpfte die Mutter als jedermanns Wasserklosett.
Mit Betonung auf Samenerguss. Denn er meinte die Herrento’lette.

Jetzt dürfte es passen ins Metrum.

Sieben Dignitäten. Notre Dame de Paris et des Fleurs. 15. April 2019 ff., o.

Der Band steckt voller Referenzen: Neben Celan erwähnt Bulucz in seinen Gedicht als Bezüge noch Shakespeare, Jean Genet, César Valejo und Sigmund Freud sowie die französische Dichtergruppe Oulipo. Dazu gesellt sich ein auf der Innenseite des Schutzumschlages abgedrucktes Register von 150 Namen, welches als Lexikon von Personen dienen kann, die in irgendeiner Weise Bedeutung für Bulucz erlangt haben.

Das lexikalische Register umfasst Schriftsteller, Dichter, Komponisten, Maler und Künstler, Dramatiker, Psychiater, Theologen und Kirchenleute, Politiker und Staatsmänner, Comic-Autoren, Regisseure, Philologen und nicht zuletzt Verwandte des Dichters wie seine Großmutter und seinen Großonkel. Ein Sachregister enthält darüber hinaus Erklärungen für einige der zahlreichen rumänischen Begriffe, die in der Dichtung Bulucz‘ auftauchen, sowie für weitere Sonderwörter.

Bei „was Petersilie über die Seele weiß“ handelt es sich um einen Gedichtband voller Entdeckungen, Assoziationen und Ideen. Die rasch aufeinanderfolgenden Bilder, Erinnerungen und Gedanken, die in wohlgeordneter Form und daher gut rezipierbar präsentiert werden, lassen einen beim Lesen nicht so schnell los.

Das Gelesene, insbesondere die verschiedenen, manchmal äußerst originell kombinierten Schichten des Bandes, hallt noch einige Zeit nach. Nicht jeder würde es wagen, religiöse Begriffe neben fäkale Äußerungen zu stellen. Es sind metaphorische Experimentierfreude und gedankliche Lebhaftigkeit, gepaart mit der traditionellen Form, die diesen Band lesenswert machen.

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autorin: Alexandru Bulucz
Titel: was Petersilie über die Seele weiß
Verlag: Schöffling & Co
Erscheinungsdatum: 03.03.2020
Seiten: 120
ISBN: 9783895615078
Kaufpreis: 20 €

Weitere Rezensionen:
FixpoetrySWRSignaturen Magazin

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„Allerorten“ von Sylvain Prudhomme https://promenadeslitteraires.de/2020/10/23/allerorten-von-sylvain-prudhomme/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=allerorten-von-sylvain-prudhomme https://promenadeslitteraires.de/2020/10/23/allerorten-von-sylvain-prudhomme/#comments Fri, 23 Oct 2020 18:25:40 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=1134 „Allerorten“, der Titel dieses Romans, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist. Doch von […]

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Sylvain Prudhomme: Allerorten. Unionsverlag.

„Allerorten“, der Titel dieses Romans, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.

Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wiederbegegnen, verstehen sie sich besser denn je.

Was genau sie damals auseinandergetrieben hat, kommt in dem Text nie zur Sprache, sodass man sich während des gesamten Romans immer wieder die spannende Frage stellt: Warum verstanden sich die zwei Freunde nicht mehr? Man erfährt bloß, dass der Anhalter die Geduld Sachas vor 20 Jahren schon einmal überstrapaziert hat. Außerdem hat es wohl damals eine Rivalität zwischen ihnen gegeben.

Der Anhalter hat seit der letzten Begegnung eine Familie gegründet, die aus seiner Frau Marie und einem Sohn im Schulalter, Agustín, besteht, während Sacha alleinstehend und kinderlos geblieben ist. Der Anhalter und Marie kommen über die Runden, indem er selbständig handwerkliche Aufträge fast jeder Art – Maurerarbeiten, Fliesenlegen, Bäder, Küchen – ausführt und Gelegenheitsjobs annimmt und indem sie belletristische Bücher wie einen Romantext von Lodoli aus dem Italienischen übersetzt.

Überraschend ist nicht nur der Kontrast aus handwerklicher und intellektueller Tätigkeit. Auch sonst sind die Lebensentwürfe von Marie und dem Anhalter von Gegensätzen geprägt, was der Liebe bislang keinen Abbruch tut. Während Marie sich um ihre Arbeit und den gemeinsamen Sohn kümmert, zieht es den 40-Jährigen immer wieder in die Ferne. Dann bereist er für längere Zeiträume per Anhalter ganz Frankreich.

Ich brauche das, sagte er schließlich. So einfach ist das, glaube ich. Ich brauche es. Es gibt Leute, die müssen Sport machen. Es gibt Leute, die trinken, die feiern gehen. Und ich brauche es loszuziehen. Das ist für mein inneres Gleichgewicht notwendig. Wenn ich zu lange nicht losziehe, ersticke ich.

Dabei fährt er anfangs nur über die Autobahnen des Landes, von einer Raststätte zur anderen trampend. Ob er an einem bestimmten Reiseziel ankommt, sei es Paris, Lille oder Brest, ist ihm dabei relativ egal. Es geht ihm vor allem um die Fahrt an sich, den Spaß am Reiseerlebnis.

Bei einem ist sich Sacha sicher: Der Anhalter flieht nicht vor seiner Familie und der Verantwortung. Denn „(e)r war keiner von den Männern, die ersticken, die es drängt, endlich den Ausbruch zu wagen (…).“ Vielmehr hat er das ständig Bedürfnis, anderen zu begegnen, Bekanntschaften und Freundschaften mit neuen Fahrerinnen und Fahrern zu machen. Für den Anhalter ist es nämlich ausnahmslos eine Freude, neue Menschen kennenzulernen.

Ich bin in meinem Leben wenigen Menschen begegnet, für die andere nie lästig, ermüdend, langweilig sind. Sondern immer eine Chance. Ein Fest. Die Möglichkeit eines Mehrs an Leben. Der Anhalter gehörte dazu.

Bei einem Abendessen erzählt der Schriftsteller Sacha von seinem neuen Buchprojekt, welches ebenfalls vom Reisen handelt und den Titel „Die Melancholie der großen Schiffe“ trägt: Es ist die Geschichte einer alten Dame, „die auf Reisen geht, von Stadt zu Stadt, von Begegnung zu Begegnung.“ Da die Dame sich bereits im Ruhestand befindet und keinerlei Verpflichtungen mehr hat, kann sie überallhin reisen, wo sie möchte. Sie reist in dem Buch zu verschiedenen Orten zugleich, „in ein und derselben absoluten Gegenwart“.

Auch der Anhalter hält seine Reiseerlebnisse fest, allerdings fotographisch: Von jeder Fahrerin und jedem Fahrer, der ihn ein Stück weit mitnimmt, egal ob weit oder kurz, macht er mit einer Polaroidkamera eine Aufnahme. Seine Sammlung umfasst Hunderte von Bildern, die er in einer Schublade in seiner heimischen Werkstatt sammelt. Als Sacha etwas später im Roman die Fotos durchzählt, sind es bereits weit über tausend Fotos. An viele der Fahrerinnen und Fahrer kann der Anhalter sich noch erinnern.

Später ändert der Anhalter seine Reisemethode: Er verlässt nun die Autobahnen die Autobahnen, um stattdessen von einem entlegenen Dorf zum nächsten zu reisen. Die Dörfer, in die er sich begibt, sucht er anhand ihrer Namen aus. Es handelt sich überraschend oft um Dörfer mit sprechenden Ortsnamen, zum Beispiel „Beausoleil“ (schöne Sonne), „Le Rendez-vous des chasseurs“ (Jägertreff), „La Réunion“ (Treffen), „Ogres“ (Menschenfresser), „Doux“ (Sanft). An der belgischen Grenze bereist er Dörfer, deren Name mit einem Z beginnt, etwa Zuytpeene, die „letzte Stadt im Alphabet“, oder Zydcooote, Zutkerque, Zoteux, Zouafques.

Um die Verbindung zu Sacha, Marie und Agustín nicht ganz abbrechen zu lassen, sendet er den dreien Ansichtskarten aus jeder neuen Stadt, in die er kommt. An festen Tagen und zu festen Zeiten – montagmorgens und donnerstagabends – ruft der Anhalter außerdem zuhause an, während er unterwegs ist.

Doch wie die Ansichtskarten mit der Zeit immer seltener eintrudeln, so machen sich auch die Besuche des Anhalters zuhause in V. immer rarer. Dauerten seine Touren anfangs in der Regel nur drei, vier Tage dauerten, bleibt er nach Sachas Ankunft in V. ein, zwei Wochen weg. Marie hat es irgendwann über, dass ihr Mann ständig auf Achse ist, wie der Anhalter seinem Freund an der Autobahnraststätte Lançon gesteht.

Ich habe sie gefragt, ob ich ihr fehle, sie hat Nein geantwortet. Sie hat mir ins Gesicht geschaut und die Wahrheit gesagt: dass ich ihr immer weniger fehle. Sie sei traurig (…). Nicht weil ich losziehe. Nicht weil ich nicht da bin. Sondern traurig, weil sie sich daran gewöhnte. Traurig zu spüren, dass meine Abwesenheiten ihr fast nichts mehr ausmachen.

Der Anhalter merkt, dass er durch seine vielen Reisen dabei ist, seine Beziehung zu Marie zu zerstören, die ihm offen gesteht, dass sie Sacha mag. Marie ist zunehmend traurig, wenn die Postkarten vom Anhalter ankommen, während zu Beginn ihre Freude, Traurigkeit und Unmut ausgewogen waren.

Und tatsächlich: Während der Abwesenheit des Anhalters kommen sich Sacha und Marie näher. Sie verbringen zunächst immer mehr Zeit miteinander. Sacha kümmert sich manchmal um Agustín, indem er ihn von der Schule abholt oder danach auf ihn aufpasst, um Marie zu entlasten.

Die Liebesbeziehung zwischen Marie und Sacha, die zu Beginn keine ist, keine sein darf, beginnt mit vorsichtigen Annäherungen, ausgetauschten Küssen, einem ersten Anschmiegen, Umarmungen. Dann geht Marie demonstrativ wieder auf Distanz, weil sie ihren Mann nicht betrügen möchte. Diese emotionale und intellektuelle Bewegung zwischen intuitiver Annäherung, lustvollem körperlichen Kennenlernen und Abstoßung aus rationalen Gründen ist vom Autor sehr fein beobachtet und hervorragend geschildert.

Eine ménage à trois beginnt, bei der einer der Beteiligten nur aus der Ferne zusehen kann, da er fast nie anwesend ist. Und dennoch wird man bei der Lektüre das Gefühl nicht los, dass der Anhalter von Beginn an, womöglich schon bei den ersten Aufeinandertreffen der drei, ein sehr gutes Gespür dafür hat, dass zwischen seiner Frau und dem Neuankömmling Sacha etwas Ernsteres entstehen könnte. Statt gegen diese langsam vonstatten gehende Entwicklung vorzugehen oder Zeichen von Eifersucht an den Tag zu legen, lässt er den Dinge einfach ihren Lauf. Hier wird die wahrhafte Tramperseele offenbar.

Vielleicht ist die zunehmende Nähe zwischen Marie und Sacha einer der Gründe dafür, dass der Anhalter die drei Zuhausegebliebenen nun für immer längere Zeiträume allein in V. lässt. Die beiden fahren auf einen Vorschlag Sachas hin mit Agustín und einem Freund Agustíns ans Meer.

Als kurz nach dem idyllischen Ausflug ans Meer der Anhalter aus der Normandie anruft, wird Sacha kurzzeitig von dem paranoiden Gedanken beherrscht, dass der Anhalter in Wahrheit gar nicht verreise, sondern heimlich ihr Leben in V. beobachte. Eine Nacht lang kurvt er auf der Suche nach ihm mit dem Auto durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt, jedoch ohne fündig zu werden, weshalb er die quälenden Gedanken am Ende verwirft.

Marie sagt nun, dass sie nicht mehr könne – die vielen Reisen des Anhalters werden ihr zu viel. Während Marie, die auf einmal den Impuls hat wegzufahren, für einige Tage verreist, kümmert sich Sacha um Agustín und hütet das Haus. Er fühlt sich dabei wie ein Kuckuck, der sich in ein fremdes, gemachtes Nest setzt – „mit dem Unterschied, dass ich kein Ei in ein fremdes Nest lege, im Gegenteil, ich beschütze die Brut, die schon da ist, ich kümmere mich darum, ich verhalte mich wie eine echte Mutter“.

Als Marie nach zehn Tagen zurückkehrt, wird sie von Agustín mit großer Freude empfangen und berichtet Sacha, was sie erlebt hat. Zunächst hat sie für drei, vier Tage ihren ehemaligen Studienkollegen und Geliebten Jean besucht, der mittlerweile, von seiner Frau getrennt, einen kleinen Verlag führt.

Was ich nach drei Tagen mit Jean vor allem gesehen habe, war, dass der Anhalter mir weiter fehlte. ist ich mich in jedem Augenblick fragte, wo er war, was er machte.

Am Morgen des vierten Tages ist sie ins Auto gestiegen, um nach Norden zu fahren, wo sich nach ihren Kenntnissen der Anhalter in diesem Moment aufhielt, der eine Karte aus den Orten gesendet hatte, die mit Z beginnen. Sie erreicht die Dörfer, die mit Z beginnen und irrt den ganzen Tag mit dem Wagen umher. Sie nimmt sich ein Motel und verbringt mehrere Tage im Norden, um ihren Mann zu suchen, im Bewusstsein, dass ihr Vorhaben eigentlich völlig verrückt ist. Nach vier Tagen passiert das Unwahrscheinliche: Sie findet den Anhalter an einer vierspurigen Straße am Ausgang von Dunkerque.

Nachts nehmen sie sich ein Hotel. An der Rezeption ereignet sich der Moment, der für beide den entscheidenden Wendepunkt in ihrer Beziehung markiert. Der Anhalter verlangt vom Rezeptionisten ein Zimmer für beide. Marie korrigiert ihn, indem sie um ein zweites Zimmer für sich selbst bittet. Am nächsten Morgen fährt Marie wieder nach Hause, wobei sie sich plötzlich immer sicherer und selbstbewusster fühlt.

Von nun ist Sacha immer öfter bei Marie und Agustín zu Besuch und übernachtet sogar. Die drei Zuhausegebliebenen gehen gemeinsam wandern, arbeiten im Gemüsegarten, Marie spielt Klavier und beendet ihre Übersetzung. Sie verbringen einige Tage des Nichtstuns. Das Fortsein des Anhalters wird immer mehr zu einer Tatsache. Zwischen den vier hat sich ein Gleichgewicht eingespielt, das keiner mehr infrage stellt. Das Zusammenleben mit Sacha ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Nachdem Agustín ein Bild von unterirdischen Gängen und dem Krieg gemalt hat, das Sacha an Les Éparges erinnert, fährt der Anhalter dorthin. Daraufhin ersinnen die vier ein Spiel: Sacha, Agustín und Marie diktieren dem Anhalter per Telefon, an welchen Ort er als nächstes reisen soll. Dieser nimmt die Herausforderung an. Währenddessen werden die Postsendungen weniger und bleiben schließlich ganz aus.

Eines Tages im Mai steht der Anhalter vor der Tür, um Sacha abzuholen. Er möchte ihn für zwei, drei Tage auf eine Reise in den Weiler Orion mitnehmen, der auf halbem Weg zwischen Pau und Bayonne liegt. Nur sie beide sollen noch einmal per Anhalter verreisen, wie früher. Gegen Ende des Buches erlebt man das Trampen und das damit einhergehende Lebensgefühl also aus nächster Nähe. Eine schöne Reiseepisode, die „eine vertraute Anspannung“, nämlich das Reisefieber, die „Freude, wieder auf Achse zu sein“ vermittelt.

Nach einem Tag Fahrt kommt Sacha in Orion an. Der Anhalter ist bereits vor Ort, wo er am Fuß eines Wasserturms sitzt, der in dem kleinen Ort kaum zu übersehen ist. Während der Anhalter mit neun Fahrten in das Städtchen gekommen ist, hat Sacha nur fünf gebraucht.

Das sagte viel über uns aus. Der Vorausschauende, Abwägende, Vorsichtige, auf Effizienz Bedachte. Und der Abenteurer, bereit, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen (…).

Sie ruhen sich aus, bauen ihre Zelte neben dem Wasserturm auf und baden im Bach in der Nähe. Daraufhin lernen sie eine Frau aus dem Ort kennen, Souad, die sie abends zu sich nach Hause einlädt, wo sie ihnen ein Abendessen und eine Dusche anbietet. Der literarisch und mythologisch gebildete Sacha erzählt Souad und ihrer Tochter Lila die Geschichte, wie der riesenhafte Jäger Orion zu einem Sternbild wurde. Denn nach Orion kamen die beiden Freunde, wie sie berichten, nur deshalb, weil das Dorf den Namen eines Sternbilds trägt.

Schließlich müssen die Freunde wieder nach draußen, um in ihren Zelten die Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen dann die große Überraschung: Der Anhalter ist weg, abgereist, verschwunden mitsamt seinem Zelt. Sacha sucht im Dorf nach ihm, doch vergebens.

Ich dachte an all die Momente, die wir in den letzten Monaten zusammen verbracht hatten. An die unerwartete Freude, die es mir bereitet hatte, ihn wiederzusehen. Ich dachte an die Worte zurück, die ich vor langer Zeit zu ihm gesagt hatte: Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest. (…) Ich wünschte mir auf einmal, er wäre wieder da.

Nachdem Sacha nach V. zurückgekehrt ist, zieht er endgültig bei Marie und Agustín ein. Er widmet sich wieder seiner künstlerischen Arbeit. Marie gibt ihre Übersetzung ab. Im Juni machen Marie und Sacha Urlaub in Rom und Marseille, während Maries Mutter sich um Agustín sorgt. In Marseille legen sie während der Rückreise einen spontanen mehrtägigen Halt ein, obwohl sie dort eigentlich nur hätten umsteigen müssen. Marie, Agustín und Sacha ziehen daraufhin öfter los, etwa zu der Dune du Pilat. Der Anhalter bleibt ab dem Sommer verschwunden.

Dann erreicht sie im August überraschend eine Mail vom Anhalter, mit der er Hunderte seiner Fahrerinnen und Fahrer zu einem gemeinsamen Fest einlädt. Die Empfänger sollen einfach am nächsten Wochenende in das Dorf Camarade in Ariège kommen und etwas zu essen und zu trinken mitbringen.

Tatsächlich folgen Hunderte von Menschen dem Aufruf, „Menschen jeden Alters, jeden Milieus, jeden Stils. Männer. Frauen. Kinder. Sichtlich Reiche. Sichtlich Bescheidene.“ Nur der Anhalter kommt nicht. Er hat Freude daran, seine Fahrerinnen und Fahrer aus der Ferne zusammenzubringen, ohne selbst an dem ungewöhnlichen Fest teilzunehmen. Er möchte nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, nimmt Sacha an.

Die Feier wird ein Erfolg: Die Leute freuen sich, verblüfft über sich selbst, dass sie der spontanen Einladung gefolgt sind. Sie unterhalten sich miteinander, grillen, baden, spielen, singen. Der Roman schließt also auf eine sehr festliche und fröhliche Weise. Nur der Anhalter bleibt verschwunden. Das Konstante an ihm ist, dass er sich immer wieder entzieht, indem er sich in die Ferne begibt, die auch bei den Lesern im Lauf der Lektüre die Sehnsucht nach einer Reise weckt.

„Allerorten“ ist Werk über die Lust am Reisen, das Abfahren und Ankommen, das Sich-Entfernen und das Zurückkehren. Mal sprüht die Erzählung vor Energie, mal gibt sie sich den leiseren Tönen hin. Eigentlich wäre das Buch die perfekte Urlaubslektüre. Denn der Roman entführt die Leserinnen und Leser in die mehr oder weniger entlegenen Orte Frankreichs, in die Provence, die Normandie, die Bretagne, in Dörfer mit Namen, die man noch nie gehört hat, und an Orte, die man wahrscheinlich nie im Leben sehen wird.

Das Buch bezaubert durch eine gewisse Leichtigkeit, es hat etwas Entspanntes, Lockeres, das das Urlaubsgefühl in den heimischen Lesesessel bringt. In Zeiten, wo das Verreisen aufgrund des Coronavirus nicht möglich ist, kann ein solcher Text wenigstens eine kompensatorische Leistung übernehmen.

Darüber hinaus ist der Text hochgradig intertextuell: Er steckt voller Anspielungen auf andere musikalische wie auch literarische Werke. Der belesene Sacha nennt uns immer wieder Autorinnen und Autoren, auf die er sich bezieht und die für ihn Bedeutung haben, etwa Gustave Flaubert, Lobo Antunes, Claude Simon, Giani Stuparich, oder gegen Ende den Musiker Leonhard Cohen. Auch Marie ist literarisch gebildet: Sie liest Jim Harrison, Susan Sontag, Luca Sau, Antonio Moresco und Marco Lodoli.

Das Buch „Allerorten“ ist somit auch eine Ode an das Leben als Künstlerin oder Künstler, Schriftstellerin oder Schriftsteller und Übersetzerin oder Übersetzer. In dem Roman wird viel mehr als in anderen Büchern gelesen und über das Schreiben und Lesen nachgedacht.

Über Monate arbeitet Sacha in V. an seinem Projekt „Die Melancholie der großen Schiffe“, bei welchem er Leinwände mit safrangelber Farbe bemalt. Immer wieder sitzt er vor seinem begonnenen Word-Dokument. Ganz nebenbei wohnt man so in dem Roman der mit Scheitern und Schwierigkeiten verbundenen Arbeit des Künstlers bei.

Auch eine sehr bildhafte und anschauliche Würdigung der Übersetzkunst mittels einer militärischen Allegorie, vorgebracht von der Übersetzerin Marie selbst, enthält der Text:

Sie verglich die Wörter mit alten Soldaten, die seit Jahrhunderten im Dienst der Sprache stehen. Sie sagte, sie gelangten nicht neu zu uns, sie hätten schon in vielen Schlachten gedient. Ein Wort statt eines anderen zu wählen bedeute, einen Veteranen mit seiner gesamten Geschichte, seinem gesamten Gedächtnis in sein Buch aufzunehmen, da dürfe man sich nicht vertun, sonst laufe die ganze Truppe der bisher gewählten Wörter Gefahr, ihre Einheit zu verlieren.

Als Sacha etwa in der Mitte des Textes in der von Marie angefertigten Lodoli-Übersetzung liest, findet er Gefallen an dem titelgebenden Ausdruck „allerorten“:

Maries Übersetzung war voller Trouvaillen, die mich begeisterten, zum Beispiel die Stelle, wo der Gärtner zum ersten Mal allein im Garten ist und beschließt, die Pflanzen zu gießen, „weil die Sonne sich neigte und Constantino wusste, dies war allerorten die Stunde, um die man die Gärten goss“. Ich liebte diesen Ausdruck, allerorten.

Es fällt immer wieder auf, dass Prudhomme eine eigentümliche Interpunktion benutzt, was den Lesefluss bisweilen etwas unterbricht. Er setzt nach Fragesätzen kein Fragezeichen, sondern einen Punkt. Bei manchen Aufzählungen werden die Elemente der Aufzählung nicht durch Kommata abgetrennt, sondern stehen lose nebeneinander. Hat man sich einmal an diese Zeichensetzung gewöhnt, die auch aus seinen vorherigen Romanen „Legenden“ und „Ein Lied für Dulce“ schon bekannt sein könnte, liest sich der Text sehr flüssig.

Insgesamt erhält man mit „Allerorten“ einen Kunst-, Beziehungs- und Reiseroman, der voller Lebensfreude und -bejahung steckt. Die sich ergebende ménage à trois zwischen Sacha, Marie und dem meist abwesenden Anhalter und die Reisen des Anhalters treiben die Handlung des Romans voran, die voller Überraschungen steckt – Ausflüge, eine plötzliche Rückkehr, die abschließende Feier. So wird es in diesem Text nie langweilig, obwohl im Grunde nicht viel passiert und sich die Dinge eher langsam entwickeln. Das liest sich schön, spannend und erfrischend.

„Par les routes“ wurde 2019 in Frankreich mit dem Prix Fémina ausgezeichnet.

Bewertung: 4/5

Biographische Angaben:
Autor: Sylvain Prudhomme
Titel: Allerorten
Übersetzung aus dem Französischen: Claudia Kalscheuer
Verlag: Unionsverlag
Erscheinungsdatum: 14.09.2020
Seitenzahl: 256
ISBN: 9783293005617
Kaufpreis: 22 €

Weitere Rezensionen:
Literaturkritik.deMein Frankreich

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Das Netzwerk „Schöne Bücher“ bringt zweimal jährlich ein Magazin mit Lesetipps aus mehr als 50 unabhängigen Verlagen heraus. Auf jeder Doppelseite präsentiert ein unabhängiger Verlag die eigene Philosophie sowie drei Bücher aus dem aktuellen Programm.

Der 100-seitige Katalog hat sich zum Ziel gesetzt, etwas Übersichtlichkeit in die kaum zu überblickende Masse an Neuerscheinungen zu bringen, immerhin ingesamt 80.000 Titel jedes Jahr. Ich möchte euch heute meine Auswahl von 18 Titeln vorstellen, die ich aus diesem Katalog entnommen habe.

Lothar Becker: Als Großvater im Jahr 1927 mit einer Bombe in den Dorfbach sprang, um die Weltrevolution in Gang zu setzen.

Eigentlich hätte Großvater lieber per Dekret die Dummheit verboten. Doch sein Freund Herbert, der im Dorf die Hühner schlachtet und wie er eher versehentlich in die Kommunistische Partei eingetreten ist, hat eine andere Idee, wie man die Weltrevolution in Gang setzt: natürlich mit einer Bombe in einer Machtzentrale der herrschenden Klasse! Nachdem ein erster Anschlag auf eine unschuldige Rathaustreppe im Nachbarort noch nicht ganz den gewünschten Erfolg erzielt, flüchtet er mit seiner neuen Freundin Else nach Wien und gerät in die Fänge von Genosse Schmidt und Genossin Olga, die einen weitaus größeren Beweis für seine Loyalität zur Partei einfordern: Er soll den Stephansdom sprengen. Lothar Beckers liebevoll-grotesker Roman ist eine ironische Abrechnung mit Ideologien, Weltanschauungen und den mit ihnen verbundenen Heilserwartungen.

Carpathia Verlag. 256 Seiten. 20 €

Bernd Lüttgerding: Gesang vor Türen.

Hoffnung und Angst. Auf kaum etwas reagieren wir misstrauischer, als auf Veränderung. Dabei hat Stefan Schliefenbeck eigentlich nichts zu verlieren. Er müsste sie nur ansprechen, die hübsche Kassiererin im Bioladen. Wenn da nicht seine Hoffnungen und Ängste wären: Statt sich endlich ein Herz zu fassen, flüchtet er in schwindelerregende Vorstellungen davon, was passieren könnte, und verlegt so die Handlung immer wieder in sein Inneres. Ob Parabel auf die Freiheit oder Hommage an die Tücken des Alltags: „Gesang vor Türen“ ist eine Ein-Mann-Liebesgeschichte, die nie stattfindet – originell, vielschichtig, geradezu universell. Wie schon in seiner Lyrik erreicht Bernd Lüttgerding in seinem Debütroman das schier Unmögliche: eine Legierung aus Leichtigkeit und Tiefe.

Verlag duotincta. 250 Seiten. 17 €

Moritz Hildt: Alles.

Ein kleines Café an der Ostsee. Eine Insel, die zwar genau genommen keine ist, auf der Lukas Seeger aber mehr als zufrieden ist mit seinem ruhigen, gleichförmigen Leben. Als der totgeglaubte erste Ehemann seiner Frau aus heiterem Himmel im Café auftaucht, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die Lukas zwingen, sich auf eine Reise zu begeben, zunächst in die Sümpfe im tiefen Süden der USA und dann in die rote Wüste von Utah. Nach seinem atmosphärischen Debüt „Nach der Parade“ erzählt Hildt eine ebenso fesselnde wie erschütternde Geschichte darüber, wie gut man die Menschen, die einem besonders nahe sind, überhaupt kennen kann – und welches Maß an Wahrheit nötig ist, welches gut, und welches gefährlich.

Verlag duotincta. 268 Seiten. 17 €

Laura Hillmann: Ich pflanze einen Flieder für dich. Auf Schindlers Liste überlebt.

Im Frühjahr 1942 besucht die gebürtige Ostfriesin Hannelore Wolff mit ihren Freundinnen eine Schule in Berlin, als sie die furchtbare Nachricht ereilt, dass ihre Mutter und die Brüder durch die Gestapo deportiert werden sollen. Hannelore fällt die folgenschwere Entscheidung, ihre Familie auf diesem Weg zu begleiten.
In den nächsten Jahren übersteht sie die Schrecken von insgesamt acht Arbeits- und Konzentrationslagern. Obwohl sie vom Tod und von unerträglichem Leid umgeben ist, verliebt sie sich in einen polnischen Kriegsgefangenen. Beide, Hannelore und Dick, schöpfen Hoffnung, als sie einen Platz auf Schindlers Liste ergattern. Aber die versprochene Rettung ist noch nicht besiegelt und Hannelore findet sich plötzlich allein vor den Toren von Auschwitz wieder.
Mehr als nur eine Lebenserinnerung, zeigt diese beeindruckende wie erschreckende Geschichte, wie auch in den grausamsten Zeiten Liebe und Hoffnung gegen den Hass gewinnen.

Aus dem Englischen von Adrian Mills. Echhaus Verlag Weimar. 160 Seiten. 14,80 €

Said Boluri: Der Himmel über der Grenze.

Herbst 1990. Ein kleiner Junge steht staunend mitten in der Nacht unter dem Sternenhimmel. Vor ihm ragt der Ararat auf. Schlepper bringen ihn, seine Mutter, seine Tante und seinen älteren Bruder über die Grenze in die Türkei. Nach den politischen Unruhen im Iran war es für die Familie unsicher, im Land zu bleiben, eine Flucht erschien als die einzige Möglichkeit, den berüchtigten Folterungen im Land zu entkommen, die Oppositionellen drohte. Die Schrecken aus Gefängnissen wie Vakilabad oder Evin erfährt Saids Familie am eigenen Leib. Verstöße gegen Menschenrechte waren im Iran an der Tagesordnung.
Nach einer anstrengenden Flucht wird die Familie in Deutschland wiedervereint. Doch die politische Verfolgung wird hier nur abgelöst durch rassistische Übergriffe und Demütigungen. Und dann taucht auch noch eine Liste mit Namen der Opfer aus den iranischen Todeslagern auf, die Said Boluri zugespielt wird – ein lebensgefährliches Dokument. Ein Wettlauf gegen den Geheimdienst nimmt seinen Lauf.

Mit einem Vorwort von Günther Wallraff. Eckhaus Verlag Weimar. 384 Seiten. 14,80 €

Mona Krassu: Freitagsfische.

Nach dem zweiten Weltkrieg muss Irma Geipel zusammen mit ihren vier Kindern aus ihrer Heimat Breslau fliehen. Die Familie kommt in einer Kleinstadt der Sowjetischen Besatzungszone unter. Dort begegnen ihnen die Menschen misstrauisch, bisweilen feindselig.
Ob der Vater Herbert aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimkehren wird, bleibt lange Zeit ungewiss.
Die junge DDR bringt weitere Konflikte mit sich. Der älteste Sohn Dietmar wehrt sich gegen den propagierten Sozialismus. Noch vor dem Mauerbau flieht er in die BRD. Seine Flucht hat Folgen für die Familie. Irma hängt das Kreuz von der Wand ab. Die Angst bleibt.

Edition Outbird. 352 Seiten. 17,90 €

Stefan Sprang: Ein Lied in allen Dingen: Joseph Schmidt.

Sein Leben war selbst wie eine große tragische Oper. Der jüdische Tenor Joseph Schmidt wird Ende der 1920er Jahre zum Radiostar und Liebling des Publikums, nicht nur in Deutschland. Ob als Opernsänger, Schlagergott oder Filmheld, er hat weltweit Erfolg – und viele Liebschaften und Affären. Als die Nazis die Macht übernehmen, unterschätzt Schmidt die Gefahr für sein Leben. Statt sich rechtzeitig in die USA abzusetzen, beginnt er eine Flucht durch Europa, die in der Schweiz tragisch endet.

Größenwahn Verlag. 250 Seiten. 19,90 €

Florian Scherzer: Zeppelinpost.

München 1931. Carl Dürrnheimer führt ein ereignisloses Leben zwischen Arbeit und seiner vermüllten Wohnung. Eines Tages ändert sich alles. Er bekommt einen ungewöhnlichen Brief aus Brasilien. Von einer Jugendfreundin, die in den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg plötzlich nach Südamerika verschwand. Seine erste, unerwiderte Liebe. Das wilde, von allen begehrte Mädchen das Viertels. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Art frühe WhatsApp-Konversation. Ein Briefaustausch von Kontinent zu Kontinent auf dem damals schnellstmöglichen Weg: per Luftschiff ›Graf Zeppelin‹. In nur drei Tagen von Deutschland nach Brasilien.

Hirschkäfer Verlag. 312 Seiten. 18,90 €

Rob van Essen: Der gute Sohn.

Die nahe Zukunft: Zwei 60-jährige Männer begeben sich auf eine geheimnisvolle Mission, deren wahren Zweck nur einer von beiden kennt. Der andere, ein zwischen Meditationskurs und Groll gefangener Schriftsteller, hat vor Kurzem seine Mutter begraben. So beginnt kurzerhand eine kuriose Reise durch eine Welt, die sich für uns genauso ungewohnt anfühlt wie für den gealterten Erzähler: eine Welt mit bedingungslosem Grundeinkommen, gesprächigen selbstfahrenden Autos und ironischen Robotern. Gleichzeitig beginnt eine Reise in die Vergangenheit eines Sohnes, der nach dem Tod seiner Mutter Bilanz zieht. Die Fahrt ins Ungewisse wird letztendlich zu einer Suche nach der Kompatibilität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

homunculus Verlag. 384 Seiten. 25 €

Florian Stein: Zwischen Menschlichkeit.

Was haben Hungerkünstler, Roboter, Äpfel und Birnen, Rembrandt und Hinterhöfe gemeinsam? Sie alle verdichten sich in diesem Buch zu Symbolen für einen der wichtigsten Aspekte unseres Lebens: den Anderen. In emotionsgeladener Lyrik, sprachverliebten Poetry-Slam-Texten und vielschichtigen Erzählungen schreibt Florian Stein über Einsamkeit, Zweisamkeit und Gemeinsamkeiten und skizziert zugleich ernst und charmant die abstrakten Umrisse von Gefühlswelten.
Klingt pathetisch, ist aber ziemlich wunderbar.

Lektora Verlag. 224 Seiten. 13,90 €

Jobst Mahrenholz: Tullio.

Tullio ist ein feinsinniger zeitgenössischer Entwicklungsroman für all jene, die sich über Zwischenmenschliches Gedanken machen, die die leisen Töne schätzen und all das interessiert, was es zwischen den Zeilen zu entdecken gibt. Erzählt wird die Geschichte eines Jugendlichen, dessen nicht vorhandene Selbstbestimmtheit von seinem Umfeld ausgenutzt wird.

Main Verlag. 168 Seiten. 14 €

Florian L. Arnold: Pirina.

Zuerst sind es nur Geräusche hinter der dünnen Wand zur Nachbarwohnung, die der Erzähler wahrnimmt und die ihm im Laufe der Zeit immer vertrauter werden. Dann lernt er Pirina kennen, geflohen aus einem fernen Land, wie er selbst. Sie erzählen sich ihre Geschichte, die Geschichte ihrer verlorenen Eltern und ihrer verlorenen Heimat.

Mirabilis Verlag. 192 Seiten. 18 €

Reinhard Kuhnert: Abgang ist allerwärts.

Ostdeutschland, Mitte der Siebzigerjahre. Der aufstrebende junge Theater-Autor Elias Effert zieht in ein kleines Mecklenburger Dorf, um hier ungestört arbeiten zu können. An die Anonymität der Großstadt gewöhnt, wird er bald von der spröden Herzlichkeit der Dorfbewohner überrascht, die ihn in ihrer Mitte aufnehmen. Er erfährt ihre Lebensgeschichten und Geheimnisse und baut mit ihrer Hilfe das dort erworbene, stark verwitterte Haus wieder auf. Zunehmend gerät er jedoch in Konflikt mit den Zensoren des Landes, bis die Aufführung seiner regimekritischen Arbeiten für Bühne, Funk und Fernsehen endgültig verhindert und verboten wird. Effert sieht für sich keinen anderen Ausweg, als das Land in Richtung Westen zu verlassen. Und während seine angeblichen Freunde in der Stadt ihn fallenlassen, sind es die Dorfbewohner, die ihn unterstützen.
Reinhard Kuhnert erzählt entlang seiner eigenen Biografie und lässt den Leser tief in das Leben auf dem Land in den letzten Jahren der DDR eintauchen.

Mirabilis Verlag. 232 Seiten. 20 €

Jens Jüttner: Als ich aus der Zeit fiel.

Zehn Jahre Albtraum. Zehn Jahre voller Ängste. Eine Krankheit, bei der das ganze Leben aus den Fugen gerät. Die Diagnose Schizophrenie verbreitet gemeinhin Schrecken, und das nicht ohne Grund. Jens Jüttner berichtet aus eigener langer Erfahrung über seine paranoide Schizophrenie. Offen erzählt er über seinen langen Weg mit vielen Tiefen, und wie er es am Ende geschafft hat, aus der Krankheit herauszufinden. Das Buch klärt auf, wirbt um Verständnis und will anderen Betroffenen und deren Umfeld eine Hilfestellung sein und Mut machen – informativ, emotional, spannend, authentisch geschrieben.

Pinguletta Verlag. 138 Seiten. 13,90 €

Walter Hansen: Die Edda: Die germanischen Göttersagen.

Die Texte der Edda sind die Vorlage fast aller überlieferten germanischen Göttersagen. Ohne die Schriften der Prosa- und Lieder-Edda, die sich in diesem Band veröffentlicht finden, wüssten wir nahezu nichts über die Götterwelt der Germanen, über Odin und Thor, Loki und den von ihm ermordeten Sonnengott Baldur, über Fenrirwolf und Midgardschlange. Wir wüssten nichts über die Götterburg Asgard oder das düstere Totenreich der Hel, nichts von Abenteuern und Kämpfen zwischen Asen und Riesen, nichts von Ragnarök, der Götterdämmerung. Die hier veröffentlichten Texte stützen sich auf die Originaltexte der Simrockschen übersetzung. Ausführlich und vom Herausgeber in Marginalspalten gekennzeichnet werden dem Leser Begriffe vielerorts direkt erklärt und Handlungen verständlich gemacht.

Regionalia Verlag. 160 Seiten. 7,95 €

Samuel Kramer (Hrsg.): Poetry for Future: 45 Texte für übermorgen.

Jede Krise setzt kreative Potenziale frei. Das beweist diese Anthologie mit Beiträgen aus der Poetry-Slam- und Lyrikszene Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, die sich allesamt mit der Klimakatastrophe, dem Artensterben und einer ungewissen Zukunft auseinandersetzen. Plötzlich werden Kekse aus fremden Dimensionen eingefahren, die Korallenriffe werden rasiert, Botox wird in die Alpen gespritzt und das Rennauto gegen einen Bollerwagen getauscht.
45 außergewöhnliche literarische Perspektiven auf das vermutlich wichtigste Problem der Menschheit: dystopische, postapokalyptische Szenarien, optimistische Visionen einer besseren Zukunft, präzise Analysen, schmerzende Satire und poetische Umdeutungen. Sie bilden alle Reaktionen ab, die die Krise in uns auslöst: Hoffnung und Angst, Wut und Trauer, Zynismus und Erfindungsreichtum. 25 % des Gewinns werden an Klimaschutz-Projekte gespendet.

SATYR Verlag. 200 Seiten. 16 €

Stef/Sven Hensel (Hrsg.): Fantastische Queerwesen und wie sie sich finden.

Ein typischer Poetry Slam ist witzig, ernst, lyrisch, politisch, privat – vor allem aber bunt. Und so mischen auch immer mehr queere Menschen im Zen­trum des Geschehens mit.
36 überwiegend junge, queere Slampoetinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz begeben sich auf eine unterhaltsame, abwechslungsreiche und höchst informative Entdeckungsreise durch LGBTIQ-Lebenswelten und ein rundum diverses Universum.
Ihre Texte handeln nicht selten vom Finden: Wie sie sich selbst finden, wie sie andere finden, wie sie einander finden. Wer Vielfalt sucht, wird sie in diesem Buch finden.

SATYR Verlag. 176 Seiten. 14 €

Reinhard Ammer: Elfenfeld.

In seinem E-Werk »Elfenfeld« schafft es Reinhard Ammer, mit nur einem Vokal, dem “e” (und einem Misston) eine ganze Heldenlegende aus fernen Zeiten zu erzählen. Es ist eine Geschichte von elf sexversessenen Elfen, welche auf Betreiben des Melker Erzschelms Wenzel Schenk elf bekennenden Schwerverbrechern das grausige Handwerk legen wollen.

Schillo Verlag. 64 Seiten. 13,80 €


Einen herzlichen Dank an den Wannenbuch Verlag für die postalische Zusendung des Katalogs „Schöne Bücher“ Herbst/Winter 2020/2021!

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Gewinnspiel: 6 Bücher zu verlosen https://promenadeslitteraires.de/2020/10/17/gewinnspiel-buecher-zu-verlosen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=gewinnspiel-buecher-zu-verlosen https://promenadeslitteraires.de/2020/10/17/gewinnspiel-buecher-zu-verlosen/#comments Sat, 17 Oct 2020 11:58:16 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=1075 Heute wende ich mich an Euch, weil es etwas zu gewinnen gibt. Genau, richtig gehört. Es findet ein Gewinnspiel statt. Ich verlose sechs Bücher, vier Hardcover und zwei Taschenbücher. Und um teilzunehmen, müsst ihr auch gar nicht viel tun. Die Teilnahmebedingungen folgen weiter unten. Die Preise Hier zunächst die sechs Preise im Einzelnen, die unter […]

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Heute wende ich mich an Euch, weil es etwas zu gewinnen gibt. Genau, richtig gehört. Es findet ein Gewinnspiel statt. Ich verlose sechs Bücher, vier Hardcover und zwei Taschenbücher. Und um teilzunehmen, müsst ihr auch gar nicht viel tun. Die Teilnahmebedingungen folgen weiter unten.

Die Preise

Hier zunächst die sechs Preise im Einzelnen, die unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Losverfahren verlost werden.

David Grossmann: Was Nina wusste.

Es gibt Entscheidungen, die ein Leben zerreißen – Wer könnte eindringlicher und zarter davon erzählen als David Grossman

Drei Frauen – Vera, ihre Tochter Nina und ihre Enkelin Gili – kämpfen mit einem alten Familiengeheimnis: An Veras 90. Geburtstag beschließt Gili, einen Film über ihre Großmutter zu drehen und mit ihr und Nina nach Kroatien, auf die frühere Gefängnisinsel Goli Otok zu reisen. Dort soll Vera ihre Lebensgeschichte endlich einmal vollständig erzählen. Was genau geschah damals, als sie von der jugoslawischen Geheimpolizei unter Tito verhaftet wurde? Warum war sie bereit, ihre sechseinhalbjährige Tochter wegzugeben und ins Lager zu gehen, anstatt sich durch ein Geständnis freizukaufen? „Was Nina wusste“ beruht auf einer realen Geschichte. David Grossmans Meisterschaft macht daraus einen fesselnden Roman.

Hanser Verlag. 353 Seiten. 25 €

Jérôme Ferrari: Nach seinem Bilde.

Antonia, eine junge Fotografin, trifft auf Korsika eines Abends unerwartet auf den Söldner Dragan, den sie Jahre zuvor im Jugoslawienkrieg kennengelernt hat. Nach Stunden intensiver Unterhaltung entscheidet sich die junge Frau heim in die Berge zu fahren und verunglückt tödlich.
Die Totenmesse wird von ihrem Onkel, einem Priester abgehalten. Um seine unendliche Trauer über den Tod der innig geliebten Nichte im Zaum zu halten, entscheidet er sich für die strikte Einhaltung der Regeln der Liturgie. Im Glutofen der kleinen Kirche aber steigen Bilder der Erinnerung aus dem Leben der Verstorbenen auf …
Sie führen vom militanten Nationalismus auf Korsika über die verheerenden Kriege des 20. Jahrhunderts ins Herz der Frage nach der menschlichen Existenz, dem Glauben, der Macht von Politik und bringen unsere Vorstellung von Zeit, Wirklichkeit und Tod ins Wanken.

Secession Verlag für Literatur. 208 Seiten. 20 €

Colum MacCann: Apeirogon.

Rami Elhanan und Bassam Aramin sind zwei Männer. Rami braucht fünfzehn Minuten für die Fahrt auf die West Bank. Bassam braucht für dieselbe Strecke anderthalb Stunden. Ramis Nummernschild ist gelb, Bassams grün.
Beide Männer sind Väter von Töchtern. Beide Töchter waren Zeichen erfüllter Liebe, bevor sie starben. Ramis Tochter wurde 1997 im Alter von dreizehn Jahren von einem palästinensischen Selbstmordbomber vor einem Jerusalemer Buchladen getötet. Bassams Tochter starb 2007 zehnjährig mit einer Zuckerkette in der Tasche vor ihrer Schule durch die Kugel eines israelischen Grenzpolizisten.
Ramis und Bassams Leben ist vollkommen symmetrisch. Ramis und Bassams Leben ist vollkommen asymmetrisch. Rami und Bassam sind Freunde.
Apeirogon: eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten.
Während „Apeirogon“ nach und nach seine nahezu unendlichen Seiten auffächert und die beiden Männer in seiner Mitte rahmt, entfaltet sich der Palästinakonflikt in seiner ganzen Historie und Komplexität. Dies ist Colum McCanns überwältigendes Meisterwerk – ein Roman, der das Unbeschreibliche sinnlich und sinnhaft erfahrbar, greifbar macht. Ein kaleidoskopischer Text stellt die zeitlose Frage: Wie leben wir weiter, wenn das Liebste verloren ist? Und: Wie kann der Mensch Frieden finden? Mit sich selbst, mit anderen.

Rowohlt Verlag. 608 Seiten. 25 €

Raymond Queneau: Zazie in der Metro.

Madame Grossestittes will ungestörte Stunden mit ihrem Liebhaber verbringen. Deshalb übergibt sie ihre Tochter Zazie gleich bei der Ankunft an der Gare d´Austerlitz ihrem Bruder Gabriel, der in einem Cabaret arbeitet. Bei ihrem Onkel lernt die freche Zazie Gabriels Frau Marceline kennen, den Taxifahrer Charles, Turandot, dem die Kneipe unten im Haus gehört, die Kellnerin Mado, den Papagei Laverdure und vor allem das überbordende Paris selbst. Zazie hat einen einzigen Herzenswunsch – sie will einmal im Leben mit der Metro fahren. Doch die wird ausgerechnet an diesem Wochenende bestreikt.
Dachten wir bisher! Aber nach sechzig Jahren kommt Zazie in dieser erweiterten Ausgabe des Romans erstmals wirklich in die Metro…

Zazie in der Metro ist einer der beliebtesten französischen Romane des 20. Jahrhunderts – eine wilde, verspielt und deftig erzählte Geschichte über Paris, über die Sprachen des Alltags und über die abenteuerlustige, neunmalkluge Zazie, die so ziemlich ALLES auf den Kopf stellt.

Suhrkamp Verlag. 240 Seiten. 22 €

David Szalay: Was ein Mann ist.

Neun Männer im Alter von 17 bis 73, jeder von ihnen in einem kritischen Moment seines Lebens, jeder auf seiner Reise durch ein Europa ohne Grenzen – von London bis Prag, von Belgien bis Zypern. Sie alle müssen sich beweisen, mit Frauen oder woran sie sich sonst klammern. Raffiniert dringt Szalay in die Psyche des modernen Mannes ein.

dtv Verlag. 512 Seiten. 12,90 €

Franzobel: Das Floß der Medusa.

Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?

btb Verlag. 592 Seiten. 12 €

Wie man mitmachen kann

Du möchtest dein Glück versuchen? Mitmachen ist ganz einfach: Du hinterlasst unter diesem Beitrag einen Kommentar, in welchem du folgende zwei Fragen beantwortest:

  • Welche Art von Büchern liest du besonders gern?
  • Welches von dir gelesene Buch hat dir 2020 bisher am besten gefallen?

Du musst beim Kommentieren eine gültige E-Mailadresse angeben, damit anschließend ein Kontakt möglich ist, um Weiteres zu klären. Das Gewinnspiel läuft bis zum 24. Oktober um 23:59 Uhr.

Ich drücke jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer die Daumen!

Teilnahmebedingungen

  • Die Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein oder haben das Einverständnis der Eltern.
  • Falls du gewinnst und unter 18 Jahre bist, musst du eine Einverständniserklärung deiner Eltern vorweisen können, damit die Adresse an mich herausgeben darfst.
  • Es besteht keine Haftung, sofern ein Gewinn auf dem Postweg verloren geht.
  • Die Adressen und Daten der Gewinner werden nach dem Versand der Gewinne gelöscht und nicht weiter gegeben.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Die Teilnahme ist auf Deutschland und Österreich beschränkt.
  • Die Ziehung erfolgt nach dem Zufallsprinzip.
  • Das Gewinnspiel endet am 24. Oktober um 23:59 Uhr.
  • Die Gewinner werden zwischen dem 25. und dem 26. Oktober ausgelost.

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„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber https://promenadeslitteraires.de/2020/10/16/annette-ein-heldinnenepos-von-anne-weber/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=annette-ein-heldinnenepos-von-anne-weber https://promenadeslitteraires.de/2020/10/16/annette-ein-heldinnenepos-von-anne-weber/#comments Fri, 16 Oct 2020 13:03:34 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=1054 „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist ein Werk, das ganz im Zeichen des Widerstands steht. Die 96-jährige französische Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, ist die unangefochtene Heldin dieses mit dem Deutschen Buchpreis 2020 prämierten Versepos. Sie stellte ihr Leben in den Dienst des Kampfs gegen Besatzer, zunächst gegen die […]

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Anne Weber: Annette, ein Heldinnenpos. Matthes & Seitz.

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist ein Werk, das ganz im Zeichen des Widerstands steht. Die 96-jährige französische Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, ist die unangefochtene Heldin dieses mit dem Deutschen Buchpreis 2020 prämierten Versepos. Sie stellte ihr Leben in den Dienst des Kampfs gegen Besatzer, zunächst gegen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs, dann, ab 1954, gegen die französischen Kolonialherren im Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens.

Zunächst scheint es heute ein kühnes Projekt, einen Roman in Versform in Angriff zu nehmen. Allein für diese formale Herausforderung gebührt der Autorin Anne Weber schon Respekt. Der Text ist in Versen von unterschiedlicher Länge gehalten; ein durchgehend gleichbleibendes Metrum wie der für das Epos typische Hexameter ist dabei nicht zu erkennen, was vielleicht manchen Formalisten enttäuschen wird.

Das Epos stellt traditionell männliche Helden in den Mittelpunkt – Achill in der „Ilias“, Odysseus in der „Odyssee“ oder Aeneas in der „Aeneis“ -, die sich im Kampf, auf Reisen und auf Irrfahrten durch Heldentaten bewähren müssen. Nicht selten dient das Genre zudem als Nationalepos der Selbstaffirmation einer ganzen Nation. Etwas anders liegt die Sache bei „Annette, ein Heldinnenepos“.

Einerseits besingt Anne Weber die heldenhaften Taten einer Frau statt eines Mannes, was man in die Tradition von Frauenfiguren wie der Amazone Penthesilea bei Kleist, der Didogestalt in Vergils „Aeneis“ oder der Walküre Brünhilde im „Hervorlied“ stellen könnte, andererseits ist Annette Beaumanoir darüber hinaus kein bisschen staatstragend, keine die Leserinnen und Leser im Sinne der nationalen Einheit versammelnde Figur, sondern im Gegenteil subversiv – eine Heldin des Widerstands, die sich gegen jegliche Form von staatlicher, politischer und militärischer Repression einsetzt.

Die Tradition des Epos wird dadurch aufgegriffen, dass mythologische Figuren wie Odysseus und Saturn im Text zitiert werden. Auch der bekannte Ausspruch „Ich heiße Niemand“, den der listige Odysseus gegenüber dem Zyklopen Polyphem äußert, als dieser ihn nach seinem Namen fragt, wird mit Blick auf Annette mehrmals gebraucht. Daraus ergibt sich ein gewitztes Spiel mit den Begriffen „Niemand“ und „Jemand“, zwischen denen Annette im Verlauf ihres Lebens oszilliert.

Ebenfalls typisch für ein Epos sind die wiederkehrenden intertextuellen Anspielungen – bei Anne Weber auf Autoren wie André Malraux, Aimé Césaire oder Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir -, wenn auch freilich im klassischen Epos eher Vorgänger wie Homer und Vergil und klassische Motive und Elemente wie der Götterapparat, die Ekphrasis, der Unterweltsgang und Heldenkataloge zitiert wurden. Es handelt sich also um ein Epos in aktualisierter Form, welches die traditionellen Form- und Motivvorgaben bewusst unterläuft.

Anne Beaumanoir, ca. 1940

Doch wer ist diese Anne Beaumanoir, genannt Annette, denn nun? Sie wächst in bescheidenen Verhältnissen in einer Stadt in der Bretagne auf. Ihre Eltern führen ein Café-Restaurant in Dinan, das ab 1936 zu einem Zufluchtsort für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge wird. 1938 kommt auch eine erste deutsche Geflüchtete an, die berichtet, dass ihr Onkel von den Nazis gelyncht wurde. Dann beginnt der Krieg, der zunächst in Frankreich nur ein „drôle de guerre“ ist, dann aber mit der Besatzung des Landes durch die Nationalsozialisten endet.

Mit 17 Jahren wird Annette schleichend Teil der französischen Résistance gegen die Besatzer, indem sie Transportdienste für Kontakte, die sie hat, übernimmt.

Denn wie das meist
ist auch das Widerstehen anders, als man es sich
denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss,
kein klarer, sondern ein unmerklich langsames
Hineingeraten in etwas, wovon man
keine Ahnung hat. Das Erste, dems
zu widerstehen gilt, das ist man selbst.
Der eigenen Angst.

Sie nimmt während dem Krieg ein Medizinstudium in Rennes auf, dann folgt der Umzug nach Paris, wo sie gezielt andere Widerständige sucht und schließlich als ständige Kämpferin Teil des kommunistischen Untergrundes wird. Dort verliebt sie sich in einen anderen Résistance-Aktivisten namens Roland, was eigentlich laut den Vorschriften der Kommunistischen Partei nicht vorgesehen ist.

Erneut setzt sie sich über die Statuten der Partei hinweg, als sie eigenwillig jüdische Kinder vor den Deutschen rettet: Nachdem sie von Freunden sie die Information erhalten, dass die Deutschen am nächsten Tag Razzien im 13. Arrondissement durchführen würden, holt sie sie zwei jüdische Kinder und ein Baby aus ihrem dortigen Versteck. Die beiden Kinder kommen bei Annettes Eltern in Dinan unter, das Baby geben sie zu Leuten, die ihm ein Versteck gewähren.

Als Bestrafung für das eigenwillige Handeln werden Roland und Annette von der kommunistischen Partei in den Süden versetzt, wo Roland zusammen mit zwei weiteren von einer Miliz, die für die Deutschen tätig ist, misshandelt und erschossen wird, kurz bevor die Deutschen abziehen. Nach dem Krieg spioniert die nun 20-jährige Annette für den Parti communiste in gaullistischen Organisationen. Nach einigen Stationen wird sie von der Partei nach Marseille geschickt.

Dort heiratet sie mit 23 Jahren Joseph Robert – ihre zweite Heirat, bei der alles gut passt: „Jo“ war ebenfalls in der Résistance, ist Mediziner wie sie und obendrein Kommunist. Annette arbeitet nun als Ärztin und wird Mutter von zwei Söhnen. Sie führt ein gutes Leben, wobei sie weiterhin in der Politik aktiv bleibt.

1954 beginnt der Algerienkrieg, der in Frankreich bis 1999 nur euphemistisch als „die Ereignisse“ bezeichnet wurde. Die älteste Kolonie Frankreichs, in der die Franzosen seit 1830 einen „zivilisatorischen Auftrag zu erfüllen“ glauben, kämpft um die eigene Unabhängigkeit, nachdem Indochina bereits die Selbstbestimmung errang. Nach einem Urlaub bei Freunden in Algerien im selben Jahr hat Annette die Ahnung, „dass sich das was zusammenbraut und Frankreich sich demnächst noch mal um eine Kolonie verkleinern wird“.

Wieder einmal rutscht sie langsam in den Widerstand, „nur dass er diesmal nicht einem Angreifer von außen, sondern dem eigenen Land, der eigenen Regierung, quasi ihr selbst gilt.“ Mittlerweile 35 Jahre alt, verrichtet sie erneut Botengänge, weil sie es für „ein Gräuel“ hält, wie die Franzosen über die Algerier herrschen. Obwohl ihr nicht alles, was die algerische Unabhängigkeitsfront FLN tut, gut vorkommt, scheint ihr der neuerliche Kampf für die Unabhängigkeit der Kolonie gerecht. Denn sie stört sich daran, dass der französische Staat nun foltert und genau das tut, was sie an den Deutschen verabscheut hat.

1958, vier Jahre, später wird sie Mitglied der Gruppe „Kofferträger“, die Geld, welches der FLN von den Algeriern in Frankreich und im Heimatland eintreibt, als Reisende in Koffern ins Ausland transportieren. In den Koffern befinden sich Millionen, mit denen der FLN sein militärisches System finanziert. Das Geld landet auf Konten in der Schweiz.

1959 schließlich passiert das, was nicht hätte passieren sollen, aber stets geschehen konnte: Georges, ihr Mitkämpfer, und Annette werden von französischen Polizisten mitten im Einsatz geschnappt. Sie kommen in Untersuchungshaft. Nur weil sie angeblich eine schwierige Schwangerschaft hat, die sie vortäuscht, kommt Annette für eine kurze Zeit aus dem Gefängnis frei. Diese Gelegenheit nutzt sie, um aus Frankreich zu fliehen, wo ihr zehn Jahre Haft dafür drohen, den FLN als Koffeträgerin unterstützt zu haben.

Ihre Kinder und ihren Mann lässt sie in Marseille zurück, um über Italien ins Exil nach Tunesien zu fliehen. Dort arbeitet sie wieder als Ärztin. Ihr Mann Jo will eigentlich mit den Kindern nachkommen, doch das tut er nicht, weil er an der Grenze von französischen Grenzbeamten aufgehalten wird. Alle Versuche, die Kinder wiederzusehen, sind nur von kurzer Dauer.

1962 kommt es zum Waffenstillstandsabkommen von Évian, das Amnestie für FLN-Kämpfer vorsieht, allerdings nicht für die französischen Aktivisten des FLN, sodass Annette weiterhin in ihrem Exil bleiben muss. Sie wird Teil der Aufbautruppe des neu entstehenden Landes, da sie Ben Bella, den ersten Präsidenten, in Tunesien kennenlernen konnte.

Inzwischen hat sie, immer noch verheiratet mit Jo, der ebenfalls von Anfang an fremdging, auch einen neuen Liebhaber gefunden, den Algerier Amara, der sie seiner Familie vorstellt. In Algerien arbeitet sie im Gesundheitsministerium und erhält von Ben Bella sogar die Staatsbürgerschaft. Am neuen Staat gefällt ihr die sozialistische Ausrichtung, die sie sich auch für das Nach-Kriegs-Frankreich gewünscht hätte. Doch die Regierung ist von Beginn an auf die Macht der Armee angewiesen, die ebenfalls nach der Herrschaft schielt, sodass der neue Staat bald zu einem Militärregime wird.

Der Text macht gegen Ende einen Sprung: 40, 50 Jahre später lebt Anne Beaumanoir im Süden Frankreich, in Dieule in der Drôme, wo sich im Zweiten Weltkrieg ein Zentrum der Résistance befand. Die 96-Jährige hat einen Zweitwohnsitz in der Bretagne, wo sie mit dem Auto hinfährt, um Kindern vom Ungehorsam zu berichten und Freunde zu besuchen. Sie engagiert sich bis heute mit Vorträgen gegen Rassismus, Nationalismus und Fanatismus.

Der Text ist ganz klar ein transnationales Projekt, welches zum Ziel hat, kulturell, politisch und sprachlich zwischen Frankreich und Deutschland zu vermitteln und so zur Verständigung zwischen den beiden befreundeten Nationen beizutragen. Denn das Epos arbeitet ein Stück französisch-deutscher Geschichte auf, die Besatzung, Kollaboration und Résistance während des Zweiten Weltkriegs, die vornehmlich aus französischer Perspektive betrachtet. Über die deutsche Offensive auf Frankreich zwischen Mai und Juni 1940 heißt es etwa:

Diese sechs Wochen
– dass es sechs Wochen sind und nicht
wenigstens Monate und dass die deutschen Truppen
statt auf Beton auf Butter stoßen – sitzen den
Franzosen achtzig Jahre später immer noch
in den Knochen.

Dazu sind immer wieder französische Begriffe in den Fortgang des Textes eingestreut, werden kulturkundliche Begriffe aus Frankreich wie Laizismus, also die Trennung von Staat und Kirche, den deutschen Leserinnen und Lesern erläutert. Man merkt daran, dass die Autorin Anne Weber, geboren 1984 in Offenbach am Main, seit 1993 in Frankreich lebt und als Übersetzerin und Schriftstellerin arbeitet.

Mit viel Hingabe, Wärme und einem hin und wieder aufscheinenden Witz erzählt Anne Weber vom Leben der Annette Beaumanoir. „Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen“, lautete die Begründung der Jury für die Vergabe des Deutschen Buchpreises 2020. Es sei „atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt“.

Das Buch stützt sich auf Begegnungen mit Anne Beaumanoir und ihre Erzählungen sowie auf das Erinnerungsbuch „Le feu de la mémoire“ (Verlag Bouchène, 2000), welches auf Deutsch unter dem Titel „Wir wollten das Leben ändern“ in zwei Teilen beim Verlag Contra-Bass erschienen ist. Der erste Teil heißt „Leben für Gerechtigkeit. Erinnerungen 1923 bis 1956“ (2019, Edition Contra-Bass), der zweite Teil „Kampf für Freiheit. Algerien 1954 bis 1965“ (2020, Edition Contra-Bass).

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autorin: Anne Weber
Titel: Annette, ein Heldinnenepos
Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsdatum: 28.02.2020
Seiten: 208
ISBN: 9783957578457
Kaufpreis: 22 €

Weitere Rezensionen:
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Unter dem Motto „Singular Plurality – Singulier Pluriel“ ist Kanada im Jahr 2020/21 der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, die von 14. bis 18. Oktober 2020 digital stattfindet. 2021 wird Kanada noch einmal der Ehrengast der Buchmesse sein (20. bis 24. Oktober 2021), dann aber voraussichtlich mit einer echten Messepräsenz an Ort und Stelle in Frankfurt am Main.

Die Literatur und Kultur Kanadas zeichnet sich durch eine charakteristische Vielfalt aus, allein schon aufgrund der unterschiedlichen Sprachen, die in dem Land gepflegt werden: Französisch ist Amtssprache in der Provinz Québec, Englisch wird im gesamten Land verstanden und gesprochen, dazu kommen mehrere indigene Sprachen.

Online findet sich eine Internetpräsenz zum Gastlandauftritt. Im Folgenden werden die besten Bücher des kanadischen Gastlandauftritts mit Bild, Klappentext, bibliographischen Angaben und Link vorgestellt. Viel Freude mit der Literatur und den Texten!

Margaret Atwood: Die Zeuginnen.

»Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.« – Als am Ende vom »Report der Magd« die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds »Report« zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit »Die Zeuginnen« nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. »Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls.Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.«

The Booker Prize 2019.

Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag. 576 Seiten. 25 €

Margaret Atwood: Der Report der Magd.

Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Magd Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben … Margaret Atwoods „Report der Magd“ ist ein beunruhigendes und vielschichtiges Meisterwerk, das längst zum Kultbuch avanciert ist.

Aus dem Englischen von Helga Pfetsch. PIPER Taschenbuch. 416 Seiten. 12 €

Marie-Claire Blais: Drei Nächte, drei Tage.

Eine sonnendurchflutete Insel, irgendwo im Golf von Mexiko. Hier leben Menschen in Reichtum, andere in extremer Armut. Und hier versucht eine Frau namens Renata sich nach einem Eingriff auszukurieren. Doch ihre Unruhe gilt nicht nur ihrer Gesundheit, Renata schwankt zwischen hedonistischen Ausschweifungen und der Verantwortung für andere, zwischen der Schönheit der Welt und ihrer Ungerechtigkeit. Währenddessen finden auf der ganzen Insel Festivitäten statt – man feiert die Geburt eines Kindes und das Ende des 20. Jahrhunderts –, es versammelt sich ein schillerndes Ensemble an Charakteren: Künstler, Drag-Queens, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, Kinder, die in unschuldige Spiele vertieft sind, Geflüchtete der benachbarten Inseln. Sie alle verbindet eine innere Zerrissenheit und das unausweichliche, sie umgebende Meer.

Aus dem Französischen von Nicola Denis. Suhrkamp Verlag. 391 Seiten. 24 €

David Szalay: Turbulenzen.

Zwölf Menschen begegnen sich, während ihr Leben in Turbulenzen gerät. Auf dem unruhigen Flug nach Madrid kommt eine Frau, die ihren krebskranken Sohn in London besucht hat, mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch. Der Geschäftsmann aus dem Senegal weiß noch nicht, dass ihn in Dakar die Nachricht eines tragischen Unfalls erwartet, bei dem ein Frachtpilot Zeuge wurde. In diesem höchst spannenden Roman berührt jedes Leben das nächste, ob es der indische Golfer ist, der seinen senilen Vater bestiehlt, oder die Tochter einer ausgewanderten Deutschen, die einen syrischen Flüchtling heiraten will. Mit magischer Schwerelosigkeit nimmt uns der international gefeierte Autor David Szalay mit auf eine Reise rund um die Welt.

Aus dem Englischen von Ahrens Henning. Carl Hanser Verlag. 136 Seiten. 19 €

Jacques Poulin: Volkswagen Blues.

Der kanadische Kultroman über eines der schönsten und ungewöhnlichsten Paare der Literatur, das in einem alten VW-Bus von Québec bis nach San Francisco fährt, ist unvergesslich.

Der Zufall führt sie zusammen. Jack Waterman, ein schweigsamer Träumer in der Schreibkrise, auf der Suche nach seinem Bruder Théo. Und die Halb-Innu Pitsémine, rastlos und lesewütig, wegen ihrer langen, dünnen Beine auch die Große Heuschrecke genannt. Mit einer Nähe, die nur Fremde verbindet, tun sie sich zusammen. Sie sichten alte Karten und Bücher, suchen das traurigste Chanson der Welt, und durchqueren auf Théos Spur in Jacks altem VW-Bus den Kontinent, von Québec bis San Francisco. Mit seinem Kultroman über eines der ungewöhnlichsten Paare der Literatur ist der gefeierte kanadische Autor Jacques Poulin endlich auch hier zu entdecken. Eine Roadnovel voller Weite, erzählt mit feinem Witz und einer seltenen Wärme.

Aus dem Französischen von Jan Schönherr. Carl Hanser Verlag. 256 Seiten. 23 €

Helen Weinzweig: Von Hand zu Hand.

Die Upper Class von Toronto versammelt sich zu einer kuriosen Hochzeit. Wie in einem Brennglas leuchten die verschlungenen Lebensgeschichten der Partygäste auf und ihr Beziehungsgeflecht, das einem Spinnennetz ähnelt: Vieles an dieser Hochzeit ist ungewöhnlich. Das Brautpaar trägt denselben Haarschnitt und Anzug. Der Bräutigam ist schwul, die Braut promiskuitiv, der Pfarrer unecht, der Trauzeuge sturzbetrunken, die jeweiligen Ex- beziehungsweise aktuellen Lover sind anwesend, und bei der Aufforderung zum Einspruch verlassen einige Gäste die Kirche. Die geladenen Frauen sind mehrheitlich wütend, frustriert von schlechtem Sex, unzurechnungsfähigen Männern und zu vielen Abtreibungen. Das frisch getraute Paar stiehlt sich davon, um lieber im Auto Fast Food zu essen. Bei der heimlichen Rückkehr ist die Hochzeitssuite indes schon vergeben. »Ready? Ready.« Denn für diese beiden ist die Hochzeit nicht das Ende, sondern der Anfang ihrer Freiheit. Helen Weinzweig ist eine Meisterin des bitterbösen jiddischen Witzes und schreibt Sätze voller Wucht und Absurdität. Sie kreiert kuriose, lebendige Szenen, schaut in mannigfaltige Abgründe und spielt leichthändig auf der Klaviatur der Ironie in all ihren Facetten.

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Wagenbach Verlag. 160 Seiten. 20 €

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes.

Als der sechzehnjährige Franklin Starlight herbeigerufen wird, um seinen Vater Eldon, den er kaum kennt, zu besuchen, trifft er auf einen vom Alkohol gezeichneten, dem Tode geweihten Mann. Die beiden machen sich auf den Weg durch das raue Herzland British Columbias und auf die Suche nach einer letzten Ruhestätte, wo Eldon nach Art der indianischen Krieger beerdigt werden will.
Auf der Reise erzählt der Vater dem Sohn seine Lebensgeschichte, die Momente der Verzweiflung genauso wie die Tage der Hoffnung und des Glücks – und so entdeckt Franklin eine Welt, die er nicht kannte, eine Geschichte, die ihm fremd war, und ein Erbe, das er hüten kann.
Mit einem Nachwort von Katja Sarkowsky, Professorin für Amerikanistik an der Universität Augsburg.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Karl Blessing Verlag. 288 Seiten. 22 €

Kenneth Bonnert: Der Anfang einer Zukunft.

Martin Helger, 16, mogelt sich durch eine jüdische Eliteschule in Johannesburg, die sein im Schrotthandel reich gewordener Vater Isaac finanziert. Da bekommt die Familie Besuch aus den USA. Annie ist die ungewöhnlichste junge Frau, der Martin je begegnet ist. Offiziell ist sie Lehrerin in den Townships, undercover aber Anhängerin Mandelas, und sie reißt Martin mitten hinein in den gärenden Konflikt.

Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag. 656 Seiten. 26 €

Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee.

Nach einem schweren Autounfall ist ein junger Mann gezwungen, auszuharren: in einem Dorf, das durch einen landesweiten Stromausfall und unaufhörlich fallenden Schnee immer mehr von der Außenwelt abgeschnitten wird, und bei einem älteren, hier ebenfalls nur gestrandeten Mann. Der nimmt ihn bloß auf, weil die Dorfgemeinschaft ihm im Gegenzug die Versorgung mit Lebensmitteln verspricht sowie einen Platz im einzigen Bus, der im Frühjahr Richtung Stadt aufbrechen wird.
Während das Dorf immer tiefer im Schnee versinkt, schwanken die beiden vom Zufall zusammengezwungenen Männer zwischen Mitleid und Misstrauen, Hilfsbereitschaft und Hass. Werden sie durchhalten bis es taut?
Sprachlich präzise und lyrisch zugleich erzählt Christian Guay-Poliquin einen ungewöhnlichen Pageturner, dessen dramatische Intensität seinesgleichen sucht und der vielfach preisgekrönt wurde.

Aus dem Französischen von Sonja Finck und Andreas Jandl. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten. 24 €

Norman Levine: Aus einer Stadt am Meer.

Norman Levine zählt zu den großen Erzählern der kanadischen Literatur, der mit Hemingway verglichen und vornehmlich durch sein Kurzgeschichtenwerk bekannt wurde, auch hierzulande. Sein zweiter und letzter Roman von 1970 musste lange auf seine deutsche Übersetzung warten. Joseph Grand, ein kanadischer Reiseschriftsteller, lebt mit seiner Frau Emily und den drei kleinen Töchtern in einer englischen Küstenstadt in Cornwall. Das Leben ist hart, von Geldsorgen bestimmt, dem Warten auf den nächsten Scheck, um ausstehende Rechnungen und die Miete zu zahlen. Das Essen wird rationiert. Aufträge bleiben aus. Die soziale Isolation zerrt an den Banden der Familie. Grands Ausflüge nach London, so er sie sich leisten kann, bieten die einzige Abwechslung vom tristen Alltag. Hier besucht er Albert, einen reichen Einzelgänger, oder Charles, einen erfolgreichen Maler. Doch bringen diese Treffen nur kurzzeitige Ablenkung vom täglichen Kampf um die Existenz, seine Ehe und die ­Kinder. Meisterhaft gelingt es Levine, das schwierige Dasein des Künstlers zu schildern. Dabei verzichtet er auf jeglichen Überschwang und setzt ganz auf die Nüchternheit und Intensität seines raren Schreibstils.

Aus dem Englischen von Thomas Löschner. Mitteldeutscher Verlag. 200 Seiten. 18 €

Tanya Tagaq: Eisfuchs.

Der Winter ist vorbei und damit die Zeit, die die Kinder im Haus verbringen müssen, weil es draußen bitterkalt ist, hoch im Norden Kanadas, am Rande des Eismeers. Im Frühling haben die Kinder das Städtchen in der Hand, streunen auf der Suche nach Abenteuern durch die Straßen und durch die Tundra. Nach so wilden Abenteuern, dass sie dabei sogar das Leben riskieren. Die Erwachsenen sind mit eigenen Problemen beschäftigt und können keinen Halt bieten. Im Gegenteil. Tanya Tagaq erzählt in diesem atemberaubenden Debüt von der Kindheit und Jugend eines Mädchens in der Arktis: von einer übermächtigen Natur, von den allgegenwärtigen Füchsen, den majestätischen Polarbären und den Mythen der Inuit. Unter den furchterregenden und verzaubernden Polarlichtern verschwimmen für das Mädchen die Grenzen zwischen Mensch und Natur, Zeit und Raum, und sie begibt sich auf eine verstörend sinnliche Selbstsuche, um die Wunden zu heilen, an denen in einer sich auflösenden Gemeinschaft alle tragen.

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Verlag Antje Kunstmann. 200 Seiten. 20 €

Éric Plamondon: Taqawan.

Als Océane an ihrem fünfzehnten Geburtstag von der Schule nach Hause kommt, wird sie Augenzeugin einer brutalen Razzia. Es ist der 11. Juni 1981. Die Polizei beschlagnahmt die Fischernetze der Mi’gmaq, die seit Jahrtausenden vom Lachsfang leben. Viele werden verhaftet, es gibt Tote. Québec, ganz Kanada ist in Aufruhr. Kurz darauf findet der Ranger Leclerc ein indigenes Mädchen, das mehrfach vergewaltigt wurde. Zusammen mit dem Mi’gmaq William versucht er die Tat aufzuklären. Dabei kommen sie einem Netzwerk auf die Spur, in das auch die Polizei verstrickt ist. Taqawan, so nennen die Mi’gmaq den Lachs, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt. Auch Éric Plamondon begibt sich zu den Ursprüngen: Er verwebt die Geschichte der Kolonisation Ostkanadas mit den Legenden der Mi’gmaq und ihrem Ringen um Eigenständigkeit. Ein packender Roman noir und ein faszinierender Einblick in die Lebenswelt dieser First Nation.

Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag. 208 Seiten. 22 €

Michael Crummey: Die Unschuldigen.

Der elfjährige Evered und seine zwei Jahre jüngere Schwester Ada wachsen unter kargen Bedingungen auf. Sie sind die Kinder von Fischern, die allein inmitten der kanadischen Wildnis leben.

Als ihre Eltern sterben, sind die Geschwister auf sich allein gestellt; sie wissen nur das von der Welt, was sie von Mutter und Vater gelernt haben. Also führen sie deren hartes Leben nach Kräften weiter. Bis die Loyalität der Geschwister auf die Probe gestellt wird und sie für ihre Zukunft kämpfen müssen.

Aus dem Englischen von Ute Leibmann. Eichborn Verlag. 352 Seiten. 22 €

Nadine Bismuth: Familienbande.

Magalie, 40, lebt mit Mathieu, dem Vater ihrer kleinen Tochter, in Montréal. Sie wahren den Schein, doch beide wissen, dass ihre Ehe am Ende ist. Dann lernt Magalie auf einer Familienfeier den Polizisten Guillaume kennen. Er ist der Sohn des neuen Lebensgefährten ihrer Mutter – und er verliebt sich in sie. Auch er, der alleinerziehende Vater, weiß nur zu gut, wie fragil Beziehungen sein können. Er stellt sie vor die Frage: Wie lange noch will sie Kompromisse eingehen? Ein Buch über Freiheiten und Konventionen, über Familie und Beziehungen und über die Liebe in einer entzauberten Welt.

Aus dem Französischen von Michaela Meßner. btb Verlag. 304 Seiten. 12 €

Kevin Major: Caribou.

Neufundland im Oktober 1942: Als die Caribou ihren Hafen verlässt, ahnen weder Passagiere noch Mannschaft, dass sie nur wenige Stunden später von einem deutschen U-Boot angegriffen werden. An Bord von U 69 hat der junge und ehrgeizige Offizier Ulrich Gräf das ­Kommando. Trotz aller Gefahren hofft er darauf, unbeschadet zu ­seiner großen Liebe Elise zurückkehren zu können. Währenddessen träumt auf der Caribou der draufgängerische Steward John Gilbert von einem abenteuerlichen Leben. Jäh aus ihren Hoffnungen gerissen, müssen die beiden Männer in der tosenden See ums Überleben kämpfen.
Kevin Major zeichnet ein lebendiges Bild der menschlichen Tragödien während der Schlacht im Atlantik. Er verleiht den Menschen ein Gesicht und eine ­Geschichte, ohne in ein simples Täter-Opfer-Schema zu fallen.

Aus dem Englischen von Bernd Gockel. Pendragon Verlag. 344 Seiten. 24 €

Michelle Winters: Ich bin ein Laster.

Agathe und ihr hünenhafter Ehemann Réjean haben das Geheimnis einer harmonischen und sinnlich erfüllenden Ehe entdeckt: großzügig akzeptierte kleine Lügen. Auch nach 20 Jahren freut sich Agathe über seine Angler-Erfolge – obwohl der mitgebrachte Fisch offensichtlich aus dem Kühlregal kommt. Als genau dieser Ehemann von einem ebensolchen Angelausflug nicht mehr heimkehrt und sein vielgeliebter Chevy Silver mitsamt dem unberührten Proviantkorb aufgefunden wird, tun sich allerdings ein paar Fragen auf. Der trauernden Agathe geht bald das Geld aus, und so fängt sie an, in einem kirmeligen Elektronikgeschäft zu arbeiten. Ihre Kollegin Debbie, eine Ex-Cheerleaderin, bringt ihr das Autofahren, das Rock-and-Roll-Tanzen und noch so manches andere bei. Gleichzeitig wird Agathe von Réjeans Autoverkäufer und, wie sich herausstellt, allerbestem Freund heimlich verfolgt. Bis der Verlorengeglaubte einigermaßen verändert plötzlich wieder vor der Tür steht.

Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wagenbach Verlag. 144 Seiten. 18 €

Michael Crummey: Sweetland.

Seit zwölf Generationen leben und sterben die Bewohner einer kleinen vor Neufundland liegenden Insel miteinander. Nun stehen sie plötzlich vor einer Umsiedlung. Jedem wurde ein großzügiges Entschädigungspaket angeboten. Doch das Geld wird erst gezahlt, wenn alle gehen. Der fast siebzigjährige Moses Sweetland weigert sich zunächst als Einziger, lässt sich dann zum Umzug überreden, nutzt jedoch einen Unfall, um seinen Tod zu fingieren, und bleibt allein auf der nach seinen Vorfahren benannten Insel zurück. Sein Überlebenskampf im Angesicht des rauen Klimas, ohne Elektrizität und mit schwindenden Nahrungsmitteln und anderen Ressourcen lässt ihn allmählich den Verstand verlieren. Die Erinnerungen an Ereignisse und Menschen in seinem Leben werden immer mehr zu unheimlich auftretenden Halluzinationen und Wahnvorstellungen … »Sweetland« ist abwechselnd düster komisch und herzzerreißend traurig, eine spannungsvolle Überlebensgeschichte eines einsamen Mannes gemischt mit bittersüßen Erinnerungen über den Niedergang der Traditionen: eine Elegie des Verschwindens, ein Zeugnis des Vergehens.

Aus dem Englischen von Peter Groth. Mitteldeutscher Verlag. 400 Seiten. 26 €

Hiromi Goto: Chor der Pilze.

Natürlich spricht sie die neue Sprache, auch wenn keiner in der Familie das glaubt. Dabei könnte sie, wenn sie wollte, im Kopfstand Shakespeare zitieren, bis sie Nasenbluten bekommt, behauptet die alte Dame. Sie ist vor zwanzig Jahren aus Japan eingewandert, sitzt unverrückbar im Flur ihres kanadischen Hauses und beobachtet alles. Als sie ins Heim soll, macht sie sich mitten in einem Schneesturm davon, geht mit einem jungen Trucker, der sie aufliest, auf einen Roadtrip. Niemand weiß, wo sie sich aufhält – außer ihrer Enkelin Muriel, eine junge, schon in dem neuen Land geborene Frau, mit der die Großmutter in ständiger telepathischer Verbindung steht. Man erzählt sich drei Leben, ein altes, ein neues, ein mögliches, doppelt gespiegelt und in allen Facetten veränderlich. Ein erzählerisches Meisterstück über kulturelle Identität, Feminismus, Rassismus, und eine Hommage an die Heimat, die wir alle im Kopf haben: unsere Sprache. Mit Passagen von betörender Schönheit.

Aus dem Englischen von Karen Gerwig. Cass Verlag. 264 Seiten. 22 €

Edem Awumey: Nächtliche Erklärungen.

Ito Baraka wird sterben. In einer feuchten, lichtlosen Souterrainwohnung in Hull bei Ottawa. Dort lebt er mit seiner Freundin Kimi Blue, sie ist indigener Herkunft und heroinsüchtig. Doch bevor Ito an Leukämie stirbt, muß er noch dieses Buch fertigschreiben, den Roman, in dem er erzählt, was in seinem Heimatland geschehen ist, wo die Sonne die Haut verbrennt, das Gehirn austrocknet und das Augenlicht löscht. In dem Land brennt eine weitere Sonne, ein Diktator, der Angst hat. Und wenn ein Diktator Angst hat, dann schlägt er um sich. Zuerst trifft es einige junge Studenten, die Flugblätter mit Zitaten Samuel Becketts verteilen, dann die Alten, denen er Zauberkräfte unterstellt. Ito, einer der Studenten, lernt den viel älteren Koli Lem kennen, als sie im Straflager eine Zelle teilen. Koli Lem ist blind geworden, als seine Folterer ihn in die Sonne starren ließen. Doch niemals trennt er sich von seinen Büchern. Im Schein einer gestohlenen Petroleumlampe liest Ito ihm nachts vor, und in den Werken der Weltliteratur finden sie gemeinsam in eine Zone, in der ihnen niemand etwas anhaben kann. Nach dem Zusammenbruch des ungenannten Staates kommt Ito frei. Er beginnt zu schreiben und erhält ein Arbeitsstipendium in Kanada, wo er bleibt. Doch er lebt zwischen zwei Welten, die sich nicht vereinen lassen.

Aus dem Französischen von Stefan Weidle. Weidle Verlag. 208 Seiten. 22 €

Camilla Grudova: Das Alphabet der Puppen. Storys.

»Wenn Märchen träumen könnten, wären diese unheimlichen Geschichten das Resultat … Sehr effizient spinnt Grudova ihr verführerisches literarisches Netz.« The Times Literary Supplement Camilla Grudova entführt uns in ein schaurig-magisches und grotesk-humorvolles Universum, bevölkert von Puppen, Nähmaschinen, Konservenbüchsen und Spiegeln, bestimmt von absurden Ideologien und eigenartigen Regeln. Aus der Ferne grüßen Margaret Atwood, Angela Carter, Edgar Allan Poe und eine Vielzahl literarischer und künstlerischer Traditionen, aber Grudovas mal schöne, mal verstörende und oft unheimliche Geschichten sprengen alle Genregrenzen. Ihre wache Intelligenz und ihr scharfsinniger Witz finden immer neue, überraschende und originelle Wege, gesellschaftliche Zwänge und Pflichten in moderne dystopische Fabeln zu verpacken.

Aus dem Englischen von Zoë Beck. CulturBooks. 200 Seiten. 20 €

Louis-Karl Picard-Sioui: Der große Absturz. Stories aus Kitchike.

Pierre Wabush ist verkatert. Nicht bloß vom Suff, den Pillen, der heißen Nacht, an die er sich nur vage erinnert. Ihn macht das Reservat fertig, sein Zuhause: „Kitchike hat es drauf, alles Schöne und Gute kaputt zu machen.“ Keine Perspektive – was ebenso am Rassismus der Weißen liegt wie an der Korruption der eigenen Führungsriege. Das muss anders werden, und er muss den Hintern hochkriegen.
Dabei erscheint Kitchike zunächst wie eine ganz normale Kleinstadt. Jeder kennt jeden, man tratscht, man wurschtelt sich durch, man lebt. Wenn Lydia, die die örtliche Tankstelle schmeißt, sonntags nach dem Kirchgang das halbe Kaff beobachtet und spitzzungig kommentiert, könnten wir überall auf der Welt sein. Sind wir aber nicht. In Kitchike kann es passieren, dass die Göttin aus einer indigenen Legende einem Konzert lauscht und nachher mit dem Sänger flirtet … Während der Reservatschef Polizei und Mafia gegen sich hat, so dass er nun vor dem „großen Absturz“ steht. Panisch sucht er nach Verbündeten, doch ganz Kitchike hat die Schnauze voll.
Louis-Karl Picard-Sioui katapultiert uns mitten in die Lebenswirklichkeit eines heutigen Reservats in Québec. Ein Dutzend Stimmen fügen sich zu einem Panorama, einem Chor der Aufbegehrenden voller lebendiger Töne, mal poetisch, mal
derb, immer direkt. Picard-Sioui steht für eine indigene Generation, die die Opferstarre abschüttelt und politische Wut in Kraft zum Handeln ummünzt.

Aus dem Französischen von Sonja Finck und Frank Heibert. Secession Verlag für Literatur. 184 Seiten. 20 €

Réjean Ducharme: Von Verschlungenen verschlungen.

Das Mädchen Bérénice Einberg wächst mit seinem Bruder Christian auf einer Insel im kanadischen Sankt­-Lorenz-­Strom auf. Die Eltern haben ihre Kinder vertraglich untereinander aufgeteilt: Christian wird von seiner Mutter katholisch erzogen, Bérénice von ihrem Vater jüdisch. Voller Verachtung gegenüber der Welt der Erwachsenen lehnt sich Bérénice vehement und kompromisslos gegen sie auf. Angewidert von ihrem eigenen Erwachsen­werden flüchtet sie sich zwischen einsamer Zärtlichkeit und gewalttätigem Zynismus in ihre eigene Welt, aus der sie das »zu schöne Gesicht« ihrer Mutter und die Liebe zu verbannen versucht. Zuneigung empfindet sie allein ihrem Bruder gegenüber, mit dem sie in ausgedehnten Streifzügen Flora und Fauna der Insel erkundet. Ein Roman von magisch tiefem Sog. Ducharme beschwört in einer ebenso unbändigen wie poetischen Sprache ein düsteres Universum herauf, in dem die Auflehnung zur einzigen Hoffnung wird.

Aus dem Französischen von Till Bardoux. Matthes & Seitz Verlag. 311 Seiten. 15 €

Tracey Lindberg: Birdie.

Roadtrip, Traumsuche und Reisebericht in einem – Birdie erkundet die Universalität weiblicher Erfahrungen, die über Grenzen von Kultur und Ethnie hinausgehen. »Bernice Metoos wird nicht gebrochen werden.« Die große, wunderschöne Cree-Frau Bernice, genannt Birdie, mit einem dunklen Geheimnis in ihrer Vergangenheit, verlässt ihr Zuhause im Norden Albertas, um nach Gibsons, B. C. zu reisen. Sie ist auf einer Art Visionssuche, auf der Suche nach Familie, nach einem Zuhause, nach Verständnis, nach der Bedeutung ihrer Träume. Als ihre Tante Val und ihre Cousine Skinny Freda zu ihr nach Gibsons kommen, beginnt Birdie aus ihren Träumen die Lehren zu ziehen, die sie im Leben nie gelehrt wurde. Geprägt von den Überlieferungen und dem Wissen der Cree-Kultur, ist Birdie ein bewegender Roman voll dunklem Humor über die universelle Erfahrung, sich von einem Trauma zu erholen. Es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, die zu dem tiefsten verborgenen Teil ihrer Selbst reist, um die Kraft zu finden, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ein neues Leben aufzubauen.

Aus dem Englischen von Gesine Schröder und Karolin Viseneber. Marix Verlag. 312 Seiten. 18 €

Karoline Georges: Totalbeton.

In einem Hochhaus lebt ein Kind mit seinen Eltern – auf engstem Raum in der 5969. Etage. Wir wissen nicht, ob es ein Junge oder Mädchen ist, nicht, wie alt es ist, nicht, in welcher Zeit die Geschichte spielt, die das Kind in direktem, fast unbeteiligtem Ton erzählt. Es ist die Geschichte aller Menschen, die in dieser Zukunft leben. Nur dass dieses Kind neugieriger als alle anderen ist und ergründen will, was sich hinter dem oder eigentlich in diesem Beton verbirgt. Langsam dringen wir mit dem Kind in das GEBÄUDE ein, in seine Poren, seine Nervenbahnen, seine Adern. Schemenhaft verstehen wir allmählich, wie sein Organismus lebt und welcher unerhörte Stoffwechsel ihn befeuert. Da gibt es ein Außen, wo Ausgestoßene leben, die alles geben, um wieder hineinzukommen. Wie sie sich dabei gegenseitig massakrieren, wird als disziplinierende Dauersendung auf einen großen Bildschirm in jede Wohnung übertragen. Wer sich dort nicht fügt, wird abgeholt und ausgestoßen. In wessen Auftrag? Man weiß es nicht, nicht einmal, ob es diese unsichtbare Macht überhaupt gibt. Karoline Georges verbindet Science-Fiction, Naturwissenschaften und Existenzphilosophie zu einer verstörenden Dystopie, in der ein befremdliches Lebensgefühl spürbar wird und sich beim Lesen Maßstäbe verschieben. Das immer Ungeheuerlichere des zunehmend Entdeckten verliert sein Geheimnis nicht, es gewinnt eine eigene Wahrheit, und gerade dieses Paradox wirft uns zurück auf existenzielle Fragen. So konsequent hat uns noch kein Roman beunruhigt. Totalbeton kommt einer Erneuerung des Genres gleich.

Aus dem Französischen von Frank Heibert. Secession Verlag für Literatur. 144 Seiten. 22 €

Sophie Bienvenu: Sam ist weg.

Eben erst hat Mathieu seine treue Begleiterin Sam vor dem Laden angebunden, und jetzt: keine Spur mehr von ihr. Ohne ihren weisen Blick, ihre Wärme fühlt Mathieu sich einsam und schutzlos, er muss sie wiederfinden. Und so streift er auf der Suche nach seinem Hund durch die winterliche Großstadt, folgt seinen Erinnerungen, den Schicksalsschlägen, die ihn hierher geführt haben: zu einem Leben auf der Straße. Er erinnert sich an seine Mutter, an deren manipulativer Liebe er beinah erstickte. An seinen Vater, der dem nichts entgegenzusetzen vermochte. An seine große Liebe Karine, an das Wunder, Vater zu werden. An den Glauben, dass alles gut werden wird – bis das Unvorstellbare geschah. Ein mitreißender Roman über Verlust und Verzweiflung, Liebe und Hoffnung. Sophie Bienvenu legt den Finger in die Wunden einer modernen Großstadt, die nicht nur Gewinner hervorbringt.

Aus dem Französischen von Sonja Finck und Frank Weigand. Claassen Verlag. 176 Seiten. 20 €

Ava Farmehri: Im düsteren Wald werden unsere Leiber hängen.

Sheyda Porroyas Tage sind gezählt. Sie sitzt im Todestrakt eines iranischen Gefängnisses – es ist das Jahr 1999, sie ist zwanzig Jahre jung. Ihre Erzählung, die zwischen Rückblicken auf ihre Kindheit und Jugend und dem barbarischen Alltag im Gefängnis hin- und herwechselt, ist voller Phantasie: Wachsen ihr wirklich Engelsflügel aus den Schulterblättern? Hat sie wirklich ihre Mutter getötet? Oder ist sie vielleicht wahnsinnig? Schon als Kind flüchtet sich Sheyda in eine Traum- und Wahnwelt und gewinnt in der repressiven Umgebung, in der sie aufwächst, immerhin eine Art Narrenfreiheit. Ungeliebte Tochter unglücklicher Eltern, Sonderling ohne Freunde und einzig zur grenzenlosen Liebe begabt, schafft sie sich ein Alter Ego ausgerechnet in Gestalt von Dantes betörender Beatrice. In berückend schöner, kraftvoller Sprache entfaltet Ava Farmehri eine Geschichte von Realitätsflucht, Unterdrückung und Isolation – makaber und magisch zugleich.

Aus dem Englischen von Sonja Finck. Edition Nautilius. 288 Seiten. 22 €

Claire Cameron: Neandertal.

Die Welt vor 40.000 Jahren. Ein besonders strenger Winter hat die letzte Sippe der Neandertaler hart getroffen, nur wenige haben überlebt. Unter ihnen auch „Mädchen“, die älteste Tochter. Nun bricht die Familie auf zu dem jährlichen Treffen, um einen geeigneten Partner zu finden. Doch die raue und unwirtliche Natur fordert ihren Tribut. „Mädchen“ und „Kümmerling“, ein Bastard ungewisser Herkunft, bleiben allein zurück. Als die Zeit der Winterstürme naht, erkennt Mädchen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ihr Volk zu retten, auch wenn sie dafür ein großes Opfer bringen muss. In der Jetztzeit arbeitet die schwangere Archäologin Rosamund fieberhaft daran, neue Neandertal-Artefakte zu bergen, bevor ihr Kind auf die Welt kommt. Über Jahrtausende verbunden durch gemeinsame urweibliche Erfahrungen, geht die Geschichte beider Frauen zentralen Themen im Leben aller Frauen auf den Grund.

Aus dem Englischen von Marie Rahn. btb Verlag. 368 Seiten. 11 €

Joey Comeau: Malagash.

Sundays Vater stirbt an Krebs. Die Familie ist nach Malagash am Nordufer von Nova Scotia zurückgekehrt, damit er dort sterben kann, wo er aufgewachsen ist. Ihre Mutter und ihr Bruder sind beide am Boden zerstört. Aber am Boden zerstört sein ist zu wenig. Am Boden zerstört sein nützt nichts. Sunday hat einen Plan, sie hat angefangen, alles aufzunehmen, was ihr Vater sagt. Seine langweiligen Geschichten. Seine dummen Witze. Alles.

Aus dem Englischen von Tobis Reußwig. Luftschacht Verlag. 160 Seiten. 18 €

Louise Dupré: Ganz wie sie.

Töchter. Mütter. Töchter, die Mütter, und Mütter, die Töchter sind. Mit feinen Pinselstrichen entwirft Louise Dupré ein subtiles Bild der so komplexen und widersprüchlichen Mutter-Tochter-Beziehung und trifft damit den tiefen Grund des Weiblichen an sich. Ursprünglich für das Theater geschrieben, entführt die poetische Prosa Louise Duprés in verborgene Regionen weiblichen Denkens und Fühlens und entlässt Mütter und Töchter in die Freiheit, selbstbewusst nebeneinander zu existieren.

Aus dem Französischen von Ursula Mathis-Moser. Edition Laurin bei Innsbruck University Press. 120 Seiten. 17,90 €

Michel Jean (Hrsg.): Amun. Novellen.

Amun bedeutet in der Sprache der Innu „Versammlung, Zusammenkunft“. „Anfang Juni kehrten die Familien endlich an die sandigen Ufer des Mashteuiatsh zurück. Der Kreis schloss sich. Ein Jahr war vergangen. Nach Monaten einsamen Lebens war das für alle der Augenblick des Wiedersehens, des Amun. Der Augenblick der Zusammenkunft.“ Der von Jean Michel 2016 herausgegebene Band ist die erste Anthologie von Autorinnen und Autoren der sogenannten First Nations/Premières Nations der französischsprachigen kanadischen Provinz Québec, die sich in den letzten Jahren durch die Veröffentlichung von Gedichten, Erzählungen und Romanen zunehmend Gehör verschaffen. Ihre Erzählungen reflektieren die Traditionen und die Lebensbedingungen der indigenen Stämme Québecs. Sie spielen teils in der Vergangenheit, teils in der Gegenwart, in der Stadt, in der Natur, im Reservat und bieten einen facettenreichen Einblick in die Denk- und Lebensweise und die schwierige Situation der autochthonen Stämme in Québec und Kanada und machen uns mit einer faszinierenden Kultur bekannt, die immer noch viel zu unbekannt ist.

Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn. Wieser Verlag. ca. 120 Seiten. 21 €

Arianna Dagnino: Die Afrikaanerin.

Hass und Liebe, Schuld und Erlösung unter dem Himmel von Afrika Südafrika 1996 : Die Geschichte von Zoe Du Plessis entfaltet sich inmitten des turbulenten Übergangs vom Apartheid Regime zur ersten, demokratisch gewählten, schwarzen Regierung. Die Welt der Paläoanthropologin an der Witwatersrand Universität in Johannesburg bricht zusammen, als ihr Geliebter und Kollege Dario Oldani bei einem Raubüberfall getötet wird. Der drängende Wunsch, das Andenken ihres Gefährten zu bewahren, lässt Zoe in die gnadenlose Kalahari Wüste aufbrechen, um seine Forschungen fortzuführen. Es wird eine Reise in ihr Inneres; sie versucht, ihre Schuldgefühle bewältigen, mit denen sie als weiße, privilegierte Afrikanerin zu kämpfen hat, und stellt sich zugleich einem Geheimnis, das seit Generationen auf ihrer Familie lastet. Beim Kurzbesuch zu Hause trifft Zoe auf Kurt, einen renommierten, südafrikanischen Schriftsteller mit quälender Vergangenheit, der ihr als Liebhaber nur wenig vorstellbar ist. Das Ende katapultiert den Leser in eine unerwartete Perspektive, in der Versöhnung und Fantasie unentwirrbar verbunden zu sein scheinen.

Aus dem Englischen von Heddi Feilhauer. PalmArtPress Verlag. 320 Seiten. 25 €

Sharon Bala: Boat People.

Als ein verrostetes Frachtschiff mit 500 tamilischen Flüchtlingen die Küstengewässer der Vancouver Island erreicht, glaubt Mahindan, dass er und sein sechsjähriger Sohn Sellian ein neues Leben beginnen können. Stattdessen wird Sellian den Armen seines Vaters entrissen, und Mahindan wird zusammen mit den anderen Flüchtlingen ins Gefängnis geworfen. In Regierungskreisen und den Medien kursieren Gerüchte, dass sich unter den Boat-­People Mitglieder einer gefürchteten Terrormiliz eingeschlichen haben. Angesichts zunehmender Verdächtigung und endloser Verhöre muss Mahindan befürchten, dass das, was er notgedrungen und in letzter Verzweiflung tun musste, um zu überleben und aus Sri Lanka zu flüchten, ihm und seinem Sohn jetzt die Aussicht auf Asyl versperrt…

Aus dem Englischen von Angelika Arend. Mitteldetuscher Verlag. 480 Seiten. 28 €

All diejenigen, die sich weitergehend über ins Deutsche übersetzte kanadische Literatur informieren wollen, können online eine Liste der Neuerscheinungen herunterladen oder diese im übersichtlich gestalteten VLB-TIX abrufen.

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„Streulicht“ von Deniz Ohde https://promenadeslitteraires.de/2020/10/10/streulicht-von-deniz-ohde/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=streulicht-von-deniz-ohde https://promenadeslitteraires.de/2020/10/10/streulicht-von-deniz-ohde/#comments Sat, 10 Oct 2020 11:46:38 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=965 Chancengleichheit würde herrschen, wenn jeder Person unabhängig von Kategorien wie sozialer Herkunft, Abstammung oder Geschlecht die gleichen Chancen bei Bildung und Beruf offen stünden. In Deutschland bleibt die soziale Herkunft laut der PISA-Studie 2015 entscheidend für den Schulerfolg, und zwar nach wie vor stärker als in anderen Industrienationen. Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 […]

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Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp Verlag.

Chancengleichheit würde herrschen, wenn jeder Person unabhängig von Kategorien wie sozialer Herkunft, Abstammung oder Geschlecht die gleichen Chancen bei Bildung und Beruf offen stünden. In Deutschland bleibt die soziale Herkunft laut der PISA-Studie 2015 entscheidend für den Schulerfolg, und zwar nach wie vor stärker als in anderen Industrienationen. Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hat die soziale Ungleichheit in Deutschland sogar wieder zugenommen.

Deniz Ohde hat sich in ihrem Debütroman „Streulicht“ ganz dem Thema der sozialen Ungleichheit und des Rassismus gewidmet, indem sie mit einem klarsichtigen und unverstellten Blick sowie deutlichen Worten, um es mit Bourdieu zu sagen, den feinen Unterschieden in unserer Gesellschaft nachspürt, die sich von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenleben ihrer Erzählerin ziehen.

Die Erzählinstanz ist eine fast namenlos bleibende Frau halbtürkischer Herkunft. Sie hat zwei Vornamen, doch ihren türkischen Vornamen, für den sie sich offenkundig schämt, hält sie vor aller Welt geheim.

[I]ch hatte nur eine Muttersprache, ich hatte nur einen Geburtsort, ich hatte einen deutschen Nachnamen und zwei Vornamen, von denen der eine geheim war, ich rasierte mir die Monobraue, ich sagte: „Nicht ich bin Türkin, sondern meine Mutter.“

Aufgewachsen ist sie in einem Ort nahe des nicht näher spezifizierten Industrieparks. Der Park verpestet die Luft des Orts mit einer feinen Säure, an die sich die Anwohnerinnen und Anwohner gewöhnt haben; dazu weht ab und zu Gestank von den Industrieanlagen herüber, und der Schnee ist im Winter von klebriger Konsistenz, ganz anders als anderswo.

Die meisten Leute vor Ort sind der Ansicht, dass die Region ihnen alles bietet, was sie zum Leben brauchen: Supermärkte, Geschäfte, Schwimmbäder, Museen, eine Bank, einen Arbeitsplatz, eine Wohnung. Nur die Erzählerin spricht bereits als Jugendliche den Satz „Wenn ich hier weg bin…“ vor sich hin. Sie ist von einem tiefen Fernweh geplagt.

Der Roman beginnt damit, dass die Erzählerin, inzwischen weggezogen und studiert, an den Ort zurückkehrt, wo sie aufgewachsen ist, um an der Hochzeit ihrer Schulfreunde Pikka und Sophia teilzunehmen. Vor der Folie der Gegenwart werden daraufhin die Erinnerungen der Erzählerin an ihre Kindheit und Jugend sowie die Geschichte ihrer Eltern und ihres Großvaters aufgerollt. Die Vergangenheitserzählung nimmt den größten Teil des Textes ein. Da sie aber mit der Gegenwart eng verzahnt ist und die Übergänge teils fließend sind, ist der Schluss erlaubt, dass die Erzählerin den Industriepark und ihre Herkunft bis ins Heute nicht losgeworden ist.

In der gesamten Erzählung schwingt das Rahmenthema soziale Herkunft sowie, damit verwoben, die nicht so leicht abzulegende Scham mit, die fast etwas Körperliches an sich zu haben scheint. Der Vater der Erzählerin taucht 40 Stunden pro Woche als Arbeiter im Industriepark Aluminiumbleche in Laugen. Er misstraut zutiefst den anderen Leuten aus dem Ort und duldet partout keinen Besuch bei sich. Ins Haus kann schon aus dem Grund niemand vorgelassen werden, da es sich beim Vater um einen hoffnungslosen Messie handelt, der die Wohnung der Familie Woche für Woche mit nutzlosen Gegenständen zumüllt. Wenn die Mutter oder die Tochter den Versuch unternehmen auszumisten, wehrt er auf der Stelle ab.

Zu dieser Peinlichkeit kommt noch, dass der Vater sich häufig mit Alkohol betrinkt – und dann ausfällig und gewalttätig wird. Er drischt nicht nur auf die Möbel ein, sondern zerbricht bei Streitereien mit seiner Frau auch Aschenbecher und Gläser an der Wand und auf dem Boden der Wohnung. Wenn die Wohnzimmertür geschlossen ist, hinter der der Vater in der Regel auf dem Sofa sitzt, isst, trinkt und nächtelang fernsieht, müssen sich alle im Haus leise bewegen, um ihn nicht unnötig zu provozieren.

Im Haus herrscht, so erfährt man es bei der Lektüre immer wieder, ein unhinterfragtes Patriarchat, so hilflos der Vater auch manchmal wirken mag. Er kontrolliert seine Frau, indem er wütend wird, wenn sie nicht die gewohnten Abläufe einhält, die ihm angeblich Sicherheit geben. Morgens soll sie sauber machen; wenn er von der Arbeit anruft, soll sie ans Telefon gehen; von neun bis sechs Uhr soll sie im Schlafzimmer liegen, während er im Wohnzimmer die Nacht verbringt.

Die Mutter hat sich mit der Situation abgefunden. „Na und“, sagt sie lapidar und gleichgültig zu den Wutausbrüchen des Vaters. „Wenigstens“ erhebe er nicht gegen sie und ihre Tochter die Hand, sondern gehe nur gegen die Gegenstände los. Die Mutter zeigt sich zwar gegenüber Glaubensvorschriften wie dem muslimischen Schweinefleischverbot widerständig, doch beim Vater gibt sie klein bei. Mit ihrer nüchternen Prosa seziert Ohdes Erzählerin gekonnt die unhinterfragten patriarchalen Strukturen:

Sich Verhaltensregeln zu beugen, die in heiligen Büchern standen, war nichts für meine Mutter, sie wusste selbst zu […], aber mein Vater und alle Männer waren eine Naturgewalt, der man sich fraglos zu unterwerfen hatte. Unterwerfen, ich kann hören, wie sie das Wort empört von sich gewiesen hätte […]. Es war allen eingeschrieben, dass die eigene Macht das eigene Denken bei den Handlungen und Entscheidungen der Männer aufhörten, niemand fragte, warum das so war, niemandem fiel es überhaupt auf.

Die Mutter stammt aus einem Fünfhundert-Seelen-Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste, von wo ihre ältere Schwester bereits vor ihr weggegangen ist. Die Mutter ging nicht etwa deshalb weg, weil sie sich ein wohlhabendes Leben in einem anderen Land erhoffte, sondern weil sie es bei der ihr feindselig gestimmten Mutter nicht mehr aushielt, mit der sie nach dem frühen Unfalltod des Vaters allein leben musste. Denn die machte ihr, der ungewollten Nachzüglerin unter sechs Kindern, das Leben in Türkei absichtlich schwer.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland kommt sie zunächst bei ihrer Schwester unter und arbeitet bei derselben Putzfirma wie diese. Dann lernt sie in einer Kneipe des Ortes ihren künftigen Mann kennen. Als der Vater, der lange ledig war, sie seinem eigenen Vater vorstellen, kommt diesem nur ein „Hallo“ über die Lippen. Er habe nie etwas gegen „die“ gehabt, sagt er seinem Sohn danach, und meint die Ausländer. Doch begeistert ist er von der Wahl seines Sohnes nicht.

Die Mutter redet sich in Deutschland ein, dass niemand „etwas gegen sie“ haben könne, trotz ihrer Herkunft. Auf Informationen, die dieser Annahme widersprechen, reagiert sie mit bewusstem Ignorieren: Wenn gewalttätige Ausschreitungen gegen Migranten in den Fernsehnachrichten vorkommen, schaltet sie um, damit die Tochter nichts davon mitbekommt. Über rassistische Taten und Worte geht sie geflissentlich hinweg, ohne sie näher zu erläutern.

Für ihre Tochter wünscht sie sich von Beginn an, dass sie es besser haben soll als sie selbst. Sie soll den sozialen Aufstieg durch Bildung schaffen. Doch im Bildungssystem stößt die Tochter auf mal sichtbare, mal unsichtbare Hindernisse, die sich ihren besser situierten Freunden Pikka und Sophia nicht in den Weg stellen. In der Grundschule kann die Erzählerin zwar bereits etwas rechnen und lesen, als sie eingeschult wird, doch der Vorsprung nützt ihr nichts, weil sie sich nicht traut ihr Wissen in der Klasse laut zu äußern. Sie fühlt sich durchdrungen von einer „Unwissenheit“, „die weit hineinreichte in meine Vergangenheit, weit über den Zeitpunkt meiner Geburt hinaus“.

Bei einem Probealarm sagt ein Mitschüler zu ihr das K-Wort, nachdem er sie auf dem Pausenhof auf den Boden geschubst hat, wobei sie sich verletzt. Die Leherin meint darauf, sie müsse lernen, sich besser durchzusetzen und sich ein dickeres Fell wachsen lassen. Ihre Mutter sagt: „Es ist Schimpfwort. […] Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche.“

1999 kommen Sophia und die Erzählerin aufs Gymnasium, wo den Schülerinnen und Schülern von den Lehrern eingetrichtert wird, dass sie die künftige Elite seien. Die Erzählerin bringt für die Rede von der Elite nur Unverständnis auf, was sie auf ihre Herkunft zurückführt. In der Schule ist sie bei den Lehrern einer größeren Beobachtung ausgesetzt als die übrigen Kinder. Sie muss sich häufiger dafür rechtfertigen, dass sie aufs Gymnasium geht. Der Französischlehrer sagt ihrem Vater beim Elternabend direkt ins Gesicht, dass die ausländischen Kinder immerzu Probleme bereiten, allem Anschein nach, ohne zu wissen, wer überhaupt seine Tochter ist.

Die ständige Anspannung, unter der ich im Klassenraum saß, die Alarmbereitschaft vor der geschlossenen Wohnzimmertür, dieses ständige Abwehren von Gefahren nistete sich in meinem Körper ein.

Während Sophia zum Reiten, zum Turnen und in die Kirche geht, sieht die Erzählerin fern, denkt endlos über Probleme nach, fährt mit ihrem Vater zum Supermarkt und in den Baumarkt oder schreibt heimlich Tagebuch. Sophias wohlerzogene Art und ihre bessere Stellung werden im Laufe des Romans immer wieder mit der schlechteren Stellung der Erzählerin kontrastiert.

Sophia, Pikka und die Erzählerin sind zwar Freunde, aber in dieser – sozial ungleichen – Freundschaft sind die Mechanismen sozialer Ab- und Ausgrenzung am Werk, wenn etwa Sophias Mutter das Zeugnis der Erzählerin abfällig mit einem „Oh“ goutiert oder Sophia ihre Freundin wie ein Tier im Käfig lange mit den Augen fixiert, als wäre sie dabei unbeobachtet. Die Eltern von Sophia sind darauf bedacht, stets eine letzte soziale Distanz zur Erzählerin und ihrer Familie zu wahren.

Die Noten der Erzählerin auf dem Gymnasium, das ihre Mutter Jymnasium nennt, sind schließlich so schlecht, dass sie die Schulart wechseln muss. Der erste Bruch. Während Sophia und Pikka das Abitur anstreben, geht die Erzählerin auf eine Abendschule, wo sie auf jede Menge verlorene Existenzen trifft. Die Lehrerin dort glaubt allerdings an die Erzählerin und ermuntert sie, das Abitur zu machen.

Die Schlauheit, die mir die Lehrerin und meine Mitschüler attestierten, wurde nur hinter den Mauern der Abendschule anerkannt, außerhalb blieb nichts davon übrig […].

Nach dem Abschluss an der Abendschule kann die Erzählerin auf ein Gymnasium gehen. Sie wähnt sich nun wieder als ein Teil der „Welt, der Pikka und Sophia angehörten“. Und doch sorgen die Brüche in ihrem Bildungsgang dafür, dass ihre Zeugnisse nicht gleich viel wert sind wie der ununterbrochene Lebenslauf von einer Sophia oder einem Pikka, die nun bereits zu studieren beginnen. Die Erzählerin geht nach einem Bewerbungsgespräch beim Rektor auf das Oberstufengymnasium, etwas weiter entfernt von ihrem Heimatort. Den Abschluss schafft sie mit einer sehr guten Note, obwohl sie auch dort mit ihrer Herkunft hadert. Als die Schülerinnen und Schüler ein Blatt zum Thema „identity“ ausfüllen sollen, bekommt sie nichts zu Papier. Die Lehrerin fragt:

„Woher stammt deine Familie, zum Beispiel? (…) Du bist deutsch, oder?“, sie fragte es in sich vergewisserndem Tonfall, du kommst mir normal vor. Noch immer sah sie mich mit runden Augen an; sie wollte mir helfen.
„Meine Mutter kommt aus der Türkei“, sagte ich.
„Ach so, nach guck mal, siehst du! Da hast du doch was! – Du fühlst dich aber gut integriert, oder?“

In der Zeit auf dem Oberstufengymnasium wird die Mutter todkrank. Mit sensiblen Worten wird das Thema Krankheit und Sterben behandelt. Die Mutter, sagt der Vater, sei gegangen, nicht gestorben. Weil er nur schwer Abschied nehmen kann, will er vom Tod der Mutter am liebsten nicht mehr sprechen.

Die Erzählerin verlässt nach dem Abitur ihren Vater, um zum Studium in eine andere Stadt zu ziehen, obwohl ihr Freund Pikka sie immer wieder davon zu überreden versucht hat, auch während des Studierens vor Ort wohnen zu bleiben und zu pendeln. Sie will immer noch nur eins: weg. Trotz ihres sehr guten Abiturs hat sich für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden.

An der Universität trifft sie auf Kinder aus Alt-68er-Familien, die mit Lockerheit die Codes und den Habitus eines Studierenden zu kennen scheinen, die ihr während des gesamten Studiums fremd bleiben. An der Uni fühlt es sich für die Erzählerin „nicht ganz richtig an“, obwohl es ist, wie sie es sich „erträumt hatte“. Sie befreundet sich mit Lukas, der mit Bezug auf Berufschancen meint: „Es gibt nur wenige Plätze an der Sonne.“ Diese Plätze scheinen in den Augen der Erzählerin an diffuse Andere vergeben zu werden, aber nicht an sie selbst.

Und tatsächlich hat sie nach dem Universitätsabschluss Probleme, einen Job zu finden. Zunächst nimmt sie eine vorübergehende „Tätigkeit“ als Reinigungskraft in einer Anwaltskanzlei an. Daraufhin gerät sie in die Arme der Agentur für Arbeit, wo sie in Bewerbungstrainings geschickt wird, wo ihre Anschreiben auf Fehler durchgesehen werden und wo ihr vielversprechende Stellenangebote zugespielt werden, auch wenn sie nicht hundertprozentig auf ihr Profil passen. Doch nichts zündet. Derweil ist Pikka mit seinem Dualen Studium bei einem Arbeitgeber im Industriepark fast am Ende angelangt, welches ihm einen Arbeitsplatz vor Ort zusichert. Er und Sophia haben sich verlobt und heiraten.

Das pessimistische Ende dieses nüchternen Bildungsromans: Die Bildungsaufsteigerin mit halbtürkischen Wurzeln und sozial schwierigem Hintergrund stößt gegen Ende trotz aller Bemühungen an eine gläserne Decke, während bei den gutsituierten Figuren mit guten Voraussetzungen und einem klassischen Bildungsweg, die nicht von den vorgezeichneten Pfaden abwichen, alles nach Plan läuft: Hochzeit, sicherer Arbeitsplatz, vermutlich Kinder und Familienglück.

Das Werk „Streulicht“ deckt ohne Wertung die menschlichen und systemischen Sollbruchstellen im deutschen Bildungs- und Berufssystem auf, derentwegen die Erzählerin das Vorankommen erschwert wurde und die sie zu einer Biografie mit Brüchen zwingen. Die unmissverständliche Botschaft des Buches lautet, dass nicht allein die Fähigkeiten und Fertigkeiten über den Bildungs- und Berufserfolg eines Menschen entscheiden, sondern dass bis heute die soziale Herkunft und damit verbundene Vorurteile und Rassismen für das Vorwärtskommen prägend sind.

Es handelt sich um einen modernen Nachfolgeroman von Hermann Hesses „Unterm Rad“ (ein Roman, der im Text erwähnt wird); denn es wird das Versagen eines Systems illustriert, in dem eine einzelne Person unterzugehen droht.

Am Ende des Romans gehen der Erzählerin in der Jetzt-Zeit einige Stimmen durch den Kopf, die ihrer früheren Lehrer, die ihres Uni-Professors und eine anklagende Stimme gegen das Schulsystem. Die Klage soll zum Abschluss wiedergegeben werden:

Wie konnte dieses Kind durch die Maschen fallen? Wenn einem etwas angetan wird, dann ist er nicht selbst schuld daran, wenn einer in einem System versagt, das von vornherein auf sein Versagen angelegt ist, liegt die Schuld nicht bei ihm. Für wen ist das Netz gebaut. Für wen ist es ein Fangnetz, und für wen ist der Abgrund darunter bestimmt.

Deniz Ohde erhielt für „Streulicht“ den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung 2020. Darüber hinaus steht der Roman mit vier weiteren Kandidaten auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie bis heute lebt.

Wertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autorin: Deniz Ohde
Titel: Streulicht
Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 17.08.2020
Seiten: 284
ISBN: 9783518429631
Kaufpreis: 22 €

Weitere Rezensionen:
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„Rose Royal“ von Nicolas Mathieu https://promenadeslitteraires.de/2020/10/06/rose-royal-von-nicolas-mathieu/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=rose-royal-von-nicolas-mathieu https://promenadeslitteraires.de/2020/10/06/rose-royal-von-nicolas-mathieu/#comments Tue, 06 Oct 2020 09:33:28 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=956 Nachdem Nicolas Mathieu für seinen zweiten Roman „Wie später ihre Kinder“ („Leurs enfants après eux“, 2019 auf Deutsch erschienen) den Prix Goncourt 2018 erhalten hatte, veröffentlichte er nur ein Jahr später 2019 seinen dritten Roman „Rose Royal“, der in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist. Es handelt sich um einen kurzen Text von gerade einmal […]

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Nicolas Mathieu: Rose Royal. Hanser Berlin.

Nachdem Nicolas Mathieu für seinen zweiten Roman „Wie später ihre Kinder“ („Leurs enfants après eux“, 2019 auf Deutsch erschienen) den Prix Goncourt 2018 erhalten hatte, veröffentlichte er nur ein Jahr später 2019 seinen dritten Roman „Rose Royal“, der in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist. Es handelt sich um einen kurzen Text von gerade einmal 96 Seiten, dem man an manchen Stellen durchaus anmerkt, dass er noch etwas mehr Zeit für Überarbeitung gebraucht hätte.

Doch kommen wir zur Handlung: Im Zentrum von „Rose Royal“ steht die knapp 50-jährige, selbstbewusste Frau namens Rose, die in diesen fünf Jahrzehnten schon so manche Lebenserfahrung und einige Schicksalsschläge erfahren musste. Rose wächst in einem winzigen Kaff in der Provinz Lothringen auf, in dem es gerade einmal zwei Fabriken sowie die Reihenhäuser der Arbeiter gibt – eine unspektakuläre Landkindheit und -jugend also. Hier lässt sich eine Parallele zum letzten Buch von Nicolas Mathieu erkennen. Denn auch „Wie später ihre Kinder“ spielte in Lothringen, der französischen Region, in der der in Nancy ansässige Autor lebt.

Mit 20 heiratet Rose zum ersten Mal, sie bekommt zwei Kinder, Bastien und Grégory, dann folgt eine „Scheidung ohne größere Komplikationen“. Rose macht keine Urlaube, sie kennt nur die Arbeit als Sekretärin. Sie hat sich hochgearbeitet, erhält inzwischen ein dreizehntes Monatsgehalt.

Nach der Arbeit geht sie in die Kneipe namens Royal, wo sie Bier am Tresen trinkt, meist etwas zu viel Bier. Wenn sie mit dem Kneipenwirt plaudert und langsam betrunken wird, fühlt sie sich wohl. Wie ihre Freundin, die Friseurin Marie-Jeanne, die sie zweimal pro Woche in der Bar Royal trifft, hat sie die Männer satt.

„Die Prüfungen des Lebens hatten sie hart gemacht. Das war ein Geschenk. Rose war jetzt stark. An ihrem Umgang mit Männern sah man, sie konnte sich zur Wehr setzen.“

Nach der Scheidung gab es einige Affären und Beziehungen, doch diese scheiterten stets. In ihren Verhältnissen musste Rose Gewalterfahrungen machen, die ihr zeigten, dass sie sich durch männliche Stärke letztlich kleinkriegen ließ. Die schwierigen Beziehungen zu Männern haben „ihr ganzes Leben geprägt“.

Aus diesem Grund kauft sie sich nach der letzten Trennung im Internet einen kleinen Revolver, eine Neun Milllimeter mit fünf Patronen. Im Wald übt sie Schießen, nachdem sie auf einer Webseite Anleitungen dazu angesehen hat. Die Pistole trägt sie von jetzt an als ständige Begleiterin in ihrer Handtasche bei sich, um sich sicherer zu fühlen:

„Die Angst sollte die Seiten wechseln. …“

„Ihr Entschluss stand fest. Wenn es sein musste, würde sie den Abzug drücken.“

Zum ersten Mal kommt die Waffe zum Einsatz, als ein Mann mit einem sterbenden Hund während einer durchzechten Nacht ins Royal kommt. Während alle staunen, gibt Rose der Hündin, die bei einem Unfall zerfetzt worden ist, den Gnadenschuss. Daraufhin meldet sich der Besitzer der toten Hündin bei ihr, er wolle sie wiedersehen und heiße Luc.

Rose und Luc werden ein Paar. Denn dass Luc anders als die anderen Männer ist, kein Langweiler wie die Typen, die sie in der Zwischenzeit beim Online-Dating getroffen hat, das merkt sie sofort: Bei ihm „spürte sie gleich von Anfang an mehr“. Luc ist ein richtiger Mann, ein Macher, der sich um manche Regeln nicht kümmert. Er fährt einen SUV, setzt sich selbst betrunken ans Steuer.

Luc und Rose haben einiges gemeinsam: Sie teilen ihre Vorliebe für den Alkohol, Kriminalfälle, alte Filme und Musik. Beide haben erwachsene Kinder, beide waren mal links und sind es nun nicht mehr. Sowohl er als auch sie hatten „Liebschaften, One-Night-Stands, Schicksalsschläge, Trauerfälle“.

Als sie das erste Mal bei Luc zuhause sind und sich körperlich näher kommen wollen, funktioniert es nicht. Rose fühlt sich in dem Schlafzimmer, in dem noch die Ex-Frau präsent ist, mit Bildern und Fotos, nicht wohl. Sie schieben es auf die Fünfzig, ihr Alter, das mit gewissen Unsicherheiten und einer Zurückhaltung in manchen Dingen einhergeht.

Rose, die eigentlich dem Pärchendasein abgeschworen hatte, richtet sich wieder in einer Beziehung ein, mit gemeinsamen Mahlzeiten, Kompromissen, einer gewissen Abhängigkeit und geteilten Gewohnheiten. Sie gehen von nun auch nicht mehr in die Stammkneipe von Rose, das Royal, sondern in eine hippe Szenebar namens Prune, in dem Dandys, Hipster und Anwältinnen verkehren. Rose hatte das Lokal stets gemieden, da es ihr zu fein gewesen war, doch bald fühlt sie sich dort zuhause. Außerdem gibt sie nun Freundschaften auf und begnügt sich mit der Zweisamkeit mit Luc, der selbst nicht viele Freunde hat. Sie unternehmen Dinge zu zweit, gehen ins Kino, ins Casino, gehen zum Essen und zum Trinken aus. Rose richtet sich erneut nach einem Mann.

„Die gemeinsame Freude aus Trinken und die Übereinkunft in fast allen Punkten reichte ihnen.“

Nur einen Nachteil hat die Beziehung nach wie vor, was vor allem Rose stört:

„Im Bett lief es nicht besonders gut, sicher auch wegen des Alkohols, aber nicht nur. (…)“
„Nach jedem Fehlschlag zeigte sie sich verständnisvoll. Sie sagte ihm, dass es nicht schlimm sei (…).“

Als es auch nach einem perfekten Abendessen bei Rose zuhause nicht klappt, wird Luc wütend und schlägt ihr ins Gesicht. Danach will sie, so sagt sie zumindest, ihre Ruhe von „diesem Idioten“, doch mit Geschenken und Einladungen in teure Restaurants und Hotels hält der reichere Luc die Beziehung aufrecht. Rose ist eigentlich unzufrieden, doch es geht weiter.

„Früher hatte Luc ihr Angst gemacht. er hatte ihr wehgetan. Jetzt war es schlimmer. Er ließ sie spüren, dass sie an einem seidenen Faden hing. Ihre Abhängigkeit, ihre Leibeigenschaft war so groß, dass ein Wort von ihm genügte, um sie zu vernichten.“

2 1/2 Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen kommt es schließlich bei einem kostspieligen Urlaub in einem 5-Sterne-Hotel zum Show-Down, bei dem die Pistole, die Rose immer noch bei sich trägt, erneut eingesetzt wird…

„Rose Royal“ ist zweifelsohne ein spannendes Buch, das man in einem Zug lesen kann; denn über allem schwebt die durchdringende Frage, wann der Schuss aus dem Handtaschen-Revolver fällt und gegen wen er sich richten wird: Wird Rose schießen, wird Luc schießen? Wird jemand durch den Schuss umkommen? Dieser plottechnische Trick, der aus dem Krimigenre entlehnt ist, lässt einen bei „Rose Royal“ den Atem anhalten.

Dazu erhält man, ganz nebenbei, noch eine mittelmäßig überzeugende Mileustudie. Mittelmäßig, weil alles irgendwie angerissen wird: die Probleme des Alterns, sozioökonomische Schwierigkeiten, Gewalterfahrungen in Beziehungen, die Geschlechterverhältnisse, Onlinedating, die Stärke von reifen Frauen, Alkoholismus, Trennungsschmerzen. Gerade weil zig Themen nur halbherzig und ohne Tiefe behandelt werden, kann der Text nicht glänzen.

Vieles bleibt oberflächlich, nicht auserzählt und ausdifferenziert. Gerade am Ende gewinnt man den Eindruck, es wurde nur noch schnell ein Schluss zusammengeschrieben. Die letzten Kapitel hätten wirklich mehr Ausführlichkeit erfordert, es wäre im Sinne des besseren Verständnisses gewesen.

Und noch eine Sache hat mich gestört. Ganz am Anfang des Textes wird Roses Erscheinungsbild auf eine Weise beschrieben, die man in einer feministischen Terminologie wohl als den „male gaze“ beschreiben würde. Mehrmals betont der Erzähler, dass Rose trotz ihres vorgerückten Alters von etwa 50 Jahren noch hüsche Beine hatte und eine schlanke Statur hat.

„Rose war fünfzig und störte sich nicht weiter dran. Sie war sich ihrer Vorzüge bewusst, ihre Figur hatte sie nicht im Stich gelassen, und dann ihre Beine, wirklich schön. Nur ihr Gesicht verriet sie ein wenig. Es war nicht aufgequollen un auch nicht besonders eingefallen, aber Zeit, Tränen und schlaflose Nächte hatten Spuren hinterlassen.“

„(…) [I]hre schlanke Statur und die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen verliehen ihr ein jugendliches Aussehen.“

So entsteht ein seltsamer Widerspruch: Man gewinnt zu Beginn den Eindruck, dass hier eine Figur eingeführt wird, die auf ihre Oberfläche reduziert ist, während Rose wenig später als selbstbewusste, reife und starke Frau vorgestellt wird.

Insgesamt war „Rose Royal“ nur eine mittelmäßige Lektüre. Die Geschichte hat zwar einen Spannungsbogen, aber vieles ist zu dick aufgetragen und zu gewollt, zu oberflächlich und zu wenig ausgearbeitet. Beim nächsten Buch sollte sich Nicolas Mathieu wieder mehr Zeit nehmen.

Bewertung: 3/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Nicolas Mathieu
Titel: Rose Royal
Übersetzung aus dem Französischen: Lena Müller, André Hansen
Verlag: Hanser Berlin
Erscheinungsdatum: 20.07.2020
Seiten: 96
ISBN: 9783446267855
Kaufpreis: 18 €

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Weltlehrertag: 9 Bücher für Lehrerinnen und Lehrer https://promenadeslitteraires.de/2020/10/05/weltlehrertag-9-buecher-fuer-lehrerinnen-und-lehrer/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=weltlehrertag-9-buecher-fuer-lehrerinnen-und-lehrer https://promenadeslitteraires.de/2020/10/05/weltlehrertag-9-buecher-fuer-lehrerinnen-und-lehrer/#respond Mon, 05 Oct 2020 18:21:24 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=940 Am 6. Oktober wird seit 1994 der Weltlehrertag begangen. Dieser erinnert an die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“, welche 1966 von der UNESCO und der Internationalen Arbeitsorganisation angenommen wurde. Der Weltlehrertag soll uns ein Anlass sein, 9 Bücher für Lehrerinnen und Lehrer vorzustellen, die – oft mit einem Augenzwinkern – aus dem nicht […]

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Am 6. Oktober wird seit 1994 der Weltlehrertag begangen. Dieser erinnert an die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“, welche 1966 von der UNESCO und der Internationalen Arbeitsorganisation angenommen wurde. Der Weltlehrertag soll uns ein Anlass sein, 9 Bücher für Lehrerinnen und Lehrer vorzustellen, die – oft mit einem Augenzwinkern – aus dem nicht immer ganz einfachen Schulalltag berichten oder ihnen mit Ratschlägen unter die Arme greifen. Viel Freude mit den Büchern!

Norbert Golluch: Das Survivalhandbuch für Lehrer: Entspannt von Ferien zu Ferien.

Katastrophen können sich immer und überall ereignen. Vor allem im Klassenzimmer geht es oft ums schiere Überleben. Dieses Handbuch bereitet jeden Lehrer auf die Extreme des harten Schulalltags vor. Mit der dafür notwendigen Einstellung, der richtigen Ausstattung und einem ungebrochenen Willen wird er fit gemacht für eine Welt voller Gefahren:
Ob sieben Nächte unter Wilden (aka Klassenfahrt), der Elternbesuch des Grauens, pubertierende Zombies oder die obligatorischen Rangfolgenkämpfe im Lehrerzimmer – Geistesgegenwart und Kampfgeist können jedem Pädagogen das Leben retten.
Ein unerlässlicher Ratgeber für Referendare und Profis. Garantiert vorurteilsbehaftet, subjektiv und pädagogisch zweifelhaft!

Riva Verlag. 96 Seiten. 9,99 €

Herr Schröder: World of Lehrkraft. Ein Pädagoge packt aus.

So komisch ist selten über den Schulalltag geschrieben worden! Comedian Herr Schröder feiert seine Schüler für ihre sprachliche Kreativität, wenn sie ihn als „Korrekturensohn“ oder „Lauchlehrer“ bezeichnen. Beleidigungen auf dem Schulhof findet er völlig in Ordnung – solange sie im dreihebigen Jambus erfolgen. Herr Schröder war früher selbst Deutschlehrer. Als Pauker mit Pultstatus hat er die Seite gewechselt und packt aus: über den intellektuell barrierefreien Unterricht, die Streitschlichter, die sich im Gang prügeln, über die Schulhof-Lebenserwartung heutiger Pubertiere und die Angst der Eltern, ihr Justin-Maddox habe wahrscheinlich ADAC …

Ullstein Taschenbuch. 224 Seiten. 10 €

Thomas Böhm: „Nein, du gehst jetzt nicht aufs Klo!“ Was Lehrer dürfen.

„Wer einen Schüler anfasst, steht mit einem Bein im Gefängnis.“ „Lehrer dürfen Schüler nicht anschreien.“ „Das Elternrecht steht über allem.“ Vorurteile und Mythen bestimmen die Vorstellung vieler Eltern und Schüler darüber, was Lehrer dürfen und was nicht. Dabei ist Pädagogen weit mehr erlaubt, als sie selbst vermuten.
Dr. Thomas Böhm, Experte für Schulrecht, geht den häufigsten Lehrerfragen aus dem Schulalltag nach: Darf man Schüler vom Unterricht ausschließen? Darf man ihnen das Smartphone wegnehmen? Darf der Lehrer die Schultaschen kontrollieren?
Anschaulich erläutert der Autor die von Gerichten entwickelten und die gesetzlich garantierten, bundesweit geltenden Grundlagen des Rechts in der Schule. Mit zahlreichen Beispielen und wichtigen Informationen zur Rechtslage ? rechtzeitig zum Start ins neue Schuljahr.

mvg Verlag. 192 Seiten. 12,99 €

Thorsten Wiese: „Nein, Thorben-Jasper, du hast keinen Telefonjoker.“ Referendare erzählen vom täglichen Klassen-Kampf.

Zwischen den Pausen der Clown sein – so haben sich viele Referendare den Einstieg an der Schule nicht vorgestellt. Aber für den Nahkampf an der Bildungsfront hat die Uni sie nicht ausgebildet. Zwei Jahre lang heißt es: Augen zu und durch. Es sind unglaubliche Geschichten von ungeahnten Konflikten mit Sarah-Cheyenne und Leon-Justin. Von wundersamen Begegnungen mit dementen Alt-Lehrern, durchzechten Klassenfahrten, chaotischen Lehrproben. Die unerbittliche Einsicht: Es läuft einiges falsch im Bildungssystem.
In diesem Buch berichten sie vom täglichen Wahnsinn des Referendariats – von Überforderung, Furchtlosigkeit und Idealismus. Willkommen im Klassen-Kampf!

riva Verlag. 208 Seiten. 9,99 €

Gabriele Frydrych: Man soll den Tag nicht vor dem Elternabend loben.

Montagmorgen, 8 Uhr. Luise aus der 10a gibt ein Attest ab, das sie vom Sport befreit. Valeska möchte so ein „Dings“, damit das „Dings“ (das JobCenter) die „Dings“ (Klassenfahrtskosten) übernimmt. Max braucht so was auch, er hat sein „Dings“ leider verloren. Diego will seine Schürfwunde vorführen und wickelt schon drohend am Verband – und Lehrerin Gabriele Frydrych versucht, über den Dingen zu stehen und Deutschunterricht zu machen. Mit viel Humor und einem großen Herzen berichtet sie, warum der Schulalltag erst richtig irre wird, wenn klagewütige Eltern aufkreuzen und angebliche »Experten« ihr zu Finger-Yoga und Achtsamkeitstraining raten. Zu Wort kommen auch gequälte Schulsekretärinnen, Putzkräfte, Mensabetreiber und Erzieherinnen.

Piper Taschenbuch. 304 Seiten. 11 €

Fräulein Krise/Frau Freitag: Hurra, hurra, die Schule brennt.

„Es brennt“, schreit Hakan völlig entfesselt. „Die Schule brennt“ Das Wort „Hurra“ hat er sich gespart, wahrscheinlich befindet es sich gar nicht in seinem Wortschatz, aus seinem Tonfall war es aber deutlich herauszuhören.
Der Rauch quillt aus den Fenstern, Brandgeruch liegt in der Luft. Plötzlich knallt es laut. Alle schreien auf. Glasscherben rieseln auf den Hof und hinter den Fenstern des vierten Stocks züngeln Flammen hoch. Na, toll, sieht so aus, als würde mein Arbeitsplatz gerade in Schutt und Asche gelegt.
Frau Freitag stürzt auf mich zu. „Ich sag nur eins: Kein Unterricht bis zu den Sommerferien!“
Die Tage an der Berliner Problemschule sind mehr als abenteuerlich. Und dann brennt es auch noch. Schüler und Lehrer müssen umziehen – ausgerechnet auf das konservativste Gymnasium der Stadt fällt die Wahl der Schulbehörde.
Was war die Brandursache? Die Polizei ermittelt. Frau Freitag leidet derweil Höllenqualen: Ist ihr heimliches Rauchen an der Katastrophe schuld? Da findet man die verkohlte Leiche eines Menschen, der nicht im Feuer starb …

Rowohlt Taschenbuch. 304 Seiten. 9,99 €

Dietrich von Horn: 111 Gründe, Lehrer zu sein. Eine Hommage an den schönsten Beruf der Welt.

Ein leidenschaftliches Buch, das sich stark macht für den Lehrer. Es stellt die Besonderheit dieses Berufes heraus und beschreibt, dass trotz einigem Frust auch viel Freude in diesem Beruf zu finden ist.
In 111 GRÜNDE, LEHRER ZU SEIN gelingt es Dietrich von Horn auf humorvolle, manchmal auch nachdenkliche Weise, den Lehrer mit seinen Ängsten, seinen Bedenken, seinen Erfolgen, seinen Zweifeln und seinen Hochgefühlen zu beschreiben.
Der Leser wird mitgenommen auf eine abenteuerliche Reise durch das Lehrerdasein. Und am Ende der Lektüre wird klar, dass es die Mischung aus allem ist, die diesen Beruf einzigartig und zum schönsten und wichtigsten Beruf auf der Welt macht.

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. 224 Seiten. 12,99 €

Dietrich von Horn/Hein-Dirk Stütnitz: Weitere 111 Gründe, Lehrer zu sein. Eine Hommage an den allerschönsten Beruf der Welt.

750.000 Lehrer gehen zur Zeit ihrer pädagogischen Profession in den verschiedensten Schulen Deutschlands nach. Viele Tausend Studenten haben sich entschieden, Millionen von Schülern zu unterrichten. So mancher Schüler zieht in Erwägung, den Beruf des Lehrers zu ergreifen. Denen, die sich noch nicht entschlossen haben, wollen wir Mut machen und Gründe aufzeigen. Denen, die sich dem wichtigsten Beruf der Welt bereits hingeben, wollen wir vor Augen führen, dass sie die richtige Wahl getroffen haben. Die Autoren haben zusammen 80 Jahre Schulerfahrung hinter sich und können mit der Erfüllung, die ihnen ihr Beruf gebracht hat, aus dem Vollen schöpfen, was die Gründe anbelangt, Lehrer zu sein. Deshalb fiel es ihnen auch nicht schwer, zu den ersten 111 Gründen, Lehrer zu sein, weitere 111 zu formulieren. Mit Humor und Nachdenklichkeit wird belegt, warum sich Lehrer sicher sein können, den nicht nur wichtigsten, sondern auch schönsten Beruf der Welt zu haben.

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. 288 Seiten. 9,99 €

Marthamaria Drützler-Heilgeist/Rolf Zimmermann/Heinz Ferdinand Wäß: Tipps und Tricks für junge Lehrer. Sekundarstufe. Was man gerne früher gewusst hätte.

Als junger Lehrer sehen Sie sich vielen neuen Herausforderungen ausgesetzt: Wie sorge ich für Disziplin im Klassenzimmer? Wie erstelle ich eine Klassenarbeit? Wie werde ich ein guter Klassenlehrer? Damit Sie den neuen Anforderungen schnell gerecht werden, holen Sie sich am besten ein paar Tipps von älteren Kollegen. An diesem Punkt setzt dieses Buch an. Die Autoren haben sich von der Frage leiten lassen: „Was hätten wir damals gerne gewusst?“ und eine Fülle an Tipps und Tricks für die wesentlichen (Problem-)Situationen des Schulalltags zusammengetragen. Das kompakte Nachschlagewerk richtet sich an Referendare, Junglehrer, Seiten- und Wiedereinsteiger sowie an alle, die gute Ratschläge für den Lehreralltag suchen!

AOL im AAP Lehrerfachverlag. 184 Seiten. 21,95 €

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30 Jahre Deutsche Einheit: 17 Bücher zur Wiedervereinigung https://promenadeslitteraires.de/2020/10/02/deutsche-einheit-buecher-zur-wiedervereinigung/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=deutsche-einheit-buecher-zur-wiedervereinigung https://promenadeslitteraires.de/2020/10/02/deutsche-einheit-buecher-zur-wiedervereinigung/#respond Fri, 02 Oct 2020 18:55:10 +0000 http://promenadeslitteraires.de/?p=906 Am 3. Oktober feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung. 41 Jahre lang, von 1949 bis 1990, war das Land in die DDR und in die BRD geteilt. Und bis heute macht sich die Teilung bemerkmar. Wir stellen 17 Bücher – sowohl neue und ältere Romane als auch Sachbücher – vor, die sich mit dem Thema West […]

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Am 3. Oktober feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung. 41 Jahre lang, von 1949 bis 1990, war das Land in die DDR und in die BRD geteilt. Und bis heute macht sich die Teilung bemerkmar. Wir stellen 17 Bücher – sowohl neue und ältere Romane als auch Sachbücher – vor, die sich mit dem Thema West und Ost und Wiedervereinigung auseinandersetzen. Viel Freude mit den Büchern!

Aktuelle Romane

Lutz Seiler: Stern 111.

Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben – die Wohnung, den Garten, ihre Arbeit und das Land. Ihre Reise führt die beiden Fünfzigjährigen weit hinaus: Über Notaufnahmelager und Durchgangswohnheime folgen sie einem lange gehegten Traum, einem »Lebensgeheimnis«, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts weiß. Carl wiederum, der den Auftrag verweigert, das elterliche Erbe zu übernehmen, flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des »klugen Rudels« aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser und die Kellerkneipe Assel betreibt. Im U-Boot der Assel schlingert Carl durch das archaische Chaos der Nachwendezeit, immer in der Hoffnung, Effi wiederzusehen, »die einzige Frau, in die er je verliebt gewesen war«.
Ein Panorama der ersten Nachwendejahre in Ost und West, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.

Suhrkamp Verlag. 528 Seiten. 24 €

Ingo Schulze: Der rechtschaffene Mörder.

Wie wird ein aufrechter Büchermensch zum Reaktionär – oder zum Revoluzzer? Eine aufwühlende Geschichte über uns alle.
Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar, bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Über vierzig Jahre lang durchlebt er Höhen und Tiefen. Auch als sich die Zeiten ändern, die Kunden ausbleiben und das Internet ihm Konkurrenz macht, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Mensch vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. Die Geschichte nimmt eine virtuose Volte: Ist Paulini eine tragische Figur oder ein Mörder?
Auf fulminante Weise erzählt Ingo Schulze von unserem Land in diesen Tagen und zieht uns den Boden der Gewissheiten unter den Füßen weg.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020.

S. Fischer Verlag. 320 Seiten. 21 €

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir.

Ruth spielt Geige und hat Angst vor Vampiren. Sie wächst in einem Pfarrhaus in der ostdeutschen Pampa auf. Aber Gott ist kein Parteisekretär, um dessen Schutz man buhlen könnte. Ihr bester Freund Viktor hat einen Mondglobus und Falten im Gesicht. Er fürchtet sich nur vor seinem Scheißschwager. Aber dann findet er diesen Schalter in seinem Kopf, um rein gar nichts zu empfinden. Und wird selbst zum Fürchten.
Was Gewalt bedeutet, wissen sie beide. Hier, wo der Braunkohleabbau ganze Dörfer und Wälder verschlingt, hilft man sich am besten selbst. Viktor macht jeden Tag Sit-ups und rasiert sich eine Glatze. Dass einer wie er als Au-Pair nach Frankreich geht, versteht niemand. Doch für Viktor ist es überall besser als zu Hause. Und Ruth? Die flüchtet sich ins Geigenspiel.
Wohin es die beiden auch verschlägt, überall werden sie von Gewalt eingeholt. Wann also schaut Ruth von ihrer Geige auf? Und vor allem: Wie rettet man einander?

Monster wie wir ist der erste Roman der gefeierten Dichterin und Klangkünstlerin Ulrike Almut Sandig. In funkelnder Prosa voll harter Beats schildert sie ihre Generation, geprägt von Um- und Aufbruch, von Identitätsverlust und der Suche nach Selbstbestimmung.

Schöffling & Co. 24o Seiten. 22 €

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour.

Katja Oskamp ist Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen. Also macht sie etwas, was für andere dem Scheitern gleichkäme: Sie wird Fußpflegerin in Berlin-Marzahn, einst das größte Plattenbaugebiet der DDR. Und schreibt auf, was sie dabei hört – Geschichten wie die von Herrn Paulke, vor vierzig Jahren einer der ersten Bewohner des Viertels, Frau Guse, die sich im Rückwärtsgang von der Welt entfernt, oder Herrn Pietsch, dem Ex-Funktionär mit der karierten Schiebermütze. Geschichten voller Menschlichkeit und Witz, Wunderwerke über den Menschen an sich – von seinen Füßen her betrachtet.

Hanser Berlin. 144 Seiten. 16 €

Romane älteren Datums

Uwe Tellkamp: Der Turm.

Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Anne und Richard Hoffmann stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man sich vor den Zumutungen des Systems in die Dresdner Nostalgie flüchten? Oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Er hat Zugang zum Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird. In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen beschreibt Uwe Tellkamp den Untergang eines Gesellschaftssystems.
Ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben.

Suhrkamp Verlag. 976 Seiten. 12 €

Lutz Seiler: Kruso.

Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben. Er wird Abwäscher auf Hiddensee, jener legendenumwogten Insel, die, wie es heißt, schon außerhalb der Zeit und »jenseits der Nachrichten« liegt. Im Abwasch des Klausners, einer Kneipe hoch über dem Meer, lernt Ed Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte, in denen Ed seine sexuelle Initiation erlebt. Geheimer Motor dieser Gemeinschaft ist Krusos Utopie, die verspricht, jeden Schiffbrüchigen des Landes (und des Lebens) in drei Nächten zu den »Wurzeln der Freiheit« zu führen. Doch der Herbst 89 erschüttert die Insel. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.

Inselabenteuer und Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft: Lutz Seilers erster, lang erwarteter Roman schlägt einen Bogen vom Sommer 89 bis in die Gegenwart. Die einzigartige Recherche, die diesem Buch zugrunde liegt, folgt den Spuren jener Menschen, die bei ihrer Flucht über die Ostsee verschollen sind, und führt uns dabei bis nach Kopenhagen, in die Katakomben der dänischen Staatspolizei.

Suhrkamp Verlag. 484 Seiten. 12 €

Clemens Meyer: Als wir träumten.

Nach den Kinderspielen kommen die Kämpfe: Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, zwischen Autoklau, Alkohol und Angst, zwischen Wut und Zerstörung. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie klauen, sie fahren ihr Leben gegen die Wand. Sie sind frei und dem Leben ausgeliefert. Mit direkter, wütender, sensibler und authentischer Stimme erzählt dieser Roman von dem Traum, dass irgendwo ein besseres Leben wartet.

FISCHER Taschenbuch. 528 Seiten. 12 €

Sven Regener: Herr Lehmann.

Der Wahlkreuzberger Lehmann ist noch keine dreißig, und er liebt sein ereignisloses Leben. Jahrelange Ausweichmanöver und heroische Trägheit haben ihn bisher erfolgreich vor den Ansprüchen seiner Umwelt verschont, bis das Jahr 1989 beginnt. Das Jahr der Wiedervereinigung stellt Herrn Lehmann auf eine harte Probe …

In seinem gefeierten Debüt heftet sich Regener an die Fersen seines charmanten Protagonisten, der eine ungewöhnliche Reise durch den Mikrokosmos des Berliner Stadtviertels antritt.

Goldmann Verlag. 288 Seiten. 9,99 €

Thomas Brussig: Helden wie wir.

Die deutsche Geschichte muss umgeschrieben werden: Klaus Uhltzscht war es, der die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hat! Dabei ist Klaus eigentlich ein Versager par exellence. Als Sohn eines Stasi-Spitzels und einer Hygieneinspektorin wächst er zwischen Jogginghosen und Dr. Schnabels Aufklärungsbuch auf, bleibt im Sportunterricht auf ewig ein Flachschwimmer. Auch sein großer Traum, als Topagent bei der Stasi zu arbeiten, erfüllt sich leider nicht. Dafür aber wird er, der inzwischen eine Perversionskartei erfunden hat, zum persönlichen Blutspender Erich Honeckers. Jetzt, da auch noch die Mauer durch – man höre und staune – seinen Penis fiel, packt Klaus aus und erzählt von seinem ruhmreichen Leben. Keiner hat bislang frecher und unverkrampfter den kleinbürgerlichen Mief des Ostens gelüftet als Brussig. Ein Lesevergnügen allererster Ordnung!

FISCHER Taschenbuch. 336 Seiten. 8,95 €

Günter Grass: Ein weites Feld.

Berlin 1989, Wendezeit. An der durchlässig gewordenen Mauer entlanggehen zwei alte Männer, groß und hager der eine, klein und gedrungender andere. Ein ungleiches, ein komisches Paar: der Bürobote TheoWuttke, genant Fonty, und sein »Tagundnachtschatten« Hoftaller, derewige Spitzel. Beider Erinnerungen reichen über große Distanzen, beideleben Vorgängern nach, beiden ist Vergangenheit so nahe undgegenwärtig wie die sich überstürzenden Tagesereignisse…

Aus der Gegenüberstellung ungewöhnlicher Lebensläufe und politischerVerläufe entsteht ein Panorama deutscher Geschichte zwischen derMärzrevolution von 1848 und unseren Tagen, eine jede Chronologiesprengende Folge farbiger Bilderbogengeschichten von einst und jetzt.

Deutscher Taschenbuch Verlag. 784 Seiten. 16,90 €

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie.

Marion Braschs unwiderstehlicher Roman erzählt die Geschichte ihrer außergewöhnlichen Familie im Spannungsfeld zwischen Ost und West. Der Vater war stellvertretender Kulturminister der DDR, die Brüder, darunter Thomas Brasch, wurden als Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler bekannt.
Mit überraschender Leichtigkeit erzählt die »kleine Schwester« die dramatischen Ereignisse in ihrer Familie – Erfolg, Revolte, Verlust der drei Brüder – und folgt ihrem Weg durch Abenteuer und Wirren in die eigene Freiheit. Selten wurde eine Familiengeschichte so persönlich und bewegend erzählt wie in diesem Roman.

FISCHER Taschenbuch. 432 Seiten. 14 €

Aktuelle Sachbücher und Essays

Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm.

Die Menschen in Deutschland haben Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft. Über 80 Prozent der Bevölkerung machen sich sehr große bzw. große Sorgen, dass die gesellschaftlichen Gruppen weiter auseinander driften. Auch bei der Frage, was die Gründe dafür sind, setzt sich die Spaltung fort. Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz macht in seinem neuen Buch eine zu geringe innerseelische Verankerung der Demokratie dafür verantwortlich. Dass Spaltung und nicht eine reife Form der Auseinandersetzung die politische Bühne prägt, erklärt er aus der tiefen Selbst-Entfremdung großer Teile der west wie der ostdeutschen Bevölkerung. Den neuen Rechtsruck hingegen hält Maaz nicht für die eigentliche Krankheit unserer Gesellschaft. Vielmehr sieht er in ihm das Symptom einer Spaltung, die tiefer reicht als die herkömmlichen Gegensätze von links und rechts, fortschrittlich und reaktionär, Ost und West, Traditionalismus und Globalismus. Wer etwas gegen die Vertiefung der Spaltung unternehmen will, darf sich nicht auf eine der beiden Seiten schlagen, sondern muss die darin zum Ausdruck kommende Psychodynamik untersuchen und verändern.

C. H. Beck Verlag. 219 Seiten. 16,95 €

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen – und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama – mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.

C. H. Beck Verlag. 319 Seiten. 16,95 €

Jana Hensel: Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland.

Wo stehen wir 30 Jahre nach dem Fall der Mauer? Wie wurden die Ostdeutschen zu denen, die sie heute sind? Jana Hensel zeichnet ein vielfältiges und lebendiges Psychogramm einer Gesellschaft, deren einzige Konstante der Wandel ist und für die der Bruch zur grundlegenden Erfahrung wurde.
Seit ihrem Bestseller »Zonenkinder« hat sich Jana Hensel so intensiv wie kaum jemand anderes in vielen Reportagen, Essays, Interviews und Porträts mit Ostdeutschland und seinen Menschen beschäftigt. In diesen Texten geht es um Politik und Liebe, um Angela Merkel, Robert Enke und Sigmund Jähn, um eigene Erfahrungen und fremde Blicke, kurzum: um zentrale Fragen der ostdeutschen Gesellschaft. Wo stehen wir im 30. Jahr der Wiedervereinigung? Wie wurden die Ostdeutschen zu denen, die sie heute sind? Jana Hensel zeichnet das vielfältige und lebendige Psychogramm einer Gesellschaft, deren einzige Konstante der Wandel ist und für die der Bruch zur grundlegenden Erfahrung wurde.

Aufbau Verlag. 317 Seiten. 16 €

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass.

Fremdenfeindlichkeit und Hass auf »den Staat«: Verlieren wir den Osten Deutschlands? Das Buch sucht Antworten auf das Warum der Radikalisierung, ohne die aktuell bestimmende Opfererzählung nach 1989 zu bedienen. Es erzählt von den Schweigegeboten nach dem Ende der NS-Zeit, der Geschichtsklitterung der DDR und den politischen Umschreibungen nach der deutschen Einheit. Verdrängung und Verleugnung prägen die Gesellschaft bis ins Private hinein, wie die Autorin mit der eigenen Familiengeschichte eindrucksvoll erzählt.

Seit 2015 haben sich die politischen Koordinaten unseres Landes stark verändert – insbesondere im Osten Deutschlands. Was hat die breite Zustimmung zu Pegida, AfD und rechtsextremem Gedankengut möglich gemacht? Ines Geipel folgt den politischen Mythenbildungen des neu gegründeten DDR-Staates, seinen Schweigegeboten, Lügen und seinem Angstsystem, das alles ideologisch Unpassende harsch attackierte. Seriöse Vergangenheitsbewältigung konnte unter diesen Umständen nicht stattfinden. Vielmehr wurde eine gezielte Vergessenspolitik wirksam, die sich auch in den Familien spiegelte – paradigmatisch sichtbar in der Familiengeschichte der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den sie in seinen letzten Lebenswochen begleitete, steigt Ines Geipel in die »Krypta der Familie« hinab.
Verdrängtes und Verleugnetes in der Familie korrespondiert mit dem kollektiven Gedächtnisverlust. Die Spuren führen zu unserer nationalen Krise in Deutschland.

Klett-Cotta Verlag. 277 Seiten. 20 €

Martin Gross: Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land.

Nach dreißig Jahren wiederentdeckt: Martin Gross: Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land Der westdeutsche Autor Martin Gross lebte 1990 überwiegend in der DDR, um den Niedergang und die Neugestaltung des Landes aus nächster Nähe zu beobachten. In zahlreichen Alltagsnotizen beschrieb er, wie die Menschen den Wechsel vom alten in das neue System vollzogen. Er porträtierte so unterschiedliche Personen wie den Bewacher eines ehemaligen Stasi-Gefängnisses, den Filialleiter eines der neuen Supermärkte, die Heizer eines Kraftwerks, die Personenschützer eines Ministers und die Reinigungskräfte eines Regierungsgebäudes. Sein Buch Das letzte Jahr erschien 1992 bei BasisDruck Berlin, geriet dann aber in Vergessenheit. 2019 stieß Jan Wenzel bei seinen Recherchen für sein Buch Das Jahr 1990 freilegen auf Martin Gross und übernahm viele seiner Aufzeichnungen. Mit 30 Jahren Abstand wurden sie von der Kritik nun als „hellsichtige“, „präzise“, „stilistisch brillante“ Beobachtungen des Wendejahres wahrgenommen. Der Autor selbst war aber nicht auffindbar. Erst im Juni 2020 entstand auf Umwegen ein Kontakt, und die Neuausgabe des Titels konnte geplant werden.

Spector Books. 368 Seiten. 22 €

Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk.

Ostdeutsche stilisieren sich im öffentlichen Diskurs gern als Opfer der deutschen Einheit. Tatsächlich haben sie sich aber von der friedlichen Revolution bis heute als mächtiger politischer Akteur erwiesen. So ging im revolutionären Umbruch von 1989 die Dynamik nicht von der kleinen Schar der Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen aus, sondern von der Bevölkerung. Und heute beherrscht die ostdeutsche Bevölkerung durch ihr Wahlverhalten und nicht zuletzt durch ihren Opferdiskurs die öffentlichen Debatten. Am ostdeutschen Protestverhalten lässt sich begreifen, wie sich eine Bevölkerung zum Volk konstituiert – unter den Bedingungen einer Diktatur – und wie in der Demokratie die kollektive Selbstermächtigung zum Ressentiment verkommt.

transcript Verlag. 232 Seiten. 20 €

Der Beitrag 30 Jahre Deutsche Einheit: 17 Bücher zur Wiedervereinigung erschien zuerst auf Promenades littéraires.

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