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Rezension Schöne Literatur

„Loving: Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950“ von Neal Treadwell und Hugh Nini (Herausgeber)

Neal Treadwell/Hugh Nini (Herausgeber): Loving: Männer die sich lieben. Fotografien aus den Jahren 1850-1950. Elisabeth Sandmann Verlag.

Dieser Tage ist im Elisabeth Sandmann Verlag ein außergewöhnlicher Bildband erschienen, dessen Anliegen es ist, die Universalität der Liebeserfahrung über die Zeit, den Raum und soziale Grenzen hinweg abzubilden. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber Neal Treadwell und Hugh Nini, die die Bilder auf ihren jährlichen Reisen durch verschiedene Länder in Europa, Kanada und quer durch die USA sammelten, haben 350 Bilder von ausschließlich Männerpaaren zusammengetragen. Insgesamt besitzen sie über 2800 Originalfotos liebender Männer.

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Buchliste Schöne Literatur

18 schöne Bücher aus unabhängigen Verlagen

Das Netzwerk „Schöne Bücher“ bringt zweimal jährlich ein Magazin mit Lesetipps aus mehr als 50 unabhängigen Verlagen heraus. Auf jeder Doppelseite präsentiert ein unabhängiger Verlag die eigene Philosophie sowie drei Bücher aus dem aktuellen Programm.

Der 100-seitige Katalog hat sich zum Ziel gesetzt, etwas Übersichtlichkeit in die kaum zu überblickende Masse an Neuerscheinungen zu bringen, immerhin ingesamt 80.000 Titel jedes Jahr. Ich möchte euch heute meine Auswahl von 18 Titeln vorstellen, die ich aus diesem Katalog entnommen habe.

Lothar Becker: Als Großvater im Jahr 1927 mit einer Bombe in den Dorfbach sprang, um die Weltrevolution in Gang zu setzen.

Eigentlich hätte Großvater lieber per Dekret die Dummheit verboten. Doch sein Freund Herbert, der im Dorf die Hühner schlachtet und wie er eher versehentlich in die Kommunistische Partei eingetreten ist, hat eine andere Idee, wie man die Weltrevolution in Gang setzt: natürlich mit einer Bombe in einer Machtzentrale der herrschenden Klasse! Nachdem ein erster Anschlag auf eine unschuldige Rathaustreppe im Nachbarort noch nicht ganz den gewünschten Erfolg erzielt, flüchtet er mit seiner neuen Freundin Else nach Wien und gerät in die Fänge von Genosse Schmidt und Genossin Olga, die einen weitaus größeren Beweis für seine Loyalität zur Partei einfordern: Er soll den Stephansdom sprengen. Lothar Beckers liebevoll-grotesker Roman ist eine ironische Abrechnung mit Ideologien, Weltanschauungen und den mit ihnen verbundenen Heilserwartungen.

Carpathia Verlag. 256 Seiten. 20 €

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Schöne Literatur

„Die heilige Krankheit: Geister“ von David B.

David B.: Die heilige Krankheit: Geister.
Edition Moderne.

David B. schreibt in „Die heilige Krankheit: Geister“ über die Epilepsie-Erkrankung seines Bruders. Die Geschichte handelt von der Kindheit in den 60er und 70er Jahren, in der die Erkrankung des Bruders im Zentrum des Geschehens stand.

Die Familie probiert verschiedene Heilmethoden aus, um den Sohn von seinen Anfällen zu erlösen, die ihn im sozialen Umfeld seiner Heimatstadt stigmatisieren: Sie gehen zunächst zu einem Facharzt, der Medikamente verschreibt; anschließend testen sie die sogenannte makrobiotische Ernährung und Lebensweise, die von einem Guru gelehrt wird und in Kommunen praktiziert wird. In den Ferien fahren sie in Kommunen, wo sie nach den Regeln des makrobiotischen Lebensstils essen und leben. Auch zu Scharlatanen und Sekten zieht es die Familie in der Hoffnung, dort die Lösung für das Leiden des Sohnes zu finden.

Für David B. wird die Suche nach der Heilung des Bruders zu einem Albtraum, den er in seinem autobiographischen Graphic Novel Jahre später verarbeitet und überwindet. Darin wird die Epilepsie als einer von vielen Dämonen dargestellt, die die Welt der Kinder und der Familie immer wieder heimsuchen. Die Welt von David B. ist bevölkert von verschiedenen Dämonen, die zum Beispiel auch beim Tod des Großvaters auftauchen. Anlässlich des Todes des Großvaters macht die Geschichte einen Exkurs in das Leben der Großeltern, sodass hier eine wahre Familiengeschichte vorliegt.

Mir hat der Graphic Novel sehr gut gefallen, vor allem weil man merkt, dass hier eine sehr persönliche Geschichte verarbeitet wurde. Der Autor hat seine eigene Geschichte durch das Zeichnen und Schreiben überwunden. Es scheint fast so, als hätte das Zeichnen für ihn eine therapeutische Wirkung. So zeichnet er im Graphic Novel immer wieder Kriegs- und Kampfszenen, in denen er seiner inneren Wut freien Lauf lassen kann. Insgesamt handelt es sich um eine interessante Familiengeschichte rund um die fünfköpfige Familie von David B. aus den Eltern, seiner Schwester, seinem Bruder und ihm.

ISBN 9783037310939

Bewertung: 5/5

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Schöne Literatur

[Rezension] Die drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt. Graphic Novel. Übersetzt von Hanns Zischler. München: dtv 2019.

Ken Krimsteins Graphic Biography über Hannah Arendt wurde dieses Jahr hoch gelobt: Ein Grund für mich, die Graphic Novel selbst zu lesen und mir ein eigenes Urteil zu bilden.

Krimstein fasste dieses Projekt erstmals ins Auge, weil er fasziniert von Hannah Arendts Formulierungen wie „Banalität des Bösen“ oder dem Titel „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ war. Er wollte mehr über die Person, das Leben und das Werk Hannah Arendts entdecken. Eigentlich ist Krimstein Cartoonist (u. a. für den „New Yorker“, „Punch“ und das „Wall Street Journal“). Außerdem unterrichtet er an der Universität und ist Kreativdirektor einer Werbeagentur.

Doch nun zum Buch: In drei Teilen beschreibt Krimstein die „drei Leben“ von Hannah Arendt (1906-1975). Wir erleben als Leser einen Werdegang mit, der stark von der Flucht geprägt ist, aber auch vom Denken und der Auseinandersetzung mit bedeutenden Intellektuellen, Künstlern, Avantgardisten ihrer Zeit. Hannah Arendt war eine außergewöhnliche Frau, die bereits in ihrer Jugend Kant las. Daraufhin studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger mit einer Reihe anderer wichtiger Denker wie Herbert Marcuse, Leo Strauss und Hans Jonas. Die Affäre zwischen Heidegger und Hannah Arendt wird in der Graphic Novel recht ausführlich thematisiert.

Hannah Arendt im Jahr 1975
(© American Memory)

Hannahs erste Flucht führt sie nach Berlin. Doch 1933 wird Arendt von den Nazis ins Exil gezwungen und geht nach Paris. Auch dort kann sie aber nicht dauerhaft bleiben. Nachdem sie vom nationalsozialistischen Regime ausgebürgert worden war, folgt eine Zeit der Staatenlosigkeit. Sie geht sie über Portugal in die USA. 1951 erhält sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. In den USA geht sie einer akademischen, journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit nach.

Für Hannah Arendt ist leben und denken ein und dasselbe. Sie kann sich ein Leben ohne Denken nicht vorstellen. So entstehen ihre Bücher über die „Banalität des Bösen“, die „Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft“, die „Vita activa“ und Konzepte wie die „Pluralität“, die sie prägte. Demnach besteht zwischen den Menschen eine potentielle Gleichheit und Freiheit im politischen Raum. Wichtig sei es, die Perspektive des anderen einzunehmen. Das Konzept der Pluralität scheint heute angesichts der Polarisierung der Gesellschaft noch aktuell. Arendt vertrat außerdem eher Rätesysteme und Formen direkter Demokratie als repräsentative Demokratien.

Arendts Stellungnahmen zu aktuellen politischen Ereignissen waren häufig umstritten: Sie galten den einen als zu jüdisch, den anderen als nicht jüdisch genug. So wandten sich viele von ihr ab, als sie sich zum Eichmann-Prozess in Jerusalem öffentlich äußerte.

Der Stil der Graphic Novel ist gezeichnet wie ein Cartoon, leicht, locker, übersichtlich, nie schwer oder grausam. Bis auf einige grüne Farbtupfer auf der Kleidung von Hannah Arendt sind die Zeichnungen in schwarz-weiß gehalten. Das Werk liest sich rasch, es ist eine Tour-de-Force durch den interessanten Werdegang einer der wichtigsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Naturgemäß wurde dem Denken, das sich zeichnerisch nicht so leicht darstellen lässt, dort etwas weniger Raum eingeräumt als den Lebensereignissen. Sehr deutlich geht aus der Graphic Novel jedoch hervor, welche Denkerinnen und Denker Hannah Arendt beeinflusst haben, wie etwa Platon, Aristoteles, Kant, Heidegger und Jaspers.

Insgesamt hat mir die Graphic Novel aber sehr gut gefallen. Wie Fluchterfahrungen ein Leben prägen, dieses Thema ist heute aktueller denn je zuvor. Natürlich war Hannah Arendt privilegiert und eine Intellektuelle. Und doch musste sie, wie die Graphic Novel zeigt, auf ihrem Lebensweg Hindernisse überwinden, die mit ihrer Herkunft zusammenhingen, beispielsweise ihrem Judentum, das ihr in einem antisemitischen Umfeld zum Nachteil gereichte.

Erst nach der Emigration in den USA konnte sie sich richtig frei entfalten. Und selbst dort ließ sie ihre Vergangenheit, das, was sie zuvor erlebt hatte, ihre eigene Geschichte nie ganz los. Die Graphic Biography Kimsteins schafft es, darzulegen, wie die eigene Geschichte den Lebensweg und das Denken eines Menschen beeinflusst. Er konzentriert sich auf die wichtigsten Ereignisse und vereinfacht doch nicht zu sehr.

Die Hannah Arendt dieser Graphic Novel ist eine mutige und hochintelligente Denkerin, die es trotz aller Hindernisse wagte, ihren eigenen Weg zu gehen und damit am Ende Erfolg hatte.

Bewertung: 5 von 5.

ISBN 9783423282086