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Rezension Schöne Literatur

„Loving: Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950“ von Neal Treadwell und Hugh Nini (Herausgeber)

Neal Treadwell/Hugh Nini (Herausgeber): Loving: Männer die sich lieben. Fotografien aus den Jahren 1850-1950. Elisabeth Sandmann Verlag.

Dieser Tage ist im Elisabeth Sandmann Verlag ein außergewöhnlicher Bildband erschienen, dessen Anliegen es ist, die Universalität der Liebeserfahrung über die Zeit, den Raum und soziale Grenzen hinweg abzubilden. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber Neal Treadwell und Hugh Nini, die die Bilder auf ihren jährlichen Reisen durch verschiedene Länder in Europa, Kanada und quer durch die USA sammelten, haben 350 Bilder von ausschließlich Männerpaaren zusammengetragen. Insgesamt besitzen sie über 2800 Originalfotos liebender Männer.

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„Allerorten“ von Sylvain Prudhomme

Sylvain Prudhomme: Allerorten. Unionsverlag.

„Allerorten“, der Titel dieses Romans, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.

Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wiederbegegnen, verstehen sie sich besser denn je.

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„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenpos. Matthes & Seitz.

„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist ein Werk, das ganz im Zeichen des Widerstands steht. Die 96-jährige französische Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, ist die unangefochtene Heldin dieses mit dem Deutschen Buchpreis 2020 prämierten Versepos. Sie stellte ihr Leben in den Dienst des Kampfs gegen Besatzer, zunächst gegen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs, dann, ab 1954, gegen die französischen Kolonialherren im Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens.

Zunächst scheint es heute ein kühnes Projekt, einen Roman in Versform in Angriff zu nehmen. Allein für diese formale Herausforderung gebührt der Autorin Anne Weber schon Respekt. Der Text ist in Versen von unterschiedlicher Länge gehalten; ein durchgehend gleichbleibendes Metrum wie der für das Epos typische Hexameter ist dabei nicht zu erkennen, was vielleicht manchen Formalisten enttäuschen wird.

Das Epos stellt traditionell männliche Helden in den Mittelpunkt – Achill in der „Ilias“, Odysseus in der „Odyssee“ oder Aeneas in der „Aeneis“ -, die sich im Kampf, auf Reisen und auf Irrfahrten durch Heldentaten bewähren müssen. Nicht selten dient das Genre zudem als Nationalepos der Selbstaffirmation einer ganzen Nation. Etwas anders liegt die Sache bei „Annette, ein Heldinnenepos“.

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„Streulicht“ von Deniz Ohde

Deniz Ohde: Streulicht. Suhrkamp Verlag.

Chancengleichheit würde herrschen, wenn jeder Person unabhängig von Kategorien wie sozialer Herkunft, Abstammung oder Geschlecht die gleichen Chancen bei Bildung und Beruf offen stünden. In Deutschland bleibt die soziale Herkunft laut der PISA-Studie 2015 entscheidend für den Schulerfolg, und zwar nach wie vor stärker als in anderen Industrienationen. Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hat die soziale Ungleichheit in Deutschland sogar wieder zugenommen.

Deniz Ohde hat sich in ihrem Debütroman „Streulicht“ ganz dem Thema der sozialen Ungleichheit und des Rassismus gewidmet, indem sie mit einem klarsichtigen und unverstellten Blick sowie deutlichen Worten, um es mit Bourdieu zu sagen, den feinen Unterschieden in unserer Gesellschaft nachspürt, die sich von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenleben ihrer Erzählerin ziehen.

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„Rose Royal“ von Nicolas Mathieu

Nicolas Mathieu: Rose Royal. Hanser Berlin.

Nachdem Nicolas Mathieu für seinen zweiten Roman „Wie später ihre Kinder“ („Leurs enfants après eux“, 2019 auf Deutsch erschienen) den Prix Goncourt 2018 erhalten hatte, veröffentlichte er nur ein Jahr später 2019 seinen dritten Roman „Rose Royal“, der in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist. Es handelt sich um einen kurzen Text von gerade einmal 96 Seiten, dem man an manchen Stellen durchaus anmerkt, dass er noch etwas mehr Zeit für Überarbeitung gebraucht hätte.

Doch kommen wir zur Handlung: Im Zentrum von „Rose Royal“ steht die knapp 50-jährige, selbstbewusste Frau namens Rose, die in diesen fünf Jahrzehnten schon so manche Lebenserfahrung und einige Schicksalsschläge erfahren musste. Rose wächst in einem winzigen Kaff in der Provinz Lothringen auf, in dem es gerade einmal zwei Fabriken sowie die Reihenhäuser der Arbeiter gibt – eine unspektakuläre Landkindheit und -jugend also. Hier lässt sich eine Parallele zum letzten Buch von Nicolas Mathieu erkennen. Denn auch „Wie später ihre Kinder“ spielte in Lothringen, der französischen Region, in der der in Nancy ansässige Autor lebt.

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„Herzfaden“ von Thomas Hettche

Thomas Hettche: Herzfaden. Kiepenheuer & Witsch.

Feste Größen der TV-Kinderunterhaltung haben es an sich, dass der Zauber, den man als Kind beim Zusehen verspürte, auch im Erwachsenenalter nicht gänzlich verloren geht. Da gibt es Urgesteine wie die Sendung mit der Maus, Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, tschechische Märchenverfilmungen, Disney-Filme oder aber auch die Augsburger Puppenkiste. Über das Augsburger Puppentheater hat der Schriftsteller Thomas Hettche im September einen Roman veröffentlicht, der von eben diesem Zauber zehrt.

Die Handlung des Romans spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen: eine Handlung in der Vergangenheit, die etwa zu Beginn des Zweiten Weltkrieges einsetzt, und eine Handlung in der rezenteren Gegenwart. Auf der einen Seite ist es ein fantastisches Märchen, in dem die Puppen der Augsburger Puppenkiste, allesamt geschnitzt von Hannelore Öhmichen, genannt Hatü, zum Leben erweckt werden. Auf der anderen Seite finden wir ein Geschichtswerk vor, in dem man die Anfänge der Puppenkiste von 1939 bis zu Beginn der 1950er Jahre kennenlernt und das zwangsweise auch die Grauen des NS-Regimes, die Shoah, den Krieg und die Wirren der Nachkriegszeit nicht ausspart. Aufgrund der geschichtlichen Episoden ist der Roman trotz des Gegenstands Augsburger Puppenkiste eher kein Kinder-, allenfalls ein Jugendroman.

In der Gegenwart schleicht sich ein namenlos bleibendes, zwölfjähriges Mädchen, die Protagonistin dieser Handlungsebene, im Anschluss an eine Theatervorführung durch eine lang verschlossen gebliebene Holztür über eine Wendeltreppe hinauf auf einen geheimnisvollen Dachboden. Dort oben schrumpft das Mädchen auf die Größe einer Marionette zusammen und trifft auf eine Vielzahl von lebendig werdenden und sprechenden Marionetten der Puppenkiste. Begrüßt wird sie von der eleganten Prinzessin Li Si aus dem Stück „Jim Knopf“, daraufhin kommt ein Storch hinzu sowie die eigentlich schon 2003 verstorbene Hannelore Oehmichen, die das Puppentheater mitgründete und später leitete. Sie scheint die Chefin der zahllosen Marionetten auf dem Dachboden zu sein.

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Lyrikkabinett Rezension

Aus dem Lyrikkabinett: „Brache“ von Dilek Mayatürk

Dilek Mayatürk: Brache. Gedichte. Hanser Berlin.

Dilek Mayatürk (1986 in Istanbul geboren) studierte in Istanbul und Klagenfurt Soziologie. Sie arbeitete als Dokumentarfilmerin und -produzentin unter anderem für TRT, IZ TV und die BBC. Spätestens 2010, als sie in der Türkei den Cahit Sıtkı Tarancı-Preis erhielt, war sie dort als Lyrikerin eine Größe. 2014 erschien dort ihr erster Lyrikband „Cesaret Koleksiyonu“ (deutsch: „Mutsammlung“). Für ihre Dichtung wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Vor Kurzem erschien Dilek Mayatürks zweiter Lyrikband „Brache“ in einer zweisprachigen türkisch-deutschen Ausgabe bei Hanser Berlin.

Vom Lyrikband „Brache“ handelt diese Rezension. Mayatürk, die seit 2017 mit dem deutsch-türkischen Journalisten und Publizisten Deniz Yücel verheiratet ist, verfasst ihre Gedichte auf Türkisch. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich in dieser zweisprachigen Ausgabe jeweils nur die ins Deutsche übertragene Version gelesen habe, da ich des Türkischen leider nicht mächtig bin. So geht sicher etwas verloren…

Eine Brache ist ein Stück brachliegendes, nicht bewirtschaftetes Land.

Von der Erde einer Brache erntet man zuerst Geduld,
Danach Verlangen
Und zuletzt seufzt man und flucht.

Ernte

So die Lehre in dem Gedicht „Ernte“, das zusammen mit dem Poem „Brache“ etwa in der Mitte des Bandes steht. Seufzen, aber vor allem Leiden und Schmerzempfinden sind neben der immer wieder aufscheinenden hoffnungsvollen Liebe und Sehnsucht die vorherrschenden Empfindungen in diesem etwas über 100-seitigen Gedichtband.

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Geflüchtete erzählen: „Ich bin mehr.“

Ich bin mehr. Junge Geflüchtete erzählen.
homunculus Verlag.

„Ich bin Zukaa und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Yaman und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Arin und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Ben und das ist meine Geschichte“, „Ich bin Bennu (…). Dies ist meine Geschichte“. Dass fünf der sieben Gesprächsprotokolle mit jungen Geflüchteten auf diese Weise beginnen, macht die Absicht dieses Buchs deutlich: Hier soll den eingewanderten Personen aus Ländern wie Syrien (drei Gespräche), dem Irak, Somalia, Mali und Ägypten eine Plattform geboten werden, die in der üblichen Medienberichterstattung und in der politischen Auseinandersetzung hinter aufgeladenen Schlagwörtern wie Flüchtlinge und „Flüchtlingskrise“ zu verschwinden drohen.

Die Mission, die Individuen hinter der Masse sichtbar zu machen, ist dem schmalen Werk gelungen. Es entstand aus einem Studienprojekt einer Gruppe Studierender der Evangelischen Hochschule Nürnberg heraus, die dieses Herzensanliegen auch nach Beendigung ihres Studiums fortführten. Die Interviews mit den sieben Protagonistinnen und Protagonisten von „Ich bin mehr“ wurden zwischen 2018 und 2020 geführt und anschließend transkribiert und in eine, so kann man sagen, sachliche und prägnante Sprache gebracht. Jedem Kapitel sind ein paar Seiten mit Informationen zu dem jeweiligen Land und seinen Besonderheiten, der aktuellen politischen Lage, den kulturellen Errungenschaften und der Historie, vorangestellt. Diese landeskundlichen Teile habe ich mit großem Interesse gelesen, da sie eine nicht zu vernachlässigende Ergänzung zu den Interviews darstellen.

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„Frausein“ von Mely Kiyak

Mely Kiyak: Frausein. Hanser.

Der Titel „Frausein“ kann einen in die Irre führen. Wer ein Sachbuch mit dem ausschließlichen Thema Frausein oder einen feministischen Essay in der Tradition von Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“) oder Margarete Stokowski („Untenrum frei“) erwartet, wird enttäuscht. Denn „Frausein“ ist vielmehr als das: ein fesselnd geschriebenes Werk über Herkunft, Krankheit, erste Liebe und Partnerschaft, Aufwachsen und Studium als Tochter kurdischer Einwanderer, gesellschaftlichen Aufstieg und den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Immigranten und ihren Angehörigen.

Zugleich schreibt die Autorin und ZEIT-Online-Kolumnistin Kiyak, 1976 geboren, selbstverständlich die Episoden und Anekdoten, aus denen sich das Buch zusammensetzt, stets aus der Perspektive der Frau, die sie ist bzw. geworden ist. Zunächst wächst Kiyak als Mädchen eines türkischstämmigen Fabrikarbeiters auf, der mit seiner Frau als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

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„Der Krieg der Armen“ von Éric Vuillard

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Matthes & Seitz.

Éric Vuillard schreibt Erzählungen, in denen er große Momente der Geschichte auf verdichtete und literarische Weise wiedergibt und sie aus einer neuen Perspektive erzählt. In dem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk „Die Tagesordnung“ (2018) tat er das mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten im Jahr 1933, in „14. Juli“ (2019) blickte er aus der Perspektive des Volks auf die französische Revolution.

In „Der Krieg der Armen“ (2020) verfasst Vuillard die anschauliche Geschichte der Volksaufstände und der Reformationsbewegung, wobei er diese an mehreren Orten, in England, Böhmen und Thüringen, und über einen größeren Zeitraum, zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert, verortet. Lebhaft schildert er im Präsens und mit prägnanten Sätzen das Geschehen. Darunter mengen sich bisweilen überraschende Ausrufe wie „Peng!“ oder „Auwei!“ Im Zentrum des Textes stehen die Theologen und Kirchenreformer John Wyclif (England), Jan Hus (Böhmen) und Thomas Müntzer (Thüringen).

Der Philosoph und Theologe John Wyclif (ca. 1330 bis 1384), der bereits im 14. Jahrhundert die Idee von der direkten Beziehung zwischen Mensch und Gott postulierte und die Bibel ins Englische übersetzte, gilt Vuillard als ein Wegbereiter der Reformation und des Kampfes für die Rechte der einfachen Menschen. Auf sein Wirken reagierte Rom mit einer Bulle, die seine abweichenden Ansichten verurteilte. Sein Schüler John Ball predigte die Gleichheit aller Menschen, wurde allerdings verhaftet. 100.000 Bauern fanden sich in England zusammen, um gegen die vom Parlament beschlossene poll tax und die Leibeigenschaft zu rebellieren. Doch ihr Kampf sollte vorerst erfolglos bleiben.