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Rezension

„Rose Royal“ von Nicolas Mathieu

Nicolas Mathieu: Rose Royal. Hanser Berlin.

Nachdem Nicolas Mathieu für seinen zweiten Roman „Wie später ihre Kinder“ („Leurs enfants après eux“, 2019 auf Deutsch erschienen) den Prix Goncourt 2018 erhalten hatte, veröffentlichte er nur ein Jahr später 2019 seinen dritten Roman „Rose Royal“, der in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist. Es handelt sich um einen kurzen Text von gerade einmal 96 Seiten, dem man an manchen Stellen durchaus anmerkt, dass er noch etwas mehr Zeit für Überarbeitung gebraucht hätte.

Doch kommen wir zur Handlung: Im Zentrum von „Rose Royal“ steht die knapp 50-jährige, selbstbewusste Frau namens Rose, die in diesen fünf Jahrzehnten schon so manche Lebenserfahrung und einige Schicksalsschläge erfahren musste. Rose wächst in einem winzigen Kaff in der Provinz Lothringen auf, in dem es gerade einmal zwei Fabriken sowie die Reihenhäuser der Arbeiter gibt – eine unspektakuläre Landkindheit und -jugend also. Hier lässt sich eine Parallele zum letzten Buch von Nicolas Mathieu erkennen. Denn auch „Wie später ihre Kinder“ spielte in Lothringen, der französischen Region, in der der in Nancy ansässige Autor lebt.

Mit 20 heiratet Rose zum ersten Mal, sie bekommt zwei Kinder, Bastien und Grégory, dann folgt eine „Scheidung ohne größere Komplikationen“. Rose macht keine Urlaube, sie kennt nur die Arbeit als Sekretärin. Sie hat sich hochgearbeitet, erhält inzwischen ein dreizehntes Monatsgehalt.

Nach der Arbeit geht sie in die Kneipe namens Royal, wo sie Bier am Tresen trinkt, meist etwas zu viel Bier. Wenn sie mit dem Kneipenwirt plaudert und langsam betrunken wird, fühlt sie sich wohl. Wie ihre Freundin, die Friseurin Marie-Jeanne, die sie zweimal pro Woche in der Bar Royal trifft, hat sie die Männer satt.

„Die Prüfungen des Lebens hatten sie hart gemacht. Das war ein Geschenk. Rose war jetzt stark. An ihrem Umgang mit Männern sah man, sie konnte sich zur Wehr setzen.“

Nach der Scheidung gab es einige Affären und Beziehungen, doch diese scheiterten stets. In ihren Verhältnissen musste Rose Gewalterfahrungen machen, die ihr zeigten, dass sie sich durch männliche Stärke letztlich kleinkriegen ließ. Die schwierigen Beziehungen zu Männern haben „ihr ganzes Leben geprägt“.

Aus diesem Grund kauft sie sich nach der letzten Trennung im Internet einen kleinen Revolver, eine Neun Milllimeter mit fünf Patronen. Im Wald übt sie Schießen, nachdem sie auf einer Webseite Anleitungen dazu angesehen hat. Die Pistole trägt sie von jetzt an als ständige Begleiterin in ihrer Handtasche bei sich, um sich sicherer zu fühlen:

„Die Angst sollte die Seiten wechseln. …“

„Ihr Entschluss stand fest. Wenn es sein musste, würde sie den Abzug drücken.“

Zum ersten Mal kommt die Waffe zum Einsatz, als ein Mann mit einem sterbenden Hund während einer durchzechten Nacht ins Royal kommt. Während alle staunen, gibt Rose der Hündin, die bei einem Unfall zerfetzt worden ist, den Gnadenschuss. Daraufhin meldet sich der Besitzer der toten Hündin bei ihr, er wolle sie wiedersehen und heiße Luc.

Rose und Luc werden ein Paar. Denn dass Luc anders als die anderen Männer ist, kein Langweiler wie die Typen, die sie in der Zwischenzeit beim Online-Dating getroffen hat, das merkt sie sofort: Bei ihm „spürte sie gleich von Anfang an mehr“. Luc ist ein richtiger Mann, ein Macher, der sich um manche Regeln nicht kümmert. Er fährt einen SUV, setzt sich selbst betrunken ans Steuer.

Luc und Rose haben einiges gemeinsam: Sie teilen ihre Vorliebe für den Alkohol, Kriminalfälle, alte Filme und Musik. Beide haben erwachsene Kinder, beide waren mal links und sind es nun nicht mehr. Sowohl er als auch sie hatten „Liebschaften, One-Night-Stands, Schicksalsschläge, Trauerfälle“.

Als sie das erste Mal bei Luc zuhause sind und sich körperlich näher kommen wollen, funktioniert es nicht. Rose fühlt sich in dem Schlafzimmer, in dem noch die Ex-Frau präsent ist, mit Bildern und Fotos, nicht wohl. Sie schieben es auf die Fünfzig, ihr Alter, das mit gewissen Unsicherheiten und einer Zurückhaltung in manchen Dingen einhergeht.

Rose, die eigentlich dem Pärchendasein abgeschworen hatte, richtet sich wieder in einer Beziehung ein, mit gemeinsamen Mahlzeiten, Kompromissen, einer gewissen Abhängigkeit und geteilten Gewohnheiten. Sie gehen von nun auch nicht mehr in die Stammkneipe von Rose, das Royal, sondern in eine hippe Szenebar namens Prune, in dem Dandys, Hipster und Anwältinnen verkehren. Rose hatte das Lokal stets gemieden, da es ihr zu fein gewesen war, doch bald fühlt sie sich dort zuhause. Außerdem gibt sie nun Freundschaften auf und begnügt sich mit der Zweisamkeit mit Luc, der selbst nicht viele Freunde hat. Sie unternehmen Dinge zu zweit, gehen ins Kino, ins Casino, gehen zum Essen und zum Trinken aus. Rose richtet sich erneut nach einem Mann.

„Die gemeinsame Freude aus Trinken und die Übereinkunft in fast allen Punkten reichte ihnen.“

Nur einen Nachteil hat die Beziehung nach wie vor, was vor allem Rose stört:

„Im Bett lief es nicht besonders gut, sicher auch wegen des Alkohols, aber nicht nur. (…)“
„Nach jedem Fehlschlag zeigte sie sich verständnisvoll. Sie sagte ihm, dass es nicht schlimm sei (…).“

Als es auch nach einem perfekten Abendessen bei Rose zuhause nicht klappt, wird Luc wütend und schlägt ihr ins Gesicht. Danach will sie, so sagt sie zumindest, ihre Ruhe von „diesem Idioten“, doch mit Geschenken und Einladungen in teure Restaurants und Hotels hält der reichere Luc die Beziehung aufrecht. Rose ist eigentlich unzufrieden, doch es geht weiter.

„Früher hatte Luc ihr Angst gemacht. er hatte ihr wehgetan. Jetzt war es schlimmer. Er ließ sie spüren, dass sie an einem seidenen Faden hing. Ihre Abhängigkeit, ihre Leibeigenschaft war so groß, dass ein Wort von ihm genügte, um sie zu vernichten.“

2 1/2 Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen kommt es schließlich bei einem kostspieligen Urlaub in einem 5-Sterne-Hotel zum Show-Down, bei dem die Pistole, die Rose immer noch bei sich trägt, erneut eingesetzt wird…

„Rose Royal“ ist zweifelsohne ein spannendes Buch, das man in einem Zug lesen kann; denn über allem schwebt die durchdringende Frage, wann der Schuss aus dem Handtaschen-Revolver fällt und gegen wen er sich richten wird: Wird Rose schießen, wird Luc schießen? Wird jemand durch den Schuss umkommen? Dieser plottechnische Trick, der aus dem Krimigenre entlehnt ist, lässt einen bei „Rose Royal“ den Atem anhalten.

Dazu erhält man, ganz nebenbei, noch eine mittelmäßig überzeugende Mileustudie. Mittelmäßig, weil alles irgendwie angerissen wird: die Probleme des Alterns, sozioökonomische Schwierigkeiten, Gewalterfahrungen in Beziehungen, die Geschlechterverhältnisse, Onlinedating, die Stärke von reifen Frauen, Alkoholismus, Trennungsschmerzen. Gerade weil zig Themen nur halbherzig und ohne Tiefe behandelt werden, kann der Text nicht glänzen.

Vieles bleibt oberflächlich, nicht auserzählt und ausdifferenziert. Gerade am Ende gewinnt man den Eindruck, es wurde nur noch schnell ein Schluss zusammengeschrieben. Die letzten Kapitel hätten wirklich mehr Ausführlichkeit erfordert, es wäre im Sinne des besseren Verständnisses gewesen.

Und noch eine Sache hat mich gestört. Ganz am Anfang des Textes wird Roses Erscheinungsbild auf eine Weise beschrieben, die man in einer feministischen Terminologie wohl als den „male gaze“ beschreiben würde. Mehrmals betont der Erzähler, dass Rose trotz ihres vorgerückten Alters von etwa 50 Jahren noch hüsche Beine hatte und eine schlanke Statur hat.

„Rose war fünfzig und störte sich nicht weiter dran. Sie war sich ihrer Vorzüge bewusst, ihre Figur hatte sie nicht im Stich gelassen, und dann ihre Beine, wirklich schön. Nur ihr Gesicht verriet sie ein wenig. Es war nicht aufgequollen un auch nicht besonders eingefallen, aber Zeit, Tränen und schlaflose Nächte hatten Spuren hinterlassen.“

„(…) [I]hre schlanke Statur und die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen verliehen ihr ein jugendliches Aussehen.“

So entsteht ein seltsamer Widerspruch: Man gewinnt zu Beginn den Eindruck, dass hier eine Figur eingeführt wird, die auf ihre Oberfläche reduziert ist, während Rose wenig später als selbstbewusste, reife und starke Frau vorgestellt wird.

Insgesamt war „Rose Royal“ nur eine mittelmäßige Lektüre. Die Geschichte hat zwar einen Spannungsbogen, aber vieles ist zu dick aufgetragen und zu gewollt, zu oberflächlich und zu wenig ausgearbeitet. Beim nächsten Buch sollte sich Nicolas Mathieu wieder mehr Zeit nehmen.

Bewertung: 3/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Nicolas Mathieu
Titel: Rose Royal
Übersetzung aus dem Französischen: Lena Müller, André Hansen
Verlag: Hanser Berlin
Erscheinungsdatum: 20.07.2020
Seiten: 96
ISBN: 9783446267855
Kaufpreis: 18 €

2 Antworten auf „„Rose Royal“ von Nicolas Mathieu“

Was hier kritisiert wird, ist mE die Stärke des Textes. Es wird lapidar erzählt, der Alltag (und seine Rituale und Fährnisse) dominieren. Ein kurzer Ausschnitt aus einem profanen Leben. Toll! … und dass Rose auch mit Fünfzig noch schöne Beine hat, kann ihr die Literaturkritik nun wirklich nicht übelnehmen.

Hallo Herr Engelhardt,

so sind die Geschmäcker verschieden. Ich fand die Erzählung auch sehr kurzweilig und die meisten Episoden sind handwerklich gut gemacht. Nur: Ich hätte mir den Text länger gewünscht und hätte gern noch mehr über Luc und Rose erfahren. So blieb vieles vor allem gegen Ende nur angeschnitten…

Viele Grüße
Florian B.

PS: Ich habe nix gegen schöne Beine. Schönheit und eine starke Persönlichkeit sind an sich kein Widerspruch. Aber mir kam der Wechsel der Perspektive etwas heftig und schon bemerkenswert vor.

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