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Rezension

„Herzfaden“ von Thomas Hettche

Thomas Hettche: Herzfaden. Kiepenheuer & Witsch.

Feste Größen der TV-Kinderunterhaltung haben es an sich, dass der Zauber, den man als Kind beim Zusehen verspürte, auch im Erwachsenenalter nicht gänzlich verloren geht. Da gibt es Urgesteine wie die Sendung mit der Maus, Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, tschechische Märchenverfilmungen, Disney-Filme oder aber auch die Augsburger Puppenkiste. Über das Augsburger Puppentheater hat der Schriftsteller Thomas Hettche im September einen Roman veröffentlicht, der von eben diesem Zauber zehrt.

Die Handlung des Romans spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen: eine Handlung in der Vergangenheit, die etwa zu Beginn des Zweiten Weltkrieges einsetzt, und eine Handlung in der rezenteren Gegenwart. Auf der einen Seite ist es ein fantastisches Märchen, in dem die Puppen der Augsburger Puppenkiste, allesamt geschnitzt von Hannelore Öhmichen, genannt Hatü, zum Leben erweckt werden. Auf der anderen Seite finden wir ein Geschichtswerk vor, in dem man die Anfänge der Puppenkiste von 1939 bis zu Beginn der 1950er Jahre kennenlernt und das zwangsweise auch die Grauen des NS-Regimes, die Shoah, den Krieg und die Wirren der Nachkriegszeit nicht ausspart. Aufgrund der geschichtlichen Episoden ist der Roman trotz des Gegenstands Augsburger Puppenkiste eher kein Kinder-, allenfalls ein Jugendroman.

In der Gegenwart schleicht sich ein namenlos bleibendes, zwölfjähriges Mädchen, die Protagonistin dieser Handlungsebene, im Anschluss an eine Theatervorführung durch eine lang verschlossen gebliebene Holztür über eine Wendeltreppe hinauf auf einen geheimnisvollen Dachboden. Dort oben schrumpft das Mädchen auf die Größe einer Marionette zusammen und trifft auf eine Vielzahl von lebendig werdenden und sprechenden Marionetten der Puppenkiste. Begrüßt wird sie von der eleganten Prinzessin Li Si aus dem Stück „Jim Knopf“, daraufhin kommt ein Storch hinzu sowie die eigentlich schon 2003 verstorbene Hannelore Oehmichen, die das Puppentheater mitgründete und später leitete. Sie scheint die Chefin der zahllosen Marionetten auf dem Dachboden zu sein.

Die Erzählung der Gegenwart bildet die Rahmenerzählung, in die die Geschichte der Augsburger Puppenkiste eingelegt ist, welche Hatü dem kleinen Mädchen nach und nach berichtet. Denn: „Die Vergangenheit ist die Gegenwart und die Gegenwart ist die Vergangenheit.“ Während des Aufenthalts auf dem dunklen Dachboden begegnen dem Mädchen weitere bekannte Gestalten wie der Kleine Prinz, König Kallewirsch, das Urmel aus dem Eis, Jim Knopf, aber auch ein bös dreinschauender Kasperl. Die verborgene Geschichte dieses Kasperls, den Hatü während der Landkinderverschickung im Zweiten Weltkrieg als eine ihrer ersten Figuren schnitzte, ist der Schlüssel, damit das Mädchen wieder zurück zu seiner Familie kann…

In der Vergangenheitsebene zwischen 1939/40 und den beginnenden 50er Jahren werden die Erfahrungen der Familie Oehmichen – Walter, Rose, Ulla und Hannelore Oehmichen – unter dem NS-Regime, im Krieg sowie die Anfänge und ersten Erfolge der Augsburger Puppenkiste vorgestellt. Die Protagonistin dieser Geschichte ist Hannelore „Hatü“ Oehmichen zusammen mit ihrem Vater Walter Oehmichen. Die Anfänge sind denkbar einfach: Als der Vater 1940 in Calais stationiert ist, entdeckt er in einer dortigen Schule ein Puppentheater. Mit einigen aus Pappe zusammengebastelten Figuren spielt er den übrigen Soldaten etwas vor, die sich dabei prächtig unterhalten fühlen.

Zurück aus dem Krieg verfolgt er sein Interesse für die Marionetten weiter, wobei vor allem seine Tochter Hatü begeistert mit bei der Sache ist. Er schnitzt erste eigene Marionettenpuppen aus Holz, daraufhin sogar eine richtige Bühne, den sogenannten Puppenschrein. Die Familie führt auf dieser Bühne das Märchen „Hänsel und Gretel“auf, wobei sie den Puppen beim Spielen Leben einzuhauchen scheinen:

„Das ist der Herzfaden“, sagt [der Vater] und und zieht mit dem Zeigefinger eine unsichtbare Linie in die Luft von dem armen Hänsel zu ihnen.
„Der Herzfaden?“ fragt Hatü.
„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“

Ergreifend ist, dass die junge Hatü im Laufe der Geschichte immer wieder Empathie beweist: Sie lebt zwar wie ihre Familie unter dem NS-Regime, doch sie besucht zum Beispiel die jüdische Mitschülerin Bernadette, die plötzlich nicht mehr in die Schule kommt, mit ihrer Freundin Vroni zuhause, um nachzusehen, ob es dieser gut geht. Dort erfahren die beiden, dass Berndattes Familie nach Amerika emigriert ist. Außerdem treffen sie in der alten Wohnung von Bernadettes Familie auf die letzten jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner Augsburgs.

„Hier“, sagt die alte Frau und Hatür schaut in ihre zitternden offenen Hände, „leben alle, die es von uns noch gibt in Augsburg.“
„Von den Juden?“
WIe Vroni das hervorstößt, gibt Hatü einen Stich ins Herz, ohne dass sie verstünde weshalb. Die alte Frau Friedmann lässt mit einem entsetzten Blick kraftlos die Arme fallen.

Etwas später wird auch Frau Friedmann deportiert. An manchen Stellen erlebt Hatü auch verborgene Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Ihr Vater Walter führt am Theater Stücke von Brecht und Shakespeare auf, die verboten oder nicht gern gesehen sind. Ihre aus Berlin angereiste Oma erzählt Witze über Hitler, von denen selbst das Mädchen weiß, dass diese Tabu sind. Und den überzeugten Nazi-Lehrer Dr. Fischer, der von reinen Rassen und dem Endsieg träumt, nennen die Schülerinnen und Schülerinnen und Schüler nur den „Urwaldheini“.

Doch zurück zur Puppenkiste: Im Jahr 1943 werden mit dem „Puppenschrein“ erste Vorstellungen vor Freunden und Bekannten sowie vor verwundeten Soldaten in einem Lazarett gegeben. Ein Jahr später, am 26. Februar 1944, zerstört ein Bombenangriff auf Augsburg das Puppentheater, bei dem auch die Eltern von Hatüs Freundin Vroni sterben und große Teile Augsburgs vernichtet werden. Im Herbst 1944 muss Walter Oehmichen erneut in den Krieg ziehen. Als er wegen einer Erkrankung ins Lazarett kommt, lernt er einen Schreiner aus Tirol kennen, der ihm das Puppenschnitzen beibringt.

Nach Walter Oehmichens Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1945 gründet er schließlich die „Augsburger Puppenkiste“ im leerstehenden Heilig-Geist-Spital, wo sie sich heute noch befindet:

„Das ist unser Theater. Diese Kiste. Sie ist alles, was uns geblieben ist. Sie steht in den Ruinen. In sie sperrenw ir alles, was war. Verwandelt wird es wieder herauskommen.“

Die Puppenkiste soll die Menschen in ihrem Elend unterhalten, ihnen eine Unterstützung in schwierigen Zeiten sein. Am 26. Februar 1948, genau vier Jahre nach der Zerstörung des Puppenschreins, feiert das erste Stück „Der gestiefelte Kater“ Premiere. Der Kasperl, den Hatü im Krieg selbst geschnitzt hat, eröffnet die Vorstellung:

„Ich will das Kind ins Märchenland hinführen,
So schön und rein, wie’s irgend möglich ist,
Ich will an seine zarte Seele rühren,
Dass es den Eindruck nie vergisst.
Und der Erwachs’ne, der dem Spiele lauscht,
Ihn führ ich in das Kinderland zurück,
Und wie von einem schönen Traum berauscht,
Schenk ich ihm eine Stunde Jugendglück.

Die Stücke der Augsburger Puppenkiste werden sehr gut besucht. Bald fahren die Puppenspieler mit einer eigens gebauten Reisebühne zu Aufführungen außerhalb Augsburgs, nach München, Osnabrück und Braunschweig. Der Nordwestdeutsche Rundfunk wird auf das Puppentheater aufmerksam. Im Januar 1950, 20 Tage nach der Ausstrahlung der ersten offiziellen Sendung des deutschen Rundfunks, wird das Märchen „Peter und der Wolf“ in der Version der Puppenkiste aus dem Studio des NWDR übertragen. Und dabei bleibt es nicht: Das noch junge Fernsehen bietet der Puppenkiste an, weitere Stücke aufzuzeichnen. Das Buch endet damit, dass der Hessische Rundfunk plant, vor Ort in Augsburg „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ nach dem Buch von Michael Ende aufzunehmen.

Der Nationalsozialismus sowie der Krieg mit all seinen grausamen Konsequenzen für das Leben der Menschen sind in diesem Roman sehr präsent. Selbst in idyllischere Momente wie einen Ausflug an den See von Vroni und Hatü mischt sich die Bitterkeit, wenn plötzlich der Tod von Vronis Bruder im Kampf erwähnt wird. Es gelingt dem Erzähler, den Nationalsozialismus aus der alltäglichen Sicht der Leute darzustellen. Auch die Frage nach der Schuld, der Mitwirkung und Mitschuld wird klar gestellt.

Doch zum Glück gibt es auch immer wieder poetische und lyrische Momente, wenn etwa die Marionetten zum Einsatz kommen. Dann entfaltet dieser Roman die volle Kraft eines Märchens, das ebenso wie die Werke der Augsburger Puppenkiste für einen Moment in eine andere Welt verführt, verlockt und verzaubert. Die Abschnitte des Romans, die Vorführungen der Augsburger Puppenkiste in wörtlichen Zitaten wiedergeben, sind für mich die stärksten Teile des Textes. Dabei wird der ganze Zauber der Stücke, die die Puppenkiste inszeniert hat, den Leserinnen und Lesern vor Augen geführt, sei es nun das Komische der Einleitungsrede vom Kasperl oder das Lyrisch-Poetische vom „Kleinen Prinzen“.

Die Vergangenheitsebene ist übrigens in blauen Lettern gefärbt, die Gegenwartsebene in roten Buchstaben gehalten. Diese typographische Entscheidung stellt eine kaum übersehbare Hommage an die „Unendliche Geschichte“ dar, das bekannte Kinder- und Jugendbuch des Autors Michael Ende, der auch für „Jim Knopf“ verantwortlich zeichnete. Überhaupt sind auch die Illustrationen von Matthias Beckmann, die die Marionetten der Augsburger Puppenkiste wie das Urmel, die Lok Emma oder Jim Knopf abbilden, sehr gelungen. Man nimmt dieses sehr schön und mit viel Herzblut gestaltete Buch gern in die Hand.

Hettche hat ein vielschichtiges Werk mit mehreren Ebenen geschrieben, welches ein breites Publikum anspricht. Jugendliche und Erwachsene mit Interesse an der Geschichte der Augsburger Puppenkiste können gleichermaßen zu „Herzfaden“ greifen. Dem Autor ist es gelungen, ein modernes Märchen rund um die unschuldig wirkenden Marionetten zu kreieren, ohne die ernsthaften Seiten der Geschichte auszusparen. Daher ist der Roman eine klare Leseempfehlung.

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Thomas Hettche
Titel: Herzfaden
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 10.09.2020
Seiten: 288
ISBN: 9783462052565
Kaufpreis: 24 €

Diese Rezension erschien am 5. Oktober 2020 bei TITEL Kulturmagazin.

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Interview mit Thomas Hettche

Informationen zur Augsburger Puppenkiste: Webseite der Augsburger Puppenkiste

2 Antworten auf „„Herzfaden“ von Thomas Hettche“

bewundernswert scheint mir zu sein, nach dem lesen der rezension – ich kenne das buch bisher nicht – , dass es thomas hettche offenbar gelungen ist, eine »konstruktion« für einen roman zu finden, der die beiden ebenen geschichte, die eher faktisch basierend zu sein scheint und poesie, die das künstelerische/ästhetische zu betonen scheint, erhellend verwoben zu haben.

möglicherweise liegt eine intendierung hettches auf der einerseitigen sensibilisierung für die täterschaft und der frage nach der verantwortung der ns-vergangenheit (1. ebene) und der anderseitigen »überspielung« dieser tatsachen – in bezugnahme auf die gesellschaft – mit der erschaffung der 2. ebene, die für mich auch etwas surreal koloriert anzumuten scheint. das macht neugierig, das buch mal zu lesen.

unverkennbar scheinen anspielungen oder auch eine art implizit »versteckte« hommagierung an kleist zu sein, denn die grazie seines marionettentheaters scheint da wohl durch.

mich würde (noch) interessieren, in welcher erzählform hettche die einzelnen ebenen geschrieben hat bzw. ob es auch eine auktoriale ebene gibt, die die beiden ebenen aus einem »meta« betrachtet, zusammenfasst, verwebt usw.

___

eine neugierig machend geschriebene rezension, florian, die mich dazu veranlassen wird, das buch auf meine liste der zu lesenden zu setzen.

viele grüße,
steffen

Hallo Steffen,

es freut mich, wenn du nach dem Lesen der Rezension Lust bekommen hast, das Buch zu lesen. Ich kann „Herzfaden“ wirklich empfehlen…

Das Buch ist aus einer personalen Erzählperspektive geschrieben, mit vielen Dialogen, die die Erzählung beleben.

Die beiden Ebenen, blau und rot, Vergangenheit und Gegenwart, werden daher nicht aus einer auktorialen Warte kommentiert. Die rote, fantastische, gegenwärtige Perspektive ist ja schon die Rahmenerzählung, in die eine weitere Erzählung eingefügt wird.

Die Marionetten sind in „Herzfaden“ in der Tat voller Grazie… ehrliche, unschuldige Figuren ohne Eitelkeit.

Viele Grüße
Florian

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