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Rezension

„Frausein“ von Mely Kiyak

Mely Kiyak: Frausein. Hanser.

Der Titel „Frausein“ kann einen in die Irre führen. Wer ein Sachbuch mit dem ausschließlichen Thema Frausein oder einen feministischen Essay in der Tradition von Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“) oder Margarete Stokowski („Untenrum frei“) erwartet, wird enttäuscht. Denn „Frausein“ ist vielmehr als das: ein fesselnd geschriebenes Werk über Herkunft, Krankheit, erste Liebe und Partnerschaft, Aufwachsen und Studium als Tochter kurdischer Einwanderer, gesellschaftlichen Aufstieg und den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Immigranten und ihren Angehörigen.

Zugleich schreibt die Autorin und ZEIT-Online-Kolumnistin Kiyak, 1976 geboren, selbstverständlich die Episoden und Anekdoten, aus denen sich das Buch zusammensetzt, stets aus der Perspektive der Frau, die sie ist bzw. geworden ist. Zunächst wächst Kiyak als Mädchen eines türkischstämmigen Fabrikarbeiters auf, der mit seiner Frau als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

Die Mutter arbeitet am Amtsgericht, wo der Amtsrichter, in der Meinung, die Familie wäre bedürftig und könnte sich nichts leisten, die von seiner Frau zubereiteten Frühstücksbrötchen „für die Kinder“ mit nach Hause gibt. Die Kinder zuhause wurden aus „Respekt vor der Großzügigkeit und Güte“ des Richters gezwungen, die Brötchen zu essen, was Miyak im Nachhinein als Lektion in Demut und Unterordnung analysiert.

Sie blieb in den Augen des Amtsrichters lieber bedürftig, als sein schräges Bild über unsere Armut zu korrigieren. […]

So wurde ich darauf konditioniert, mich zu fügen. Mit diesen Übungen. Schweigen, nicht protestierten.

Erst später schafft es die Tochter, sich aufzulehnen. Sie erlebt eine Kindheit zwischen den Kulturen, zwischen der Türkei und Deutschland. Im Herkunftsland leben Cousinen, Onkel, Tanten und Großeltern, mit denen sie in enger Verbindung bleiben und die sie, wenn es möglich ist, besuchen. So fühlen sich die Einwanderer zu keiner Welt mehr richtig zugehörig:

Wir waren in jeder Hinsicht Draußenstehende. In der neuen Heimat und in der alten Heimat. Durch Herkunft, Sprache und auch Religion.

Immer wieder scheint das Titelthema des Buches auf, das Frausein. Denn „Frausein“ ist eine Geschichte, die aus der Perspektive einer Frau erzählt ist. Sie handelt von einer Kindheit als Mädchen und dem Erwachsenwerden als Frau und schließlich dem Frausein. So erfahren wir etwa in mehreren Anekdoten von der Entdeckung der Sexualität und die Erfahrungen der Autorin mit dem heiklen Thema.

Sie entdeckt als Mädchen Bilder von Genitalien in Büchern der Stadtbiblithek, die sie in Erstaunen versetzen. Eine türkische Cousine berichtet beim Besuch der bereits Jugendlichen in der Türkei offenkundig von ihren ersten sexuellen Erlebnissen mit ihrem künftigen Ehemann, mit dem sie sich verbotenerweise bereits heimlich dazu trifft. Ein Sportlehrer fragt sie übergriffig aus, ob sie bereits ihre Periode hatte und ob sie schon ihr erstes Mal hatte, was sie nicht auf sich sitzen lässt.

Das Buch widmet sich so den verschiedenen Aspekten des Frauwerdens und Frauseins, den positiveren ebenso wie den negativeren, zwischen zwei Kulturen.

In Deutschland strebt das Mädchen den Aufstieg durch Bildung an, zu dem sie ihre Eltern antreiben. Stundenlang sitzt sie während ihrer Schulzeit vor ihrem Schreibtisch und schreibt oder übt. Schließlich geht sie als erste zum Studieren, zunächst Literatur, an einen Ort weit weg von ihren Eltern, von denen sie sich distanziert, sowie ihr sozialer Aufstieg beginnt. Der Bruder studiert Jura. Etwas später wechselt sie, weil sie die Codes der Literaturwissenschaft-Studierenden nicht richtig beherrscht, Stadt und Studienfach. Sie zieht in den Osten Deutschlands, wo sie ein Schreibstudium aufnimmt, das genau das Richtige für sie ist.

Während dieser Zeit macht sie auch ihre ersten Erfahrungen mit Männern. Zuerst findet sie eine erste Liebe mit einem Mann, der ihr eine Wohnung vermittelt und der für sie seine Frau verlässt. Doch diese Beziehung scheitert. Die zweite Partnerschaft geht sie mit einem Mann ein, den sie zunächst freundschaftlich kennenlernt und mit dem sich eine gelassene, lockere Beziehung ergibt, die über zwei Jahrzehnte hält, ihre „Lebensliebe“.

Doch Heiraten oder Kinderkriegen kommt für Kiyak nicht infrage, wie sie bereits als Kind vor ihren Verwandten zu deren Erheiterung verkündete. Stattdessen erkennt sie nach mehreren Beziehungsversuchen, dass sie zurückgezogen und mit allein sich selbst am glücklichsten ist:

Auf die ehrlich an mich selbst gestellte Frage, womit ich am zufriedensten und ruhigsten war, lautet die Antwort: mit mir. Einfach nur mit mir.
Ich erkannte eine unbestimmte Sehnsucht nach einem Leben, in dem Lesen und Schreiben im Vordergrund stand. Der Schreibtisch.

Dass ihre Abweichung von der Mehrheitsgesellschaft Nachteile mit sich bringen kann, muss die Autorin leider ebenfalls erleben: Während ihres Studiums wird sie von einem ihr unbekannten Mann heftig zusammengeschlagen, der ungeduldig hinter ihr darauf wartete, in die Telefonzelle zu kommen, in der sie steht und mit ihrem Vater telefoniert. Er lässt sie verprügelt am Boden liegen. Ihre WG-Mitbewohnerin, eine angehende Medizinstudentin, päppelt sie schließlich wieder auf.

Nach dem Anschlag vom 11. September erklären die Schreibstudierenden in einem Kurs am Literaturinstitut übereinstimmend, dass Muslime – Leute wie die Autorin also – nicht zur Gesellschaft gehören. Das seien ohnehin ausnahmslos Terroristen, die sich mit ihrem gewalttätigen Handeln gegen die demokratische Ordnung steltten. Kiyak sitzt daneben, als gehöre sie nicht dazu, übersehen und ausgeschlossen von den ausgrenzenden Reden der anderen.

Zuletzt erfahren wir, dass Kiyak Probleme mit ihren Augen hat, auf denen sie bereits seit ihrer Kindheit immer schlechter sieht. Während sie als Kind aufgrund ihrer schlechten Sicht unzählige Fahrradunfälle verursachte, muss sie als Erwachsene Operationen durchführen lassen und spezielle Kontaktlinsen tragen, um noch zu sehen.

Die Anekdoten und Episoden, die dieser Band der Theodor-Wolff-Preisträgerin Kiyak zusammenträgt, sind im Ton mal heiter und ausgelassen, mal analytisch angehaucht, oft aber eine Mischung aus humorvoll und nachdenklich stimmend. Die Sprache ist lakonisch und geschliffen. Hier steht kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig.

Das Buch liest sich gut; es bringt manche Erkenntnis zum Thema Herkunft und Klasse mit sich, über die sich eine Person mit mehr Privilegien vorher vielleicht keine Gedanken machte. Ich habe die 128 Seiten in einem fort auf einer Zugfahrt von München nach Erlangen gelesen. Es war eine lehrreiche und doch nicht schulmeisterhafte, sondern unterhaltsame Lektüre, die ich jedem ans Herz legen kann, der sich für das Leben anderer Menschen interessiert.

Bewertung: 5/5

Biographische Angaben:
Autor: Mely Kiyak
Titel: Frausein
Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 17.08.2020
Seiten: 128
ISBN: 9783446267466
Kaufpreis: 18 €

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