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Rezension

„Die Scham“ von Annie Ernaux

Annie Ernaux: Die Scham. Bibliothek Suhrkamp.

An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.

Mit diesem in seiner Prägnanz und Banalität erschreckenden Satz beginnt die Erzählung „Die Scham“. Die Ich-Erzählerin steigt daraufhin unmittelbar in die Szene ein, die sich an jenem Sonntag bei der Familie am Küchentisch abspielte: Die Mutter ist schlecht gelaunt und beginnt während des Mittagsessens einen Streit mit dem Vater, der auch nach der Mahlzeit fortdauert. Der angesichts der Vorwürfe still gewordene Vater kann sich schließlich nicht mehr beherrschen:

Mit einem Mal begann er krampfartig zu zittern und zu keuchen: Er stand auf, und ich sah, wie er meine Mutter packte, sie in die Kneipe schleifte, und mit rauer, fremder Stimme schrie. […]

In der schlecht beleuchteten Vorratskammer hatte mein Vater meine Mutter mit der einen Hand an der Schulter oder am Hals gepackt. In der anderen hielt er das Beil, das er aus dem Klotz gerissen hatte.

Es kommt nicht zum Äußersten. Alle beruhigen sich wieder und die drei machen sogar am Nachmittag desselben Tages eine Radtour, ehe die Kneipe der Eltern am Abend öffnet. Doch ab diesem Mark erschütternden Ereignis ist für die Ich-Erzählerin nichts mehr wie vorher. Das Datum, der 25. Juni 1952, prägt sich tief in das Gedächtnis der zwölfjährigen Annie ein, für die es zum „erste[n] präzise[n] und eindeutige[n] Datum meiner Kindheit“ (S. 11) wird. Der beobachtete versuchte Mord an der Mutter verursacht bei der Erzählerin zum ersten Mal das Gefühl der Scham, das sie fortan im Alltag, in der Schule und beim Spielen begleitet.

Die Scham sezieren

Annie Ernaux (© Olivier Roller)

Annie Ernaux möchte in „Die Scham“ die Szene und die damit verbundene Geschichte niederschreiben, über in ihrem Elternhaus nie mehr gesprochen wurde. Es kommt ihr beinahe vor, als täte sie „etwas Verbotenes“ (S. 11), als sie es 1996, 44 Jahre nach der Tat, zum ersten Mal wagt, das Geschehene zu verschriftlichen. Ihr Ziel: „die seit Jahren eingefrorene Szene in Bewegung versetzen, damit sie nicht länger etwas Heiliges in mir ist“.

Im weiteren Verlauf des Werks begibt sich Annie Ernaux auf die Suche nach ihrem zwölfjährigen Selbst, um den Beginn ihrer Scham besser zu verstehen. Um dies zu bewerkstelligen, wendet sie ihre gewohnte Methode der „Ethnologie des selbst“ an. Diese besteht darin, nach Indizien ihrer Vergangenheit, nach Dokumenten, materiellen Spuren, aber auch nach sozialen Praktiken und Konventionen ganzer Gruppen, Topografien und der Sprache bestimmter Milieus zu forschen. Die Erzählerin nähert sich der damaligen Zwölfjährigen mit jedem Kapitel weiter an, als grenze sie die Vergangenheit in konzentrischen Kreisen ein.

Auf Spurensuche

Zunächst beschreibt die Ich-Erzählerin zwei Fotografien aus dem Jahr 1952, auf welchen sie abgebildet ist, akribisch genau. Das eine zeigt sie bei der Kommunion Anfang Juni 1952, das andere, neben ihrem Vater stehend, bei einer Gruppenreise nach Lourdes Ende August 1952. Auf dem zweiten Bild beginnt bereits die Zeit, in der „ich mich ununterbrochen schämen würde“. Anschließend zählt die Erzählerin weitere materielle Spuren auf, die ihr aus jenem Jahr noch bis heute bleiben: ein Näh-Etui, eine Postkarte, ein Messbuch etc.

In den Archiven liest sie die alten Zeitungsausgaben der Lokalzeitung „Paris-Normandie“ aus dem Jahr 1952. Als sie mit der Lektüre beim 15. Juni angelangt, erfährt sie allerdings nur, dass ein Auto-Rennen in Le Mans stattfand, während die Szene jenes Tages, die für sie mit solcher Bedeutung aufgeladen ist, in der Zeitung nicht auftaucht.

Das Milieu zutagefördern

Im Anschluss geht es Ernaux darum, die „Worte wiederzufinden, mit denen ich damals über mich und die Welt nachdachte“: Denn „sie sagen, was für mich normal und was verboten war oder sogar undenkbar“. Das Mädchen von damals, die zwölfjährige Annie D. aus der Kleinstadt Yvetot in der Normandie, war das Kind von Eltern, die einen Gemischtwarenladen und eine Kneipe besaßen, ging auf eine katholische Privatschule, war religiös und hatte nur einen begrenten Wortschatz. Ernaux betreibt im Folgenden eine Milieustudie des kleinstädtischen Viertels auf dem Land, in dem Annie D. aufwuchs, und der religiösen Privatschule:

Um meine damalige Lebenswirklichkeit zu erreichen, gibt es nur eine verlässliche Möglichkeit, ich muss mir die Gesetze und Riten, die Glaubenssätze und Werte der verschiedenen Milieus vergegenwärtigen, Schule, Familie, Provinz, in denen ich gefangen war und die, ohne dass ich mir ihrer Widersprüche bewusst gewesen wäre, mein Leben beherrschten.

Die Kleinstadt

Die Milieustudien des Herkunftsort Yvetot zwischen Le Havre und Rouen sowie der katholischen Privatschule waren für mich die interessantesten Teile des Buches, da hier Konventionen, Gesetze und Regeln der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten bis ins kleinste Detail seziert werden.

Ernaux, die als Kind in marginalisierten Verhältnissen aufwuchs, schaffte durch Bildung und ein Studium den Aufstieg in eine höhere soziale Schicht; in ihren Romanen kommt sie allerdings immer wieder auf ihre Kindheit und Jugend in der Normandie sowie auf ihre Eltern zurück. Für die Viertel Clos-des-Ports und La Corderie, in denen Annie aufwuchs, galt demnach:

Wie die anderen zu sein, war das allgemeine Ziel, das zu erreichende Ideal. Originalität galt als exzentrisch, sogar als Zeichen, dass man nicht alle Tassen im Schrank hatte.

Außerdem herrschte in der Kleinstadt, wie es Ernaux beschreibt, ein ständiges Sehen und Gesehenwerden; die Leute waren dem fortwährenden sozialen Urteil der übrigen Einwohnerinnen und Einwohner ausgesetzt, als lebten sie in einem perfekten Panoptikum. Kein leichtes Schicksal, da man ständig darauf achten musste, wie man sich gab und benahm, um keine der ungeschriebenen, aber von den Einwohnern sanktionierten Verhaltensnormen, allen voran die Höflichkeit, zu missachten.

Die Privatschule

Im zweiten Teil der Milieustudie beschreibt die Erzählerin die Abläufe an der katholischen Privatschule. Anhand der Beschreibung der Privatschule lässt sich deutlich Ernaux‘ ethnologische Vorgehensweise erkennen, bei der eine Institution und deren kulturelle und soziale Praktiken ausführlich geschildert werden. Ziel dabei ist es, das Weltverständnis des untersuchten Gegenstands, in diesem Fall der Schüler und der Lehrer der Schule, zu entschlüsseln.

Annie D. geht als einziges Kind aus ihrer Familie an eine Privatschule, während ihre Cousinen und Cousins die öffentliche Schule besuchen. Ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, setzen auf Bildung als Mittel zum sozialen Aufstieg und sind daher stolz auf ihre Tochter, die in allen Fächern die Klassenbeste ist, scheinbar ohne sich große Mühe geben zu müssen. In der Privatschule verschmelzen Wissen und Religion zu einem. Überall wird gebetet. „Gebete eröffnen und beschließen alle schulischen Aktivitäten.“

Die Ehrfurcht vor religiösen Praktiken, Beichte und Kommunion, scheint wichtiger zu sein als die Aneignung von Wissen: Man kann nur Einsen haben und Gott trotzdem nicht gefallen.

Das Schulleben folgt ganz dem Rhythmus der religiösen Feste und Feiertage: Adventszeit, Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Die Gesetze der Privatschule, nach denen Ernaux als Zwölfjährige lebte, ohne sich daran zu stören, erschrecken sie im Rückblick betrachtet.

Und doch erkennt sie an, dass sie bis in ihre Jugend hinein religiös war und dass der Glaube an den christlichen Gott für sie bis dahin Normalität war. Damals fühlt sie sich, trotz der zahlreichen Gesetze und Regeln der Privatschule – die sie aufzählt -, an dem Pensionat geborgen und sicher.

Ihre Mutter ist ebenfalls gläubig, und doch missachtet sie manche Gebote, die von der Schule vorgegeben werden. Beispielsweise missachtet sie das Verbot der Lektüre von Zeitschriften und Romanen, indem sie Annie eben solche kauft und zur Lektüre gibt. Außerdem ist die Mutter der festen Überzeugung, dass die Religion nicht zu viel Platz im Unterricht einnehmen sollte, damit die Bildung und der Unterricht nicht zu kurz kommen, auf die es eingentlich ankomme.

Sprachlosigkeit in allen Welten

In beiden Welten, die Ernaux beschreibt und ethnographisch untersucht, in Yvetot und der Privatschule, kann Annie D. nicht über die Szene sprechen, die sie an einem Junisonntag zwischen ihrem Vater und ihrem Mutter beobachten musste. So bleibt am Ende des Buches die unaufgelöste Sprachlosigkeit. Die Folgen des versuchten Mordes sind weitreichend: Annie fühlt sich nicht länger richtig zu der Gemeinschaft der Privatschule zugehörig, die für die bessere Welt und die Aufstiegschancen steht:

Ich hatte mich der Privatschule, ihrer Erstklassigkeit und Vollkommenheit, als unwürdig erwiesen. Von jetzt an lebte ich in der Scham.

Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die sie empfindet.

Das Buch „Die Scham“ ist der Versuch, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die Scham einzugrenzen und zu sezieren und sie dadurch wenn schon nicht ganz hinfällig zu machen, so zumindest verständlich zu machen und mit anderen zu teilen. Letztlich ist das Schreiben über ein Tabu auch ein Weg, um dieses Tabu wenigstens ein bisschen aus mehr aus der Welt zu räumen. Und doch bleibt die Scham für Ernaux am Ende bestehen, sie ist nicht weniger geworden:

Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 52 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt.

Die Autorin Annie Ernaux

In Frankreich ist die Schriftstellerin Annie Ernaux der führende Kopf des Sozialromans. Sie gilt als eine bedeutendsten französischsprachigen Autorinnen unserer Zeit. Auch in Deutschland erhalten die autobiografischen Texte von Ernaux sehr gute Kritiken. 2017 erschien ihr Werk „Die Jahre“ (2017) in deutscher Übersetzung. Daneben sind drei weitere Werke von ihr bei Suhrkamp erschienen: „Erinnerung eines Mädchens“ (2018) über die erste sexuelle Begegnung, „Der Platz“ (2019) über ihren Vater und „Eine Frau“ (2019″, ein Requiem nach dem Tod ihrer Mutter.

Meinung

Das Buch „Die Scham“ ist ein lesenswertes, relativ kurzes Buch über ein erschütterndes Ereignis und seine Folgen. Bemerkenswert ist Ernaux‘ Vorgehensweise, die Milieus, die Sprache, die Gegenstände, die Orte und die Konventionen von damals zu rekonstruieren. Dies gelingt der Autorin mit Bravour. Eine Leseempfehlung! Ich werde auch noch andere Werke von Ernaux lesen.

Bewertung: 5/5

Bibliographische Angaben:
Autor: Annie Ernaux
Titel: Die Scham
Übersetzung aus dem Französischen: Sonja Finck
Verlag: Bibliothek Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 17.08.2020
Seiten: 110
ISBN: 9783518225172
Kaufpreis: 18 €

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