Kategorien
Rezension

„Ich bleibe hier“ von Marco Balzano

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Diogenes.

Marco Balzanos Roman „Ich bleibe hier“ war ein Nummer-1-Bestseller in Italien und steht derzeit auch in Deutschland auf der SPIEGEL-Beststeller-Liste. Und auch wenn ich in Regel bei Bestsellern eher skeptisch bin, hat mich das Thema des Romans über Südtirol zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nämlich vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht nur auf Anhieb gepackt, sondern konnte mich auch überzeugen. Das Buch nimmt den Platz auf der Bestenliste zu Recht ein!

Die Geschichte des Buchs spielt, wie bereits erwähnt, im Vinschgau, genauer in der Gemeinde Graun. Dort leben die Erzählerin Trina, die zu Beginn der Geschichte mit ihren Freundinnen Maria und Barbara eine Ausbildung zur Lehrerin macht. Parallel dazu verliebt sich Trina in den Bauern und Waisenjungen Erich, den sie später heiraten wird und mit dem sie zwei Kinder bekommen wird, zunächst Michael und vier Jahre später Marica, die die Mutter nach einer Romanfigur benennt.

Leben unter dem Faschismus

Als die drei Freundinnen ihr Lehramtsdiplom erhalten, dürfen sie aufgrund der neu installierten faschistischen Mussoliniherrschaft allerdings nicht unterrichten. Denn Deutsche dürfen fortan in Südtirol nicht mehr als Lehrer tätig sein. Stattdessen soll der Unterricht nur noch auf italienisch stattfinden. Wie behilft sich Trina? Sie erteilt auf Veranlassung von Pfarrer Alfred hin klandestine Deutschstunden – im Winter auf Dachböden und in Scheunen, im Sommer auf offenen Feldern. An interessierten Schülerinnen und Schülern mangelt es ihr nicht. Ihre Freundin Barbara, die, ermuntert durch Trina, das Gleiche tat, wird ertappt und zur Strafe in die Verbannung geschickt. Trina bleibt allerdings verschont.

Eine weitere Neuerung der Faschisten: Die Amtssprache wird italienisch. Zudem reisen immer mehr italienische Arbeiter aus anderen italienischen Regionen an, um ihre Familie im Süden zu ernähren. Die Deutschen hingegen verlieren ihre Anstellungen. Man merkt: Die Mussolini-Faschismus macht den deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohnern des Vinschgau zunehmend das Leben schwer.

Fortgehen oder hier bleiben?

Wer könnte angesichts dieser Gemengelage nicht mit dem Gedanken spielen von zuhause fortzugehen? Spätestens hier erhält der Titel des Romans, „Ich bleibe hier“, seine Bedeutung. Denn die Erzählerin, Trina, und ihre engere Familie, allen voran ihre Mann Erich Hauser, entscheiden sich eben ganz entschieden dagegen, ihre Heimat zu verlassen, als 1939 die sogenannte Option aufkommt. Für Erich und Trina steht fest, dass sie ihre Heimat, das Dorf, in dem sie, ihre Eltern und Großeltern geboren sind, nicht verlassen werden.

Damals wurde für die deutschsprachigen Einwohner Südtirols eine von den kooperierenden faschistischen Diktaturen in Italien und Deutschland erzwungene Wahlmöglichkeit eingeführt, die Region Südtirol zu verlassen – die sogenannte „Option für Deutschland“ wahrzunehmen (die „Optanten“) – oder in ihrer Heimat zu verbleiben (die „Dableiber“). Während die Familie Hauser also entschiedene

Einige entscheiden sich angesichts der faschistischen Bedrohung dafür, aus dem heimischen Südtirol fortzugehen. Die „Dableiber“ werden sogar gemieden und geschnitten. Unter den „Optanten“ sind auch die Tante und der Onkel von Michael bzw. die Schwägerin Anita und der Schwager Lorenz von Trina, die in einer Nachtaktion deren Tochter Marica mit nach Deutschland nehmen, angeblich auf deren Wunsch hin.

Verlorene Tochter

Die Tochter Marica wird während des gesamten Romans – so viel kann man verraten – verloren bleiben. Umso anrührender ist es, dass die Ich-Erzählerin Trina, ihre Mutter, sich mit der Anrede Du, der 2. Person Singular, im Verlauf des Textes in regelmäßigen Abständen an die verschwundene Tochter wendet. So kommt der Eindruck einer einfühlsamen Erzählerin auf, die den Glauben an die Präsenz der Tochter bis zuletzt nicht aufgegeben hat. Dies merkt man in Zitaten wie dem Folgenden:

Ich erzählte ihr [Maja], wie eigensinnig du warst, was du schon als Zehnjährige für spitze Antworten geben konntest.
„Jetzt würde ich sie nicht mehr wieder erkennen, sie wird eine Frau geworden sein und ihre Kindheit längst vergessen haben“, sagte ich, seltsam beschämt, zu ihr.
Maja hörte schweigend zu.

Kampf an der Front und Flucht

D0ch zurück nach Südtirol: Während sich die in Südtirol verbliebene Restfamilie aus Erich, Trina und Michael mit der neuen Situation, der ohne Marica, arrangiert, kommen Gerüchte vom Krieg auf. Dieser bricht schließlich aus. Erich wird eingezogen und muss an die Front nach Griechenland. Zuhause kümmert sich Trina um den Hof und das Vieh.

Als Erich von der Front zurückkehrt, ist er verletzt. Nach 1943, nach dem Sturz Mussolinis, wird Südtirol, besetzt von den Truppen Hitlers, Teil der nationalsozialistischen „Operationszone Alpenvorland“. Sohn Michael, zum Leidwesen seines Vaters ein begeisterter Anhänger Hitlers und der Deutschen, meldet sich daraufhin freiwillig zum Dienst.

Trina und Erich dagegen fliehen, um einem erneuten Einzug Erichs zu entgehen, vor den Nationalsozialisten in die Berge, was den ehemaligen Soldaten zum Deserteur werden lässt. Wie lange der Krieg noch dauert, wissen sie nicht… Ihr Ziel ist ein Bauernhof hoch oben auf den Bergen…

Zusätzlich zu der bereits berichteten Erzählsträngen kämpfen die Bauern des Dorfes, angeführt von Erich Hauser und dem Pfarrer, gegen den Bau eines Staudamms in ihrem Tal durch den italienischen Energiekonzern Montecatini, in dem sie bisher ihr Vieh auf Wiesen weideten, und in dem die Dörfer Graun und Reschen standen.

Ich möchte an dieser Stelle das Ende der Geschichte nicht vorwegnehmen. Doch wer den Reschensee mit der emporragenden Kirchturmspitze kennt, kann sich vielleicht denken, dass der Kampf gegen den Stausee nicht von Erfolg gekrönt war.

Ein vielschichtiger Roman

Zum Schluss noch eine Einordnung von „Ich bleibe hier“. Für mich ist „Ich bleibe hier“ ein vielschichtiger Roman: zugleich ein politischer Roman (Stausee, Nationalsozialismus, Krieg, Faschismus), ein historischer Roman (Krieg, Nationalsozialismus, Faschismus), aber auch ein Familienroman. Nicht zuletzt legt Balzano einen Heimatroman vor, der aber nie in billige Klischees abdriftet. Vielmehr berührt einen die kämpferische und urwüchsige Heimatverbundenheit der Südtiroler Protagonisten.

Wenn man nur die Familiengeschichte betrachtet, wird klar, dass es in dem Text zentral um das Thema Identität geht, aber auch um Verlust der Heimat, Auseinanderleben in Familie, Wegzug von Familienangehörigen, Weiterleben nach dem Verlust.

Über die Möglichkeiten weiterzuleben, sagt die Ich-Erzählerin Trina:

Die einzige Möglichkeit weiterzuleben ist vielleicht, sich zu verändern und nicht zu erstarren. An manchen Tagen bereue ich es, doch geht es mir schon mein ganzes Leben so: Plötzlich muss ich mich von Dingen befreien, sie verbrennen, sie zerreißen, sie von mir wegschieben. Ich glaube, das ist mein Mittel, um nicht wahnsinnig zu werden.

Mir haben die Sprache und der Stil Balzanos gut gefallen: Er schreibt sehr dicht und prägnant, auf den Punkt. Das Buch liest sich flott. Was ich etwas bedauerlich fand, war, dass mit Ausnahme der Hauptfiguren Erich, Trina, Michael und der näheren familiären Umgebung sowie der beiden Freundinnen Maria und Barbara die Nebenfiguren fast durchgängig ohne jeglichen Tiefgang gezeichnet sind – sie bleiben schemenhaft und tragen größteneils nicht einmal Namen (mit Ausnahme des Pfarrers und weniger anderer Figuren). Als Beispiel sei der „Mann mit Mut“ genannt, aber auch „die Bauern“, „die Carabinieri“, die „Bauarbeiter“.

Zitate

Weil sie mir zugesagt haben, möchte ich gegen Ende noch ein paar Zitate der Ich-Erzählerin anführen:

Nachdem das Projekt Staudamm gesichert ist und die alte Heimat Graun verloren:

Nicht einmal das Kreuz Christi half mir bei meinem Gedanken, denn ich glaubte weiterhin, dass es sich nicht lohnt, am Kreuz ezu sterben, sondern besser ist, sich wie eine Schildkröte zu verhalten und den Kopf einzuziehen, um nicht die Greuel zu sehen, die draußen geschehen.

Über den (vergeblichen) Wunsch, in Graun zu bleiben – nach dem Motto „Ich bleibe hier“:

Hätte man uns an diesem Tag gefragt, was unser größter Wunsch sei, hätten wir geantwortet, das weiter in Graun zu leben, an diesem ort ohne Hoffnung, von wo die jungen Leute fortgelaufen und wohin viele Soldaten nicht mehr zurückgekehrt waren. Ohne Interesse an der Zukunft und ohne irgendeine Gewissheit. Nur bleiben.

Bewertung: 4/5

Bibliographische Angaben
Autor: Marco Balzano
Titel: Ich bleibe hier
Übersetzung aus dem Italienischen: Maja Pflug
Genre: Roman
Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.07.2020
Seiten: 288
ISBN: 9783257071214
Kaufpreis: 22 €

Weitere Rezensionen

MDR

2 Antworten auf „„Ich bleibe hier“ von Marco Balzano“

Hallo Florian,
Letztes Jahr bin ich Mit dem Rad ein paarmal um diesen Stausee herum gefahren. Deshalb hat mich das Cover direkt interessiert. Ich habe mich schon gefragt welche Geschichten hinter dem versunkenen Dort stecken würden. Ist der Erhalt des Kirchturms und dessen Wandlung zu einer Touristenattraktion nicht unheimlich bitter für die ehemaligen Bewohner des Dorfes?
Vielleicht werde ich das Buch jetzt endlich kaufen und nicht nur darum herum schleichen.
Viele Grüße
Silvia

Hallo Silvia,

ich war letztes Jahr beim Wandern in Südtirol, und wir haben auf dem Rückweg am Reschensee Halt gemacht, um den Kirchturm, der aus dem Wasser ragt, anzuschauen.

Genau die Geschichte der untergegangen Dörfer wird in „Ich bleibe hier“ erzählt. Die Bewohner, so steht es zumindest in dem Roman, mussten am Ende sogar dabei zusehen, wie ihre alten Häuser gesprengt wurden, ehe sich der Staudamm bildete. Nur die Kirche blieb aus Denkmalschutzgründen verschont.

Wenn du Südtirol ein bisschen kennst, ist das Buch sicher interessant.

Viele Grüße
Florian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.