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Rezension

„Der Fetzen“ von Philippe Lançon

Philippe Lançon: Der Fetzen. Klett-Cotta 2019.

Philippe Lançon, ein französischer Journalist, Literatur- und Kulturkritiker und Autor, schreibt für die Zeitung Libération und die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Am 7. Januar 2015 nimmt er an der Redaktionskonferenz bei Charlie Hebdo teil, als zwei bewaffnete Islamisten das Gebäude stürmen. Er überlebt schwerverletzt. „Der Fetzen“ ist das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

Auf den ersten hundert Seiten schildert der Autor aus seiner Sicht den Hergang der Tat, ein zeitgeschichtlich durchaus bedeutendes Dokument.

Ausgerechnet Houellebecqs Roman „Soumission“ („Unterwerfung“) erscheint in Frankreich am 7. Januar, dem Tag des Attenats, der Roman, in dem der Autor prophezeit, dass Frankreich zu einem islamisch dominierten Land wird. Lançon hatte eigentlich einiges vor, als der Anschlag seine Pläne jäh durchkreuzt: Er wollte demnächst eine Gastprofessur in Princeton antreten, um über die lateinamerikanische Literatur zu unterrichten. Er wollte gleich nach der Redaktionskonferenz bei Charlie eine Kritik des Shakespeare-Stücks für Libération verfassen, das er am Abend zuvor mit einer Freundin in Paris angesehen hat. Er wollte seine Freundin Gabriela anrufen…

Doch stattdessen findet er sich im Krankenhaus wieder. Sein Unterkiefer ist zerschossen. Die meisten seiner Freunde von Charlie Hebdo sind tot. Das Buch begleitet den Autor auf seiner Reise, die ihn zurück in ein altes, neues Leben führt. 17 Gesichtsoperationen waren nötig, um das Kiefer und die Identität von Philippe Lançon wiederherzustellen. Der Weg zurück ins Leben, auf den Lançon die Leserinnen und Leser mitnimmt, ist gesäumt von Literatur, Musik und Kunst, die für ihn anscheinend eine heilende Wirkung ausübt.

Philippe Lançon lässt den Leser teilhaben an seiner Genesung. Dazu gehört auch, dass er von seinem Krankenhausaufenthalt und den Operationen, die er durchlitten hat, berichtet. An manchen Stellen ist das Buch etwas heftig. Einmal musste ich es weglegen, weil ich nicht mehr weiterlesen konnte. Es ging um das Gehirn seines Charlie Hebdo-Kollegen Bernhard, das ihm in einer Art Vision wieder erschien und dann zu einer Anemone wurde. Doch zum Glück machte der Bericht über das Gehirn und die daraus entstehende Anemone nur einen Bruchteil des Buches aus.

Der Großteil des Buches zeigt uns, wie Lançon sich zurück ins Leben bewegt. Wir sehen ihn vor, während und nach seiner Genesung, vor, während und nach den OPs. Wir erfahren, welche Erinnerungen der Krankenhausaufenthalt in ihm wachruft, an frühere Krankenhausaufenthalte etwa oder den Tod seines Onkels. Wir erleben mit, wie er seinen ersten Artikel nach dem Anschlag schreibt, der tatsächlich in Libération veröffentlicht wird und zahlreiche Leserpost nach sich zieht. Wir erfahren, dass Lançon Tag und Nacht von vier bewaffneten Polizisten bewacht wird. Wir bekommen mit, wie er sich zunächst nur mit Stift und Whiteboard verständigt, weil er nicht mehr sprechen kann, und dann wieder erste Laute von sich gibt. Wir bekommen einen Einblick in das Privatleben Lançons, der Besuch von seiner Freundin Gabriela und seiner Ex-Frau Marilyn erhält.

Schwer beeindruckt ist Lançon außerdem von seiner Chirurgin Chloé, die ihn während seiner gesamten Zeit im Krankenhaus und auch danach betreut und ihm geduldig erklärt, welche Eingriffe für ihn geplant sind und welche Optionen sie haben. Die Chirurgie, so lernt Lançon in dieser Zeit, ist eine Wissenschaft, die mit Wahrscheinlichkeiten operiert. Welche Eingriffs-Option die bessere ist, muss der gute Chirurg entscheiden. Und ganz ähnlich wie ein Schriftsteller, der ein Buch verfasst, muss auch ein Chirurg irgendwann zu dem Schluss kommen, dass es genug ist, auch wenn das Ergebnis noch nicht perfekt ist. Das Buch „Der Fetzen“ ist auch eine Auseinandersetzung mit der Chirurgie. Aus diesem Bereich stammt nämlich der Titel: Die Chirurgen im Krankenhaus benutzen bei den OPs, wo ein Wadenbein ins Gesicht transplantiert wird, den Begriff „der Fetzen“. Dieser Eingriff wird normalerweise bei Krebskranken gemacht, doch auch Philippe Lançon hat ihn gebraucht.

Sie erklärte mir, dass die Entscheidung nach eingehenden Diskussionen im Mitarbeiterstab gefällt werde. Wadenbeintransplantationen wurden seit einigen Jahren durchgefährt, in erster Linie bei Patienten, die an Kiefer- oder Mundhöhlenkrebs litten und in der Abteilung am häufigsten vertreten waren. Die Transplantation wurde auch noch anders genannt, und eines Abends hörte ich zum ersten Mal aus Chloés Mund das Wort, das mich künftig weitgehend charakterisieren sollte: Fetzen. Man würde mir einen Lappen, einen Hautfetzen, transplantieren.

Lançon berichtet von seinem Kampf mit dem sogenannten V. A. C., der das Wundgewebe säubert und regelmäßig schrillt, wenn die Auflagefläche wieder justiert werden muss. Er erzählt außerdem von den Krankenschwestern, die er mit Spitznamen versieht, was dem Ganzen einen leicht humoristischen Touch gibt. Auch von seinen Erinnerungen an die Zeit in Kuba erzählt er, als Marilyin Fotos von früher mit ins Krankenhaus bringt, kurz vor der großen OP.

Wer sich nicht daran stört, dass das Buch sehr medizinisch ist und sich in weiten Teilen mit dem Krankenhausaufenthalt und den chirurgischen Eingriffen befasst, wird an „Der Fetzen“ seine Freude haben. Man begleitet hier einen Journalisten beim Verarbeiten seiner Traumata, wobei man immer wieder spürt, wie sehr ihm die Kultur doch dabei hilft, sich auf den Weg zur Heilung zu begeben.

Das Buch wurde mit dem Prix Femina und dem Prix Special Renaudot sowie zwei weiteren Preisen ausgezeichnet.

Bewertung: 5/5

ISBN: 9783608504231

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