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Rezension

„Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstadt

Johan Harstadt: Max, Mischa und die Tet-Offensive. Rowohlt 2019.

Johan Harstad wurde 1979 in Stavanger, Norwegen, geboren, wo er auch aufwuchs. Er studierte Literaturwissenschaften und schrieb daraufhin zunächst kürzere Texte und Kurzgeschichten. 2005 veröffentlichte Harstadt seinen Debütroman „Buzz Aldrin, wo warst du in all dem Durcheinander?“, der sich schnell zu einem Kultroman mauserte. Das Buch wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vom Norwegischen Rundfunk als Serie verfilmt.

2015 veröffentlichte Harstadt „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ auf Norwegisch, das ebenfalls in mehrere Länder verkauft wurde und 2019 auf Deutsch im Rowohlt Verlag erschien. Das Buch erhielt international Aufmerksamkeit. Es handelt sich um ein wahres Monumentalwerk, das mehr als 1200 Seiten umfasst.

Das Buch behandelt die Geschichte von Max Hansen. Ursprünglich in Norwegen aufgewachsen, zieht Max mit seiner Familie, einer Schwester und seinen beiden Eltern, in die USA, als sein Vater, ein Pilot, dort ein besseres Jobangebot erhält. Es handelt sich um eine norwegisch-amerikanische Familiengeschichte.

In Norwegen spielte Max mit seinen Freunden den Vietnamkrieg nach, für den er eine Art Obsession hat. Die Faszination von Max für den Vietnam-Film „Apocalypse Now“ zieht sich als Glutkern durch das gesamte Buch. Sie lässt den erzählenden Protagonisten und damit auch den Leser nicht los. Bereits Max‘ Eltern, bekennende Kommunisten, hatten eine enge Verbindung zum Vietnam-Krieg, allerdings waren sie eingefleischte Gegner dieser Auseinandersetzung. Sie protestierten dagegen, während der Bruder von Max‘ Vater, Ove, der schon damals in die USA zog, für die USA in den Vietnam-Krieg ging, um sich dadurch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zu sichern.

Die Beziehung zu Ove, der sich fortan Owen nennt, ist abgebrochen, als die Familie Hansen in die USA kommt. Max geht in einer kleinen Vorstadt von New York zur Schule, wo er sich mit seinem Mitschüler Mordecai anfreundet. Die beiden wird eine lange anhaltende Freundschaft verbinden. Zunächst sind beide im Schwimmteam ihrer Schule, anschließend begeistern sich beide für die Theater-Gruppe der Schule, als sie sich vom Schwimmen verabschiedet haben. Der Theaterlehrer, Herr Wohlmann, bringt den beiden einige Lektionen fürs Leben bei. Denn Mordecai wird Schauspieler, während Max Theaterregisseur wird, nachdem er sich zunächst auch als Schauspieler versucht hatte.

Während eines Urlaubs auf Fire Island lernt Max durch die Vermittlung von Mordecai die sieben Jahre ältere Mischa kennen, eine Künstlerin, die in Brooklyn lebt. Max verliebt sich in Mischa, mit der anschließend zu seinem Glück zusammenkommt. Die beiden verstehen sich gut. Sie besuchen an einem Abend gemeinsam den Onkel von Max, Owen, der in New York lebt. Als sie ihn immer öfter in seiner großen Wohnung im Apthorp Building, wo er allein wohnt, besuchen, bietet er ihnen irgendwann an, dort einzuziehen. Es beginnen die guten Jahre, in denen sie zu dritt in einer Art WG im Apthorp leben, Owen, Max und Mischa.

Die Geschichte umfasst aber mehr als nur das: Immer wieder macht die Erzählung Zeitsprünge zurück und nach vorne, sodass wir zum Beispiel von Owens Vorgeschichte erfahren, von seiner Zeit vor der Abreise nach New York, von seiner Zeit in New York und von seiner Zeit in Vietnam. Auch die Erzählung selbst ist nicht chronologisch erzählt, was es teilweise etwas schwieriger macht zu folgen. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist durchsetzt von popkulturellen und kulturellen Anspielungen auf bestehende und fiktionale Kunstwerke, Theaterstücke und Musikstücke. Es handelt sich auch um einen Kunst- und Theaterroman. Immer wieder werden im Detail Theaterstücke und Kunstwerke analysiert und beschrieben. Man muss sich auch darauf einlassen, wenn man diesen Wälzer von 1241 Seiten lesen möchte.

Das Buch wurde dafür kritisiert, zu geschwätzig zu sein und nicht wirklich etwas zu erzählen zu haben. Mir hat die Geschichte um Max, Mischa und Owen insgesamt allerdings gut gefallen. Ich fand nicht, dass die Handlung leer oder arm an Erfahrung gewesen wäre. Was man sagen kann, ist, dass der Roman nicht gerade spannend oder mitreißend ist. Die Geschichte läuft etwas vor sich dahin, ohne mitzureißen. Und tatsächlich: manches wird auch mehrfach erwähnt, wieso einige Kürzungen dem Buch vielleicht ganz gut getan hätten.

Doch mich hat die Geschichte um die Heimatlosigkeit der Romanfiguren bereichert. Denn hier sucht jeder nach einem Zuhause, ohne es zu finden: Owen ist als erster nach Amerika aufgebrochen, weil er sich in der religiösen Welt Norwegens nicht mehr zurechtfand. Doch auch in der neuen Welt kommt er zunächst nicht ganz an, bis er die Musik für sich entdeckt. Die norwegisch-amerikanische Familie Hansen muss sich ebenfalls in der neuen Welt zurechtfinden, als sie dort neu ankommen. Sie müssen sich ein neues Leben aufbauen. Max‘ Schwester geht für ein Studium nach Berlin, während Max in New York bleibt und zum Amerikaner wird. Seine Mutter eröffnet einen Wollladen in New York, wie sie bereits einen in Norwegen hatte, und sein Vater arbeitet nach wie vor als Pilot. Und doch: Seinen Eltern hängt auch in der neuen Heimat der Ruf der Kommunisten an, weshalb sie in der Kleinstadt immer ein wenig gemieden werden. Am Ende scheiden sich die beiden und Max‘ Vater zieht zu seiner neuen Frau nach Kalifornien, mit der er wieder Kinder hat. Die kanadisch-amerikanische Mischa kommt eigentlich aus Toronto, lebt allerdings für den größten Teil des Romans in New York.

Heimat ist in diesem Roman keine eindeutig bestimmbare Kategorie. Die Heimatlosigkeit überkommt einen, fast als wäre es kein Beschluss, den man selbst gefasst hat, sondern eine Entscheidung des Schicksals, selbst wenn das Göttliche in diesem Text kaum eine Rolle spielt. Nur im alten Norwegen kommt die Religion noch vor. In der neuen Heimat glaubt man nur noch an die Musik, die Kultur, die Kunst, andere Formen von Spiritualität gibt es kaum. Max‘ Glauben gilt ganz dem Vietnam-kritischen Film „Apocalypse Now“, von dem er am Ende des Romans die ungeschnittene Werksversion zu sehen bekommt, die er seit jeher sehen möchte. Nur um dann mitzuerleben, wie Hurricane Sandy das Material durch ihr Wüten jäh zerstört. Auch das vielleicht ein Wink jenes Schicksals, das scheinbar nicht mehr in Amt und Würden war. Max, der ewig Unbehauste, nimmt diesen Wink der Zerstörung ernst und macht sich auf zu neuen Ufer in Kanada, wo eine alte Bekannte auf ihn wartet.

Bewertung: 4/5

ISBN: 3498030337

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