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Rezension

„Das Eis-Schloss“ von Tarjei Vesaas

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss. Guggolz Verlag 2019.

Tarjei Vesaas wird in seinem Heimatland Norwegen zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gerechnet. Er war Romancier, Lyriker und Dramatiker (1897-1970) und wurde mehrmals für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Für „Das Eis-Schloss“ erhielt Vesaas 1964 den Preis des Nordischen Rates, den bedeutendsten Literaturpreis Skandinaviens. Eine Besonderheit seines Schreibens besteht darin, dass er seine Bücher auf Nynorsk verfasste, einer westnorwegischen Sprachvariante, die nicht dem klassischen Buchnorwegisch Bokmål entspricht.

In „Das Eis-Schloss“ schreibt Vesaas über zwei elfjährige Mädchen, Unn und Siss. Unn kommt als Waisin neu in ein kleines Dorf, kurz nachdem ihre Mutter gestorben ist. Wo ihr Vater sich aufhält, lässt sich nicht ermitteln, da sie ihn nicht kennt. So wird Unn bei ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter, untergebracht.

Zwischen den beiden Elfjährigen entwickelt sich ein Verhältnis, eine kurz anhaltende Freundschaft. Zunächst steht die zurückhaltende, scheue, aber im Unterricht gescheite Unn im Schulhof während der Pausen nur am Rand und beteiligt sich nicht an den Spielen der anderen, während Siss als Anführerin vorgibt, was gespielt wird. Doch dann wirft Unn Siss im Unterricht Blicke zu. Die beiden Mädchen fühlen sind zueianander hingezogen, freunden sich langsam an und treffen sich schließlich an einem Tag nach der Schule bei Unns Tante zuhause.

Die Begegnung ist spannungsreich und doch voller Intimität. Denn die scheue Unn weiht Siss in ein Geheimnis ein. Sie erzählt ihrer neuen Freundin, dass sie ein Geheimnis mit sich trägt, ohne es jedoch zu verraten. Ein anderes Mal möchte sie über das sprechen, das sie bislang niemandem erzählt hat, das, von dessen Existenz nicht einmal eine andere Person außer Siss Bescheid weiß. Die Situation wird für die beiden noch jungen Mädchen schwierig zu bewältigen. Siss möchte schließlich nur noch nach Hause zu ihren Eltern. Am nächsten Morgen weiß Unn, dass sie wegen Siss nicht zur Schule gehen kann. Sie macht einen Ausflug zu dem gefrorenen Wasserfall, den sie mit der Schule bald besuchen wollen, da sich dort das titelgebende Eis-Schloss gebildet hat.

Und da passiert es, das Unglück nimmt seinen Lauf: Unn verliert sich im Labyrinth des gefrorenen Wasserfalls, im Eis-Schloss.

Es war das Eis-Schloss, aber…
Hier war die Sonne auf einmal weg. Es war ein Abgrund mit scharfen Kanten, vielleicht würde die Sonne später hier hereinkommen – jetzt war es ein eiskalter Schatten.
Unn blickte in eine Zauberwelt aus kleinen Zinnen, Dachwölbungen, bereiften Kuppeln, weichen Bögen und verworrenem Spitzengeklöppel. Alles war Eis, und das Wasser spritzte dazwischen hervor und baute weiter. Stränge des Wasserfalls wurden vom Eis abgelenkt und schossen in neuen Betten dahin und bildeten Formen. Alles glänzte.

Unn drückt sich durch die Schlitze des Eis-Schlosses, von einem Raum in den nächsten, da sie das Schloss erkunden möchte, lässt ihren Mantel und ihre Schultasche liegen, nur um zum Schluss keinen Ausweg mehr aus dem Schloss zu finden. Sie hat sich verirrt und ist im Schloss gefangen. Noch am selben Abend machen sich Männer des Dorfes auf, um nach der verschwundenen Unn zu suchen und auch Siss sucht nach ihrer neuen Freundin. Doch vergeblich.

Nun beginnt Siss‘ Sehnsucht nach Unn. Sie gibt bei sich das Versprechen ab, dass Unn ihre einzige Freundin bleiben wird und nimmt fortan Unns Platz auf dem Pausenhof ein, den abseitigen Platz am Rand, während andere Kinder den Platz als Anführer des Spiels übernehmen, der früher Siss zukam. Siss verändert sich, ihr hängt die Geschichte mit ihrer Freundin Unn nach. Immer wieder wird sie gefragt, ob sie etwas wisse, ob Unn bei ihrem Besuch bei ihr ihr etwas gesagt habe, das darauf hindeuten könnte, wo sie hingelaufen sein könnte. Doch Siss weiß nichts. Selbst dass Unn ihr von einem Geheimnis erzählt hat, gibt sie nicht preis, da Unn ihr davon im Vertrauen berichtete. Siss hält dicht. Wir erleben Siss‘ Einsamkeit nach dem Verschwinden von Unn. Von ihr wird sie fortan getrieben, bis im Frühling, als das Eis schmilzt, Erleichterung spürbar wird…

Der Roman lässt die verzauberte norwegische Landschaft zum Leben erwachen. In poetischer Sprache erzählt Vesaas von diesem Land, in dem die Handlung spielt. Die Sprache und der Stil sind minimalistisch und klar. Die Sätze sind knapp und prägnant. Der Ton des Romans ist modern. Er handelt vom Übergang von der Kindheit zur Pubertät, vom Verlust der kindlichen Unschuld, von Trauer und Einsamkeit und der Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Verbindung. Und dennoch gibt die Bedeutung dieses Romans, des Eis-Schlosses bis zuletzt Rätsel auf, die man nicht völlig entziffern kann. Zwar ist „Das Eis-Schloss“ sprachlich von einer suggestiven Kraft, doch all seine Mysterien eröffnen sich den Lesern nicht.

Mir haben die eindrucksvollen Beschreibungen der Eislandschaft und des Eis-Schlosses sehr gut gefallen. Hier kann Vesaas wirklich glänzen. Auch die Art, wie er Siss‘ sehnsuchtsvollen Umgang mit der plötzlich einsetzenden Einsamkeit schildert, ist hervorragend. Vesaas ist ein sehr guter Psychologe, der mit einfachen Mitteln große Wirkung erzielt. Die Dialoge, die teilweise etwas abgehakt sind, weil manchmal Subjekte fehlen, sind treffend und in der Dosis genau richtig eingesetzt. Hinrich Schmid-Henkel hat den Roman hervorragend ins Deutsche übersetzt, diese Leistung gilt es zu würdigen.

Bewertung: 5/5

ISBN: 9783945370216

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