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Rezension

„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du. btb 2018.

Leïla Slimani, von der ich bereits vor Kurzem „Alles zu verlieren“ gelesen habe, gewann für „Chanson douce“, in deutscher Übersetzung „Dann schlaf auch du“, 2016 den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Grund genug, diesen Roman zu lesen, in dem eine Nanny außer Rand und Band gerät.

Die Erzählerin beginnt den Roman mit einem erzäherlischen Kniff: Sie weiht ihre Leserinnen und Leser gleich zu Beginn des Textes in das Ende der Geschichte ein, verrät sozusagen den Ausgang der Geschichte, der darin besteht, dass die Kinder der Familie Massé tot sind. Das Kindermädchen hat sie umgebracht. Von nun an wird die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser sich darum drehen, wie es zu dieser absoluten Horrortat kommen konnte.

Wie kann eine Frau, die sich doch eigentlich um die Kinder der Familie sorgen sollte, das Gegenteil dessen tun, nämlich sie um ihre körperliche Unversehrtheit bringen und sie umbringen?

Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine dagegen war noch am Leben, als die Saniäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde.

Doch auch die Kleine, Mila, wird wie ihr Bruder Adam sterben. In diesem Wissen beginnen die Leserinnen und Leser den Roman, der von der Familie Massé handelt. Die Eltern, Paul und Myriam, wollen ein perfektes Ehepaar sein, eine perfekte Familie geben. Paul arbeitet in der Musikindustrie, während Myriam lange Zeit zuhause war und auf die Kinder aufgepasst hat. Doch als sie eines Tages einen alten Studienfreund trifft und er ihr das Angebot macht, bei ihm in der Kanzlei einzusteigen, möchte auch sie wieder in die Arbeitswelt einsteigen. Also suchen die beiden ein Kindermädchen.

Sie haben Glück und finden Louise. Louise hat hervorragende Referenzen und kommt auf Anhieb gut mit den beiden Kindern Adam und Mila zurecht. Sie macht Scherze mit ihnen und wird sofort ins Herz geschlossen. Kaum hat Louise angefangen für die Familie zu arbeiten, bemerken die Massés, dass sie sich richtig entschieden haben. Louise kocht, macht sauber, kümmert sich um die Kinder, macht den Haushalt. Kurzum: Sie hält ihnen, den beiden erwerbstätigen Eltern, in jeder Hinsicht den Rücken frei. Genau das, was sie gesucht haben.

Je länger Louise bei ihnen arbeitet, desto unentbehrlicher wird sie für die Familie. Sie fährt mit der Familie in den Urlaub nach Griechenland und wird als echter Familienteil anerkannt. Dennoch scheinen im Kontrast zwischen Louises eigenen Leben und dem wohlsituierten Leben der Familie Massé die Klassenunterschiede auf. Louise wurde von ihrer Tochter verlassen und ist verwitwet. Sie lebt einsam in einer kleinen Wohnung in der Banlieue, nachdem sie ihr Haus verlassen musste, weil es aufgrund der Schulden ihres verstorbenen Ehemannes gepfändet wurde. Sie hat Probleme mit dem Finanzamt und ihre Dusche ist abgesackt, sodass sie heimlich bei den Massés duscht. Sie freundet sich im Laufe der Zeit mit einer anderen Nounou an, die sie im Park trifft, Wafa. Doch niemand ahnt, was tatsächlich in Louise vorgeht.

Im Laufe der Lektüre gewinnt man als Leser immer wieder den Eindruck, dass hin und wieder nicht mehr die Eltern die Fäden in der Hand haben, sondern dass Louise die Fäden in der Familie zieht. Sie traut sich häufiger, Paul und Myriam anzulügen, etwa als sie den kleinen Adam in gebissen hat, weil der beim Spaziergang im Park plötzlich verschwunden war. In dem Moment, wo sie ihn wieder fand, biss Louise ihn fest. Als aber Myriam sie nach den Bissspuren fragt, schiebt Louise der Schwester Adams die Schuld für den Biss zu. Auch malt sie sich in ihrem Elend aus, wie sie wieder mit den Massés in den Urlaub fahren wird, so wie auch im vergangenen Jahr. Sie möchte aus ihrem Elend fliehen, indem sie sich auf die Stufe der Massés stellt. Das Buch ist nicht zuletzt eine Abhandlung über den Umgang mit Klassenunterschieden, die unausmerzbar scheinen, ja fast wie ein Urteil.

Gegen Ende des Buches wächst in Louise eine fixe Idee. Sie bekommt Angst, dass sie ihre Anstellung bei den Massés verlieren könnte und möchte, dass diese ein weiteres Kind bekommen, ein Baby. Sie setzt all ihre Hoffnung in das kommende Baby. Damit die beiden Eltern zueinander finden, sorgt sie dafür, dass sie ihre Ruhe haben, indem sie die Kinder an einem Abend in ein Bistro ausführt. Auch die Massés bemerken, dass Louise über die Stränge schlägt. Doch sie können sich nicht von ihr trennen. Zu sehr hat sich Louise unentbehrlich gemacht. Zu sehr ist sie Teil der Familie geworden. Was würden sie nur ohne sie tun? So verschieben sie die hin und wieder ins Auge gefasste Entlassung von Louise wieder und wieder.

Sicher, man könnte einfach einen Schlussstrich ziehen, das Ganze hier beenden. Aber Louise hat die Schlüssel zu ihrer Wohnung, sie weiß alles, sie hat sich so gründlich in ihrem Leben eingenistet, dass es jetzt unmöglich erscheint, sie daraus zu entfernen. Sie werden sie hinausdrängen, und die Nounou wird wiederkommen. Sie werden Lebewohl sagen, und Louise wird gegen die Tür hämmern, sie wird trotzdem hereinkommen, drohend, wie ein gekränkter Liebhaber.

In Louises Leben ist nichts zu ihrem Besten gelaufen. Ihre Tochter hat sich von ihr abgewandt. Ihr Mann ist gestorben. Sie selbst kümmert sich seit jeher beruflich um die Kinder anderer Familien. Und doch kann nichts dergleichen das Ungeheuerliche erklären, das sie am Ende begeht. Die Polizisten, die den spärlichen Umgang von Louise befragen, sind ratlos, was sie zu dieser Tat veranlasst hat. Wie konnte eine liebevolle, perfekte Nanny zur Mörderin werden? Diese Frage ist die Frage dieses Buches. Ein hochspannender Roman voller packend erzählter Gesellschaftskritik!

Bewertung: 5/5

ISBN: 9783442717422

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