Kategorien
Rezension

„Von dieser Welt“ von James Baldwin

James Baldwin: Von dieser Welt. dtv Literatur.

James Baldwin wurde 1924 in Harlem, New York geboren. Seine Mutter verließ seinen leiblichen Vater, weil dieser Drogen konsumierte. Sie zog nach Harlem und heiratete dort den baptistischen Priester David Baldwin, mit dem sie acht Kinder hatte. Auch James Baldwins Stiefvater brachte einen Sohn aus einer früheren Ehe mit in die Ehe, der neun Jahre älter als James war. Die Familie war arm und sein Stiefvater, auf den James in seinen Essays als Vater Bezug nimmt, behandelte James vehementer als seine Geschwister.

Im Jahr 1953 erschien James Baldwins Debütroman, ein halbautobiographischer Bildungsroman über das Großwerden in einem religiösen Umfeld als schwarzer Sohn eines baptistischen Priesters. Der Roman „Go Tell It On the Mountain“ wurde zunächst als „Gehe hin und verkünde es vom Berge“ (1966, Jürgen Manthey) ins Deutsche übersetzt. In der neueren Übersetzung, die diese Rezension bespricht, lautet der deutsche Titel „Von dieser Welt“ (2018, Miriam Mandelkow), er wurde also im Vergleich zum englischen Original deutlich abgeändert.

Im Zentrum des stark autobiographischen Romans „Von dieser Welt“ steht der intelligente, sexuell unschlüssige Jugendliche John Grimes, der in den 1930er Jahren als nicht leiblicher Sohn vom Priester Gabriel Grimes in Harlem aufgezogen wird. Er wird schlechter behandelt als dessen leiblicher Sohn, Roy Grimes. Im Laufe des Romans, der stark von religiöser Terminologie und Sprache durchdrungen ist, lernen wir die Geschichte der Familie Grimes kennen.

Wir erfahren die Geschichte von Gabriel Grimes erster Frau, die starb. Außerdem lernen wir, wie zunächst Florence, Gabriels Schwester, vom Süden in den Norden nach New York auswanderte, um dort ihr Glück zu versuchen, ehe ihr Bruder Gabriel ihr 20 Jahre später nachfolgte. Und auch die Geschichte von Gabriel und seiner zweiten Frau Elizabeth lernen wir kennen, die ebenfalls bereits eine erste Ehe geführt hatte.

So erhält der Leser nach und nach einen Einblick in die Familienstruktur der Familie Grimes und erfährt, vor welchem Hintergrund der immer wiederkehrende jugendliche Protagonist John Grimes aufwächst. Die Verhältnisse sind nicht die einfachsten, doch John Grimes scheint intelligent genug zu sein, um auch aus diesen Verhältnissen etwas machen zu können. Er soll, so erfährt man, wie sein (Stief-)Vater Priester werden. Und tatsächlich ist der Roman von vorn bis hinten stark religiös geprägt. Die Sprache ist religiös gefärbt, der Sprachrhythmus erinnert an den Rhythmus biblischer Texte und im letzten Teil des Buches versinkt der Bericht in einen religiös-biblischen Bericht, innerhalb dessen John Grimes errettet wird.

Die Geschichte des Buchs spielt an nur zwei Tagen, dem vierzehnten Geburtstag von John Grimes und dem darauffolgenden Tag. Handlung im eigentlichen Sinn bietet der Roman leider nicht besonders viel. Dafür handelt es sich um einen Roman, der die Lebensumstände der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebensnah schildert. Wer sich für diese Thematik interessiert, sollte definitiv zu diesem Buch greifen. Ein besonderer Aspekt liegt in diesem Werk von Baldwin auf der Religion und dem christlichen Glauben, von denen er sich aber nicht lossagt, sondern von denen er sich erretten lässt.

„Von dieser Welt“ war für Baldwin ein Emanzipationsroman. Er schrieb sich dadurch frei von seiner nicht ganz einfachen Herkunft und den Verhältnissen, die er in seiner Kindheit erlebt hatte. Im Jahr 1984 sagte James Baldwin im Rückblick über seinen Debütroman:

Mountain ist das Buch, dass ich schreiben musste, bevor ich jemals etwas anderes schreiben wollte. Ich musste mich mit dem auseinandersetzen, was mich am meisten verletzte. Ich musste mich auseinandersetzen, über allem, mit meinem Vater. Er war mein Vorbild, ich habe viel von ihm gelernt. Nichts hat mir seitdem Angst eingejagt.“

Insgesamt schrieb Baldwin rund zehn Jahre an dem Roman. Die Rezeption viel vorwiegend positiv aus. Und auch die Neuübersetzung ins Deutsche aus dem Jahr 2018 erhielt vor allem positive Kritiken. Es wurde angesichts der Neuübersetzungen seiner Werke für den dtv-Verlag eine Baldwin-Renaissance ausgerufen sowie die Aktualität seiner Werke hervorgehoben.

Bewertung: 4/5

ISBN 9783423147255

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.