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Rezension

„Die Lehren des Schuldirektors George Harpole“ von J.L. Carr

J.L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Dumont.

J.L. Carrs „Die Lehren des Schuldirektors George Harpole“ ist in England ein Kultbuch. Ich selbst habe Französisch und Latein auf Lehramt studiert und interessiere mich deshalb für die Thematik Schule und Lehren. Unter diesen Voraussetzungen habe ich mich an die Lektüre des Buches gemacht, das die Zeit von George Harpole als Direktor an der St. Nicholas-Schule festhält.

George Harpole, Mitte dreißig, wird als Vertretung des eigentlichen Direktors Chadband für ein halbes Jahr auf den Direktorenposten befördert, während Chadband eine Fortbildung besucht. Das Buch beinhaltet eine Reihe von Dokumenten zum Treiben in einer Schule: Schreiben zwischen der Schulbehörde, Eltern und dem Direktor, Tagebucheinträge des Vertretungsdirektors und die nachträglichen Kommentare von Direktor Chadband, der mit einem Vorsprung an Amts- und Verwaltungserfahrung auf die Vorgänge in der Schule blickt.

Ich wurde damit beauftragt, diesen unabhängigen Bericht über das, was Mr G. Harpole widerfuhr, zu schreiben, und möchte betonen, dass es Mr Harpole selbst war, der mich – als älteren Kollegen und erfahreneren Schuldirektor – bat, meine Eindrücke von diesem vergangenen Schulhalbjahr zu schildern, mit dem seine Karriere endete.

Direktor Chadband

Aus diesen Bemühungen entsteht der sogenannte „Harpole Report“, eine leicht zu lesende, abwechslungsreiche und unterhaltsame Milieustudie über ein Halbjahr an der St. Nicholas-Schule. In dieser Zeit lernt man unter anderem die Verwaltungsvorgänge an der Schule kennen, die nicht immer ganz logisch ablaufen. Man erlebt einen Wandertag, einen sogenannten Bildungsausflug, mit, dessen Ereignisse die Kinder in Erlebnisaufsätzen festhalten. Im Nachgang des Bildungsausflugs erhalten einige Schüler Antworten auf die Flaschenpost, die sie im Fluss ausgesetzt haben. Man erlebt außerdem die ungewöhnlichen Methoden der engagierten Reformpädagogin Miss Foxberrow mit, die in dem Kollegium der Schule heraussticht, deren Bemühungen aber mehr als einmal mit den Mühlen der Verwaltung in Konflikt geraten. Man lernt auch die etwas verstaubten Methoden der älteren Lehrerinnen und Lehrer kennen. Und man erfährt von der Verzogenheit mancher Schüler und der Überforderung der Lehrerinnen und Lehrer.

In seiner Klasse gibt es ein kleines Monster namens Vincent Slope, ein Einzelkind, das von seinen Eltern nach Strich und Faden verzogen wird und bisland ein Stachel im Fleisch jedes Lehrers war, der es mit ihm zu tun hatte. Man erzählt sich, als einem Lehrer (in der Vorschule) einmal die Hand ausrutschte, hätten seine Eltern ein irrsinniges Tamtam veranstaltet und mit einem Prozess und was noch allem gedroht.

Emma Foxberrow an Felicity Foxberrow

Die beigebrachten Dokumente, Wordprotokolle, Briefe, Tagebucheinträge usw. lassen uns am lebhaften Schulleben der St. Nicholas-Schule teilhaben. Wir erleben die Schule aus der Sicht des vertretenden und des vertretenen Rektors, der Eltern, der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer, aber auch der Schulbehörde und der Administration. Und auch die Politik und die Lokalpresse treten auf den Plan. So entsteht eine umfangreiche und panoramahafte Studie des Milieus Schule, die alle Bereiche und Beteiligten und ihre nicht immer reibungslosen Interaktionen untereinander ausleuchtet.

Der Text dieses Buches fesselt einen von Beginn an. Mir hat die Thematik Schule jedenfalls sehr gut gefallen. Und auch die abwechslungsreichen Beiträge, die sich abwechselnden Dokumente, tun ihr Übriges. Insgesamt ein sehr unterhaltsames, kurzweiliges Leseerlebnis. Das Buch ist in nummerierte Kapitel untergliedert, die jeweils eine thematische Einheit behandeln. So erhält der „Harpole Report“ eine Struktur, obgleich er durch die Verschiedenartigkeit der eingelegten Dokumente doch auf den ersten Blick eher unstrukturiert wirkt. Doch das täuscht.

Bewertung: 5 von 5.

ISBN: 9783832183936

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