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Rezension

„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani

Leila Slimani: All das zu verlieren. München: Luchterhand 2019. 224 Seiten. 22 Euro.
(© Luchterhand)

Die französisch-marrokanische Schriftstellerin Leïla Slimani wuchs in Marokko auf. Ihre Familie gehört zur Elite Marokkos, ihr Vater war Bankier und ein hoher marokkanischer Beamter. Sie studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po und arbeitete danach für die Zeitschrift Jeune Afrique. Heute lebt Slimani mit ihrer Familie in Paris.

„All das zu verlieren“ ist ihr Debütroman. Er handelt von Adèle, einer Pariserin, der es scheinbar an nichts fehlt. Sie hat eine Familie, einen Mann, der Chirurg ist, und einen fast dreijährigen Sohn, Lucien. Sie fahren übers Wochenende ans Meer, gehen abends zu Abendessen mit anderen Familien, denen es ebenfalls gut geht, und planen ihre gemeinsame Zukunft. Und dennoch spürt Adèle, die als Journalistin für eine Pariser Tageszeitung arbeitet, eine Leere in sich, die sie ihrem Mann nicht offenbart.

Sie fühlt sich in ihrem bürgerlichen Leben nicht so glücklich und zufrieden, wie sie eigentlich sollte. Ihr Sohn Lucien wird ihr manchmal zur Verpflichtung, wo sie doch gehofft hatte, durch die Schwangerschaft heil zu werden. Sie hatte sich eingeredet, durch ein Kind könnte sie aus ihrem Ennui erlöst werden. Adèle scheint völlig illusionslos geworden zu sein. All ihre Versuche, aus einem tief empfundenen Ennui, ihrem Leiden an der Langeweile und ihrem Überdruss am Leben zu entkommen, sind gescheitert.

Adèle hat Lucien aus demselben Grund bekommen, au dem sie geheiratet hat. Um dazuzugehören und wie die anderen zu sein. Indem sie Ehefrau und Mutter wurde, hat sie sich mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben, die ihr keiner mehr nehmen kann. Sie hat sich einen Zufluchtsort für die angsterfüllten Abende geschaffen, einen bequemen Schlupfwinkel für die Tage der Ausschweifung.

Ihre immer noch existente Leere fühlt die „moderne Madame Bovary“ (Libération) mit Gelegenheitssex, den sie mit Männern hat, die ihr beruflich oder privat über den Weg laufen. Adèle sucht in ihrer Sexsucht das Risiko, im Wissen, dass ihre Ehe und ihre Familie, vielleicht auch ihr Beruf auf dem Spiel stehen. Während ihr Mann bei einem Abendessen gegen ihren Willen den baldigen Umzug aufs Land verkündet, denkt Adèle nur an eines: Sie möchte von ihrem Tischnachbarn Xavier begehrt werden und mit ihm eine kurze Nummer schieben.

Sie hört die anderen sowieso nicht mehr. Sie ist gekränkt, verbittert. Heute Abend fühlt sie sich, als existiere sie nicht. Niemand sieht sie, niemand hört ihr zu. Sie versucht nicht mal, die Blitze zu verscheuchen, die ihre Gedanken zerreißen, ihre Lider verbrennen. Sie wünschte sich, sie wäre nackt, jemand würde ihre Brüste berühren. Sie möchte einen Mund auf ihrem spüren, möchte ein stilles, animalisches Gegenüber ertatsten. Sie will nur begehrt werden. […]

Sie kann nichts anderes mehr denken. Mit Xavier allein sein, nur für fünf Minuten, da hinten, am Ende des Flurs, wohin leise Gesprächsfetzen aus dem Salon dringen.

Um ihr Doppelleben weiterleben zu können, ihre Sexsucht zu befriedigen, lügt Adèle alle an: ihren Ehemann, ihren Chef, ihren Sohn, ihre Kollegen. Adèle möchte aber auch aufhören, nicht weitermachen, da sie weiß, dass sie alles, was sie hat, das, was sie anödet, verlieren könnte, wenn ihr Doppelleben auffliegt.

Als ihr Mann durch einen Unfall auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause endgültig entscheidet, aufs Land zu ziehen und dort neu anzufangen, steht Adèles ausschweifendes Affärenleben in der Stadt auf dem Spiel.

Wir fangen ganz neu an. Dieser Unfall wird am Ende auch sein Gutes gehabt haben. Er schaut mit seinen geröteten Augen zu ihr auf, lächelt, und Adèle sieht den alten Mann, mit dem sie ihren Lebensabend verbringen wird.

Diese Adèle hängt an ihrem Leben mit ihrem Mann Richard, der für sie unverzichtbar geworden ist. Sie könnte nicht ohne ihn sein, sagt sie. In den wenigen Tagen des Unfalls, in denen Richard im Krankenhaus liegt, gerät ihr eigenes Leben aus den Fugen: Sie räumt nicht auf, duscht sich nicht, geht nicht in die Arbeit. Adèle ist sich sicher: Sie brauchte Richard, er darf auf keinen Fall vor ihr sterben, da sie sonst hilflos dem „wahren, schrecklichen, konkreten Leben“ ausgeliefert wäre. Und doch kann sie in anderen Momenten nicht glauben, dass sie an jemanden gebunden sein soll. Dass jemand auf sie wartet und man auf sie zählen könnte.

Und doch setzt Adèle, risikofreudig, ihr Zusammenleben mit Richard immer wieder aufs Spiel. Diese berufstätige Mutter und Ehefrau wechselt zwischen ihren Rollen ohne Bedenken hin und her. Kaum hat sie ihren Sohn und ihren Ehemann verabschiedet, trifft sie sich mit ihrem Liebhaber, weil sie genommen werden möchte. Eine gewisse Portion Skrupellosigkeit gehört zu einer solchen Lebenswahl dazu. Der Roman zeigt die Zerrissenheit einer Frau zwischen einem Leben der Pflichten und der Askese einerseits und der Affären und der Affekte andererseits. Doch für sie scheint das Ausgehen mit Affären und der Sex mit Fremden ganz normal zu sein, die Lügen und Ausreden kümmern Adèle nicht weiter.

Ihre Obsessionen verzehren sie. Sie kann nichts dagegen tun. Da ihr Leben Lügen erfordert, verlangt es eine aufreibende Organisation, die sie ganz und gar in Beschlag nimmt. Die sie auffrisst. Eine vorgetäuschte Reise organisieren, sich einen Anlass ausdenken, ein Zimmer buchen. Das richtige Hotel finden. […] Lügen, aber sich nicht zu sehr rechtfertigen. Rechtfertigungen erregen immer Verdacht.

Zu diesem Lügenkonstrukt gehört etwa, dass Adèle nur mit Bargeld bezahlt, das keine Spuren hinterlässt. Außerdem hat sie ein gesondertes Klapphandy, von dessen Existenz ihr Ehemann Richard nichts weiß. Auch einen zweiten Computer hat sie sich zugelegt, den sie unter dem Bett versteckt.

Sie behält keinerlei Spuren zurück, keine Rechnung, keinen Beweis. Sie hütet sich vor verheirateten Männern, vor sentimentalen, vor hysterischen, vor alten Junggesellen, jungen Romantikern, Liebhabern aus dem Internet, Freunden von Freunden.

Manchmal wird sie einem, selbst wenn die Erzählerin nicht urteilt, unsympathisch, wenn etwa berichtet wird, dass Richards Körper für Adèle keinerlei Bedeutung hat, dass sie keine Empfindungen für seinen Körper spürt. Oder wenn sie einen Liebhaber radikal abserviert, nachdem sie ihm kurz zuvor ihre Liebe gestanden hat. Selbst an dem Unfall ist Adèle ein wenig selbst schuld: Um einen Abend mit ihr zu verbringen, hat Richards Kollege Xavier eine Schicht mit Richard getauscht. Wäre dies nicht geschehen, hätte sich Richard nicht auf die sehr schweren Verletzungen am Bein zugezogen und hätte nicht im Krankenhaus Salpêtrière operiert werden müssten.

Slimani beschreibt, ohne zu urteilen, in sezierender Weise eine Sexsucht aus weiblicher Perspektive. Das Buch liest sich angenehm und schnell. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, nachdem ich einmal damit begonnen hatte. Die intensive, doch nie pornographische Geschichte von Adèle zieht den Leser in ihren Bann. Adèle weckt im Leser Emotionen wie Unverständnis, aber auch Ekel oder das genaue Gegenteil: Verständnis für ihre Zerrissenheit, ihre Leere. So handelt es sich auf vielen Ebenen um eine spannende Lektüre, die für Diskussionsmaterial sorgt.

Bewertung: 4 von 5.

ISBN 363087553X

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