Kategorien
Rezension

„Vater unser“ von Angela Lehner

Angela Lehner: Vater unser. Berlin: Hanser Berlin. 284 Seiten. 22 Euro. (© Hanser Berlin)

Angela Lehners Debütroman „Vater unser“ ist ein quirliger, aufgekratzter Text. Lehner schrieb ihre Bachelorarbeit über das unzuverlässige Erzählen. Und eine eben solche unzuverlässige Erzählerin, Eva Gruber, begleitet uns durch diesen Roman, der in der Psychiatrie eines alten Wiener Spitals spielt. Von Polizisten in das Spital gebracht, erzählt Eva Gruber, dem Chef der Psychiatrie, Dr. Kolb, wieso sie durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen in die Psychiatrie gelangte.

In einem unvergleichlich frechen Tonfall und mit viel Witz blickt dieser Roman auf das Geschehen in einer Psychiatrie – und die Geschehnisse, die womöglich dorthin führten.

Eva Gruber für ihren Teil macht ihren Vater dafür verantwortlich, dass sie dort landete, einen Vater, der über allem zu schweben scheint, aber doch konturlos bleibt, bis zum Ende des Romans.

Außerdem bringt die Erzählerin ihre Ablehnung des Katholizisimus zum Ausdruck, dem sie in ihrer Kindheit und Jugend in einer dörflichen Umgebung im österreichischen Kärnten ausgesetzt war. Rückblenden in die Kindheit schildern, wie sie am Katholizismus scheiterte, ja nicht einmal das „Vater unser“ aufsagen konnte.

Es war mein Geheimnis, ich kannte niemanden, der dieses Gebet nicht auswendig konnte – und so trug ich die Unkenntnis als unsichtbaren Makel mit mir herum.
Als ich zu Hause ankam, stürmte ich zum Vater. Ich beichtete ohne Umstände. Ich gab zu, dass ich das Vaterunser nicht konnte, dass ich es noch nie gekonnt hatte, und beschwor ihn, mir zu helfen. Das Vater wunderte sich, aber erklärte sich sofort einverstanden. Ich nahm ihm das Versprechen ab, der Mutter und dem Bruder nichts zu verraten.

Dieses von der Erzählerin empfundene Versagen, ihr Scheitern am „Vater unser“, findet sich im Titel des Buches wieder. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie sie sich in dem erzkatholischen Umfeld ihrer Kindheit nicht zurechtfand. Der größte Teil des Romans spielt allerdings in der Psychiatrie, in Therapiegruppen, in Therapiesitzungen von Eva Gruber und Dr. Kolb und in der Beobachtung des Verhaltens unter den Patienten.
Einer der Mitpatienten von Eva Gruber ist überraschenderweise ihr eigener Bruder Bernhard, der an Magersucht leidet und seit Langem krank ist. Beide würden ihren Vater am liebsten töten, behauptet Eva Gruber.

„Wir müssen den Vater umbringen“, sag ich. Eine ganze Weile passiert nichts. Ich bin nicht sicher, ob Bernhard mich gehört hat.Dann dreht er sich langsam zu mir. Aller Ärger ist aus seinem Gesicht gewichen. Er mustert mich. Schaut mich so eindringlich an, als würden über meinem Gesicht noch ein paar andere liegen. „Wir müssen was?“, sagt er wieder. […]
„Wir bringen ihn um“, sag ich leise.
Bernhard starrt mich an.
„Wir brechen aus und bringen ihn um.“
Bernhard streckt einen Arm aus und lehnt sich an die Mauer.
„Eva“, flüstert er, „wir können den vater doch nicht umbringen.“

Das Interessante an dem Roman ist, wie Eva Gruber mit ihrer Umgebung umgeht. Denn sie tritt nicht nur als unzuverlässige Erzählerin auf, sondern geht bewusst manipulativ und intrigant mit allen um, denen sie begegnet, auch mit den Lesern. So fragt man sich beim Lesen öfters, ob das gerade Erzählte noch der Wahrheit entspricht oder nicht. Sagt sie die Wahrheit, wenn sie ihrem Psychotherapeuten Dr. Kolb von ihrer schweren Kindheit erzählt, in der sie und ihr Bruder vom Vater nacheinander vergewaltigt wurden? War ihre Kindheit in der dörflichen Umgebung tatsächlich so grauenvoll, wie sie sie schildert? Oder übertreibt Eva Gruber, um zu beeindrucken? Und auch Grubers Begründung für die Einlieferung in das „Irrenhaus“ oder die „Irrenanstalt“, wie sie es nennt, lässt Fragen offen: Hat die Erzählerin tatsächlich, wie sie behaupet eine Kindergartenklasse erschossen?

„Hast du wirklich Leute erschossen?“, fragt Dumbo.
Ich antworte nicht.
„Würdest du uns auch umbringen“, fragt sie.
„Nur im Notfall“, sag ich.

Für mich war die Lektüre von „Vater unser“ unterhaltsam und anregend. Gerade die Passagen über den Katholizismus, die eher antikatholizistisch ausfallen, haben mich sehr amüsiert. Aber auch sonst kann man sich auf einige amüsante Beobachtungen und Bemerkungen im Rahmen einer Psychiatrie-Station gefasst machen. Leider plätschert der Roman teilweise etwas dahin. Der fesche, freche und unzuverlässige Erzählstil kann nicht immer über die Längen hinwegtrösten, die sich aus der episodenhaften Reihung der Kapitel ergeben.

Besonders gefallen hat mir, dass die Autoren immer wieder österreichischen Dialekt verwendet:

„Bist du deppad“, schreie ich und drehe mich um. Das Herz pumpert mir bis in den Gaumen hinauf. Dumbo reißt die Augen auf und zuckt zusammen. „Schleich dich!“, schreie ich sie an.

Der eingestreute Dialektwortschatz verleiht dem Werk eine Authentizität. Vielleicht ist Grubers verzweifelte Suche nach einer Art von Authentizität das herausragendste Kennzeichen dieses durch und durch unzuverlässigen Textes. Ob die Suche scheitert oder nicht, muss vielleicht jeder Leser für sich beantworten. Mir schienen manche Episoden des Buches deutlich zu dick auftragen, als dass ich sie der Erzählerin abnehmen wollte. Man hatte manchmal das Gefühl, es könnte ein Funken Wahrheit in den Erzählungen stecken, ein Funken, um den herum aber eine Geschichte erzählt wurde, deren Auswüchse etwas unglaubwürdig wurden.

Möchte die Erzählerin damit die Aufmerksamkeit ihrer Umwelt auf sich lenken? Möchte sie gefallen? Möchte sie einfach nur, wie man in manchen Therapiesitzungsberichten den Eindruck gewinnt, ihrem Therapeuten eine gute Story liefern, die ihn zufrieden stellt?

Korb ist sehr zufrieden mit mir. Weil ich mich öffne. Er hat die eine Hand in die andere und die Stirn in Falten gelegt. Und bei jedem dritten Wort nickt er verständnisvoll. Er erinnert mich an mich selbst als Kind. […]
Er freut sich, dass ich endlich über Dinge spreche, die er aus dem Lehrbuch kennt. Er ist glücklich, dass er doch noch die Seele von Eva Gruber heilen kann.

Diese Eva Gruber ist eine charakterliche Wildsau, aber auch eine erzählerische Wucht. Sie scheint fast nichts wirklich ernst zu nehmen. Nur bei ihrem Bruder scheint sie etwas weniger zu Scherzen aufgelegt zu sein, wenn sie vergeblich versucht, ihn zum Essen zu bewegen. Doch dann ist sie im nächsten Moment schon wieder damit beschäftigt, absichtlich „Fleischkäs“ statt „Leberkäs“ zu sagen, weil das die österreichischen Verkäuferinnen aufregt. Was für eine erzählerische Glanzleistung! Wie anstrengend muss diese Erzählerin sein, wie intensiv, sich so etwas überhaupt auszudenken.

Man möchte ihr durchgehend zur Seite stehen und ein wenig helfen, in der Meinung, es besser zu können als ihr gutmütiger Therapeut namens Dr. Korb, der sich der Scherze, die sie mit ihm treibt, anscheinend gar nicht bewusst ist. Doch hat man dabei schon Angst, von ihr manipuliert zu werden. Vielleicht ist eben das das Schicksal der Eva Gruber, aufgrund ihrer manipulativen Spielereien und Intrigen sowie ihrer Unaufrichtigkeit am Ende komplett auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Eines ist nach dieser Lektüre sicher: Die sprunghafte, raffinierte und hochintelligente Erzählerin Eva Gruber geht einem nicht so schnell aus dem Kopf. Wer eine Psychiatrie-Story mit österreichischem Lokalkolorit sucht, die es in sich hat, wird hier fündig.

Bewertung: 3,5 von 5

ISBN 9783446262591

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.