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Rezension

„Anne-Marie die Schönheit“ von Yasmina Reza

Yasmina Reza: Anne-Marie die Schönheit. München: Hanser 2019. 79 Seiten. 16 Euro.
(© Hanser Verlag)

Yasmina Reza ist bekannt für Texte wie „Kunst“ oder „Gott des Gemetzels“, in denen eine bürgerliche Fassade zunächst starke Risse bekommt und schließlich zusammenbricht. In „Anne Marie die Schönheit“ setzt sie ihr Schreiben in diesem Stil fort, schlägt aber sanftere, wenn auch immer noch rasante Töne an.

In ihrem neuen Buch bringt die Erzählerin die Illusion eines ganzen Schauspielerinnenlebens zum bröckeln, wenn Anne-Marie, eine alternde Schauspielerin, am Ende ihrer Karriere Bilanz zieht über das, was sie zustande gebracht hat. Diese Bilanz geschieht im Vergleich mit der erfolgreicheren Kollegin Giselle, die mit ihrer lässigen Attitüde die großen Rollen abbekommen hat, während Anne-Marie nur in einem Vorstadttheater von Paris gelandet ist und sich mit Nebenrollen begnügen musste.

Der Stil des Schauspielerinnen-Monologs ist rasend, komisch und melancholisch zugleich. Allem liegt eine komische Bitterkeit zugrunde, die das Thema Alter mit einem Humor wegwischt, der im nächsten Moment dem Ernst weicht und umgekehrt. Ich habe den schmalen Band an einem Nachmittag durchgelesen und mich an nicht wenigen Stellen köstlich amüsiert.

Zurückbleibt aber trotz allem von diesem Text eine Melancholie, die das Altwerden und den Tod anerkennt, egal mit wie viel Witz das Thema präsentiert wurde. So stirbt im Laufe des Textes Giselle. Anne-Marie muss auf die Beerdigung ihrer früheren Freundin Gigi.

Als wir jung waren, hat man auf die Religion gespuckt. Wir dachten, über diesen alten faulen Zauber sind wir ein für alle Mal hinweg. Mittlerweile muss sich wieder hinknien […] Ich weiß nicht, warum für sie eine Totenmesse veranstaltet wurde. Andererseits hat das ordentliche angezogen. Darunter sogar VIPS, Giselle wäre zufrieden gewesen.

In einem ähnlichen Duktus ist der gesamte Text verfasst. Wer einen lebhaften, dichten Monolog über das Altwerden und einen Rückblick auf ein Schauspielerinnen- und Familienleben mit Höhen und Tiefen sucht, der wird hier fündig. Besonders hervorzuheben ist dabei auch die sehr gelungene Übersetzung aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.

Bewertung: 4 von 5

ISBN 9783446263789

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