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Rezension

David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“

David Foenkinos (2018): Die Frau im Musée d’Orsay. Penguin Verlag.

David Foenkinos schreibt mit seinem neuen Roman „Die Frau im Musée d’Orsay“ einen Roman der Schicksalswendungen und der schicksalhaften Verknüpfungen. Ja, wenn man das Buch weglegt, fühlt man sich fast ein wenig an die klassischen Tragödien aus französischer Feder erinnert, da hier so viele sich am Ende fatal auswirkende Begegnungen und Verfremdungen intrigenhaft ineinandergreifen.

Und doch ist dieses Buch ein Werk für sensible Seelen. Es ist spannend geschrieben und lädt doch zum Nachdenken ein. Denn es handelt von dem Professor Antoine Duris, der sein äußerlich erfolgreiches Leben an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon zurücklässt, um nach Paris zu ziehen. Dort wird er… Saalaufsicht im Musée d’Orsay. Er erzählt niemand von seinem überraschenden Umzug nach Paris, nicht einmal seinen Verwandten. Und ebenso kann sich niemand erklären, weshalb Antoine Duris so plötzlich seine Stelle als beliebter Professor hinter sich lässt.

Erst im Lauf des Romans entspannt sich nach und nach, durch die Verflechtungen miteinander verwobener Lebensläufe, der Grund für Antoines raschen Aufbruch nach neuen Ufern, die weit unter seiner eigentlichen Qualifizierung liegen. So erfährt der Leser, dass Antoine noch immer am Schicksal einer ehemaligen Studentin knabbert, die zunächst eine seiner größten Hoffnungen unter den Studentinnen und Studenten an der Lyoner Kunsthochschule war, aber dann in eine Reihe von für sie fatalen Verwicklungen geriet. Zugleich lernt Antoine im Musée d’Orsay eine neue Frau kennen – die titelgebende Frau im Musée d’Orsay, die ihn aufgrund seines dringenden Wunsches, als Aufsicht in diesem Museum zu arbeiten, unterstützt, wenn es nötig ist, und ihm neue Hoffnung gibt.

David Foenkinos lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Und tatsächlich ist es den Texten anzumerken, dass sie aus der Feder eines Autors stammen, der auch Drehbücher schreibt. Denn Foenkinos hat ganz offenkundig eine Neigung zum szenischen und zum plastischen Erzählen. Seine Erzählungen sind gefüllt mit Szenen. Dazu kommen für den Film und das Theater typische Spannungsverläufen: Cliffhanger, überraschende Wendung, Dramatisierung. Außerdem häufen sich Dialoge und Schlagabtausche.

All dies rückt die Texte in die Nähe eines ausformulierten Drehbuchs, zumal das Buch sich wie manches Theaterstück oder Drehbuch in drei Teile gliedert, die nach und nach die Vergangenheit aufrollen, um zur Klärung von Antoines Flucht beizutragen.

Ich mag eigentlich keine Liebesgeschichten, aber hier handelt es sich nicht um ein reines Liebesbuch. Dieser Roman enthält die ganze Fülle des Lebens: Er umfasst das schlimmste Verbrechen, aber auch Glauben an die heilende Kraft der Kunst und der Schönheit. Ich kann das Buch als spannende und an manchen Stellen immer wieder überraschende Lektüre empfehlen.

4/5 Punkten

ISBN 3328600868

Eine Antwort auf „David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay““

mich würde mal interessieren, an welche »[…] klassischen Tragödien aus französischer Feder « du da denkst. da ich bisher keinen schwerpunkt meinerseits auf französische literatur habe – ich hab’s im bereich französischer literatur (bisher) eher mit der lyrik der surrealisten – wäre ich mich über eine paar konkrete beispiele freuen, die du in diesem zusammenhang erinnertest, als du das buch gelesen hast.

viele grüße,
steffen

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